Der Autor auf Seeking Alpha argumentiert, dass die „Great Rotation“ – der Umschichtungsprozess von Wachstums‑ in Value‑Titel – an Geschwindigkeit gewinnt und eine „Online-Mentalität“ vieler Marktteilnehmer entlarvt, die sich zu stark an kurzfristigen Kursbewegungen und Stimmungsumschwüngen statt an Geschäftsmodellen orientiert haben. Investoren hätten sich in den vergangenen Jahren stark auf wenige große Software- und Plattformunternehmen konzentriert, was diese Werte extrem anfällig für Stimmungswechsel mache.
Im Zentrum der Analyse steht die Beobachtung, dass selbst vermeintlich unerschütterliche Software-Schwergewichte beginnen zu „cracken“, also strukturell an relativer Stärke verlieren. Während Energie-, Rohstoff- und andere zyklische Value-Sektoren bereits seit geraumer Zeit eine Outperformance gegenüber Teilen des Tech-Segments aufweisen, scheinen nun auch Anleger mit starkem Software-Fokus die Rotation zu spüren. Dies zeige sich nicht nur in absoluten Kursrückgängen, sondern vor allem in der relativen Underperformance gegenüber dem Gesamtmarkt und klassischen Value-Indizes.
Seeking Alpha hebt hervor, dass der Markt in der Endphase eines sehr langen, durch niedrige Zinsen und Liquiditätsflut geprägten Wachstumszyklus sein könnte. In diesem Umfeld seien hohe Bewertungsmultiplikatoren im Softwaresektor zunehmend schwerer zu rechtfertigen, insbesondere dort, wo Wachstumsraten bereits abflachen oder das Umsatzwachstum stark von aggressiven Preismodellen und hoher Kundenbindung abhängt. Die „Quality-Growth“-Narrative vieler Softwaretitel werde in einem Umfeld steigender oder zumindest nicht weiter sinkender Zinsen sowie intensiverer Regulierung herausgefordert.
Der Beitrag verweist zugleich darauf, dass Marktteilnehmer, die „online“ handeln – sprich primär über Plattformen agieren und stark von Trends, Social Media und kurzfristigen Kursimpulsen beeinflusst werden – die Rotation oft erst spät erkennen. Diese Anlegergruppe neige dazu, Rücksetzer bei High-Growth-Softwarewerten reflexartig als Kaufchance („buy the dip“) zu interpretieren, ohne den strukturellen Charakter der sich abzeichnenden Umschichtung zu berücksichtigen. Dies könne dazu führen, dass Kapital zu lange in nachlassender relativer Stärke gebunden bleibe.
Im Vergleich dazu hätten rohstoffnahe Sektoren, Energieunternehmen und andere klassische Value-Branchen in den vergangenen Quartalen von einer Neubewertung profitiert. Steigende Rohstoffpreise, robuste Cashflows und Dividendenrenditen sowie eine im historischen Vergleich noch immer moderate Bewertung hätten institutionelle Anleger dazu veranlasst, ihr Engagement in diesen Bereichen signifikant auszuweiten. Die Kapitalflüsse in diese Sektoren verstärkten die Kursbewegungen zusätzlich und beschleunigten damit die Rotation.
Seeking Alpha macht deutlich, dass diese Entwicklung nicht als kurzfristige, rein taktische Verschiebung, sondern als potenziell längerfristige Reallokation von Kapital interpretiert werden kann. Die hohe Konzentration von Marktindices und ETFs auf wenige große Software- und Plattformunternehmen habe ein Klumpenrisiko geschaffen, das sich nun langsam entlädt. Die Tatsache, dass selbst fundamental profitable und qualitativ hochwertige Softwarewerte unter Druck geraten, deute darauf hin, dass die Rotation auf Portfolioebene, nicht nur auf Einzeltitelebene, stattfinde.
Der Artikel thematisiert zudem, dass viele Softwaremodelle in den vergangenen Jahren von extrem günstigen Refinanzierungsbedingungen profitiert haben. Wachstumsstrategien, die stark auf M&A, aggressiven Vertrieb und hohen Vorlaufinvestitionen basieren, gerieten in einem Umfeld veränderter Zinsstruktur und steigender Kapitalkosten zunehmend unter Margendruck. Der Markt sei daher weniger bereit, hohe Kurs-Umsatz-Multiplikatoren zu akzeptieren, wenn die Pfade zu nachhaltiger, freier Cashflow-Generierung unklar bleiben.
Aus Anlegersicht steht damit die Frage im Raum, ob der softwaredominierte Growth-Trade der letzten Dekade strukturell zu Ende geht oder nur eine Phase der Konsolidierung durchläuft. Seeking Alpha stellt fest, dass die Marktmechanik aktuell eher auf eine echte Regimeänderung hindeutet: Kapital suche gezielt Sektoren mit „tangible assets“, realwirtschaftlicher Pricing-Power und verlässlichen Ausschüttungen. Infolgedessen verbessere sich das Risiko-Rendite-Profil vieler traditioneller Branchen relativ zu hoch bewerteten, wachstumsorientierten Technologiewerten.
Konservative Implikationen für Anleger
Für konservative Investoren bedeutet die geschilderte Entwicklung, dass eine kritische Überprüfung der eigenen Sektorallokation angezeigt ist. Wer in den vergangenen Jahren starke Übergewichte in Software- und High-Growth-Tech aufgebaut hat, könnte das Portfolio graduell diversifizieren, um das Klumpenrisiko zu reduzieren und stärker von der laufenden Sektorrotation zu profitieren. Dabei bietet sich eine schrittweise Reallokation hin zu soliden Value-Segmenten, dividendenstarken Blue Chips und rohstoffnahen Qualitätsunternehmen an, ohne bestehende Tech-Engagements panikartig aufzulösen. Eine solche vorsichtige Umschichtung wahrt die Chance, an einer möglichen Erholung ausgewählter Softwarewerte teilzuhaben, reduziert zugleich aber die Anfälligkeit gegenüber einer sich fortsetzenden „Great Rotation“.
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