Autonomes Fahren gilt als eine der spektakulärsten und gleichzeitig umstrittensten Technologien der vergangenen Jahre. Wie Audun Wickstrand-Iversen, Portfoliomanager beim DNB Fund Disruptive Opportunities bei DNB Asset Management, betont, ist es mittlerweile klar, dass die technische, regulatorische und wirtschaftliche Komplexität dieser Technologie unterschätzt wurde.
Laut Schätzungen von McKinsey und BCG könnte der Markt für autonomes Fahren, der auch Software, Hardware, Datenservices und Robotaxi-Dienste umfasst, bis 2035 ein Volumen von 300 bis 400 Milliarden US-Dollar erreichen.
Kurzfristig bleibt der Umsatzbeitrag begrenzt
Im Jahr 2025 kamen über 90 Prozent der Fahrzeugumsätze weiterhin aus Level-2-Systemen kommen, wie etwa Assistenzsystemen zum Spurhalten oder adaptive Tempomaten. Der entscheidende Schritt in der Entwicklung liegt jedoch im Übergang zu Level-4-Fahrzeugen, bei denen Fahrzeuge ohne menschliche Aufsicht in definierten Gebieten fahren können. Genau an diesem Punkt trenne sich derzeit Hoffnung von Realität.
Tesla verfolgt im Bereich des autonomen Fahrens einen speziellen Ansatz, der sich deutlich von den anderen Marktteilnehmern unterscheidet. Der US-amerikanische Konzern setzt auf Kameras, neuronale Netze und riesige Datenmengen aus über 5 Millionen Fahrzeugen, anstatt auf teure LidAR-Sensoren.
Tesla hat das System "Full Self-Driving" (FSD) bereits in über 400.000 Fahrzeugen integriert, es wird jedoch bislang vorwiegend als Fahrerassistenzsystem eingesetzt. Darüber hinaus hat Tesla bereits mehr als 200 Model Y-Fahrzeuge in sein Robotaxi-Netzwerk aufgenommen. Im Januar 2026 erhielt das Unternehmen die Genehmigung, in einigen Fahrzeugen auf die Anwesenheit eines Sicherheitsfahrers zu verzichten.
Während Elon Musk von einem Robotaxi-Netzwerk spricht, das langfristig Umsätze in dreistelliger Milliardenhöhe generieren könnte, bleibt es für Investoren unklar, ob dieser Traum Realität wird. Dabei stellt sich insbesondere die Frage, ob ein rein kamerabasiertes System regulatorisch akzeptiert wird. Doch Tesla hat laut Wickstrand-Iversen mit eigenen KI-Chips und einer vertikalen Integration einen Kostenvorteil gegenüber seinen Wettbewerbern.
Während Tesla auf Skalierung setzt, verfolgen andere Anbieter eine selektivere Strategie. Waymo, die Alphabet-Tochter, betreibt bereits Robotaxi-Dienste in Phoenix, San Francisco und Los Angeles, mit mehreren tausend Fahrzeugen, die in klar abgegrenzten Gebieten autonom fahren.
Schätzungen zufolge liegen die Kosten pro Fahrzeug jedoch weiterhin bei mehr als 100.000 US-Dollar, was die Skalierbarkeit einschränkt. General Motors (General Motors Aktie) hat seine Robotaxi-Tochter Cruise nach Milliardenverlusten stark zurückgefahren. Auch Ford und Volkswagen (VW Aktie) haben ihre Autonomieprojekte entweder eingestellt oder erheblich reduziert. Das zeigt, so Wickstrand-Iversen, wie kapitalintensiv und margenschwach das autonome Fahren für klassische Autobauer ist.
In China geht die Entwicklung des autonomen Fahrens schneller voran
Konzerne wie Baidu, Pony.ai und AutoX betreiben bereits autonome Flotten in mehreren Städten. Der Staat unterstützt diese Pilotprojekte sowohl finanziell als auch regulatorisch und betrachtet autonomes Fahren als Schlüsseltechnologie. Anleger müssen daher davon ausgehen, dass ein erheblicher Teil der Wertschöpfung außerhalb westlicher Märkte entstehen könnte.
Für Investoren, die stabilere Chancen suchen, könnten Zulieferer und Chiphersteller der eigentliche Gewinner des autonomen Fahrens sein, so Wickstrand-Iversen. Nvidia habe sich mit seiner Drive-Plattform als zentraler Anbieter von Rechenleistung für autonomes Fahren etabliert. Jeder Schritt hin zu mehr Autonomie erfordert eine enorme Menge an KI-Rechenleistung.
Auch Mobileye, eine Tochter von Intel, profitiert mit seinen kamerabasierten Assistenz- und Autonomiesystemen. Das Unternehmen rechnet bis 2030 mit einem Umsatz im mehrstelligen Milliardenbereich allein durch Software und Mapping. Klassische Zulieferer wie Bosch, Continental (Continental Aktie) und ZF liefern Sensorik, Steuergeräte und Redundanzsysteme – oft mit stabileren Margen als die Fahrzeughersteller.
Kurzfristig werden immer leistungsfähigere Assistenzsysteme eingeführt. Mittelfristig sind autonome Flotten in Städten und für die Logistik zu erwarten. Langfristig könnten sogar private Fahrzeuge ohne Lenkrad auf den Straßen unterwegs sein, schätzt Wickstrand-Iversen.
Sein Fazit: Für Anleger wird es entscheidend sein, Visionen von tragfähigen Geschäftsmodellen zu trennen. Zwar verzögert sich der große Durchbruch, doch die Entwicklung geht weiter. Wer die Wertschöpfungskette des autonomen Fahrens versteht, wird jenseits der spektakulären Robotaxi-Versprechungen attraktive Investmentchancen finden.
Autor: sbh-Redaktion/neb