Die Wurzeln der Merck KGaA reichen bis 1668 zurück, als Friedrich Jacob Merck in Darmstadt die Engel-Apotheke übernahm. Merck beschreibt sich selbst als seit 13 Generationen familiengeprägtes Unternehmen. Aus der Apotheke wurde über Jahrhunderte ein Chemie-, Pharma- und später Technologiekonzern. 1995 wurde die heutige Merck KGaA geschaffen und an die Börse gebracht; der erste Handelstag war der 20. Oktober 1995. (merckgroup.com) (merckgroup.com)
Die Aktionärsstruktur ist ungewöhnlich und für die Bewertung zentral. Merck ist eine KGaA. Rund 70 % des Gesamtkapitals werden über die E. Merck KG gehalten, hinter der wiederum im Wesentlichen die Merck-Familie steht; der Streubesitz liegt bei knapp 30 %. Das bedeutet: Für langfristige Anleger ist das zweischneidig. Positiv ist die lange Orientierung, weniger Quartalshektik und eine gewisse Stabilität. Negativ ist der begrenzte Einfluss freier Aktionäre. Man investiert hier in ein familienkontrolliertes Langfristmodell. (merckgroup.com)
Operativ ist Merck 2026 ein Qualitätsunternehmen, aber kein Selbstläufer. 2025 lagen die Umsätze bei 21,1 Mrd. Euro, praktisch stabil gegenüber dem Vorjahr. Organisch wuchs Merck um 3,1 %, wurde aber durch Währungseffekte belastet. Das bereinigte EBITDA lag bei 6,1 Mrd. Euro, die bereinigte EBITDA-Marge bei 28,9 %, der Gewinn nach Steuern bei 2,6 Mrd. Euro und das bereinigte Ergebnis je Aktie bei 8,34 Euro. Das ist solide. (reports.merckgroup.com) (reports.merckgroup.com)
Die wichtigste Sparte ist Life Science. Sie machte 2025 rund 9,0 Mrd. Euro Umsatz und damit 42 % des Konzernumsatzes. Merck verkauft hier nicht Medikamente an Patienten, sondern Produkte, Dienstleistungen und Technologien für Forschung, Labore, Biotech- und Pharmaproduktion. Besonders wichtig ist Process Solutions, also die Ausrüstung und Verbrauchsmaterialien entlang der biopharmazeutischen Produktionskette. Nach der Corona-Sonderkonjunktur und dem anschließenden Lagerabbau war das Geschäft zeitweise gebremst. 2025 zog Process Solutions organisch aber wieder kräftig an. Das ist für die Aktie wesentlich, weil Life Science strukturell eines der attraktivsten Felder im Konzern ist: Biologika, Zell- und Gentherapien, Labordigitalisierung, Prozessautomatisierung und Outsourcing sprechen langfristig für Wachstum. (reports.merckgroup.com)
Die zweite große Säule ist Healthcare mit 8,6 Mrd. Euro Umsatz 2025. Hier steckt das klassische Pharma-Geschäft: Onkologie, Neurologie/Immunologie, Fertilität, Herz-Kreislauf-, Stoffwechsel- und Endokrinologieprodukte sowie seit der SpringWorks-Übernahme auch seltene Erkrankungen. Die Sparte ist hochprofitabel; 2025 lag die bereinigte EBITDA-Marge bei 35,8 %. Gleichzeitig ist sie mit den üblichen Pharmarisiken behaftet: Patentabläufe, Preisdruck, regulatorische Risiken und die Frage, ob die Pipeline genug nachliefert. Besonders im Blick steht der Lebenszyklus reifer Produkte wie Mavenclad, Rebif oder bestimmter Fertilitätspräparate. Healthcare liefert Cashflow, aber der Markt verlangt hier zu Recht Beweise, dass neue Produkte die älteren Umsatzträger ersetzen können. (reports.merckgroup.com)
Die dritte Säule ist Electronics mit 3,5 Mrd. Euro Umsatz 2025. Das klingt kleiner, ist aber strategisch wichtig. Merck liefert Materialien und Spezialchemie für Halbleiter, Displays und andere Elektronikanwendungen. In Semiconductor Solutions profitierte Merck 2025 von Nachfrage aus KI-bezogenen Advanced Nodes, während andere Teilbereiche schwächer waren. Diese Sparte ist zyklischer als Life Science und Healthcare, aber sie hat langfristig Rückenwind durch KI, Hochleistungsrechner, Speicher, Sensorik, Miniaturisierung und steigende Materialkomplexität in der Chipproduktion. (reports.merckgroup.com)
Für 2025 wurden 2,20 Euro je Aktie beschlossen, die Dividende wurde damit zum 15. Mal in Folge mindestens stabil gehalten oder erhöht. Bei 141,55 Euro Kurs entspricht das einer Dividendenrendite von rund 1,55 %. Merck verfolgt eine konservative Dividendenpolitik und nennt als Ziel grundsätzlich 20 bis 25 % des bereinigten Ergebnisses je Aktie, mit möglicher Abweichung. Auf Basis von 8,34 Euro bereinigtem EPS 2025 liegt die Ausschüttungsquote rechnerisch bei etwa 26 %. (merckgroup.com) (reports.merckgroup.com)
Die Analystenkursziele sprechen nicht für eine massive Unterbewertung. MarketScreener nennt Mitte 2026 einen Konsens von 14 Analysten mit Einstufung „Outperform“, einem durchschnittlichen Kursziel von 144,91 Euro, einem höchsten Ziel von 179 Euro und einem niedrigsten Ziel von 121 Euro. Der Markt sieht Merck als solide, aber kurzfristig ungefähr fair bewertet. (MarketScreener)
Für die nächsten fünf Jahre hängt der Investment-Case vor allem an drei Punkten. Erstens muss Life Science nach der Post-Covid-Delle wieder organisch wachsen und Bio-Techne sauber integrieren. Zweitens muss Electronics vom KI- und Halbleiterzyklus profitieren, ohne wieder zu stark von zyklischen Schwächen ausgebremst zu werden. Drittens muss Healthcare den Druck durch reifere Medikamente und Patentthemen durch neue Produkte, seltene Erkrankungen und Pipeline-Erfolge abfedern. Meine Einschätzung: Ein realistischer Basispfad wäre mittleres einstelliges Gewinnwachstum über den Zyklus, sofern Bio-Techne nicht enttäuscht und Währungen nicht dauerhaft gegen Merck laufen.
Für die nächsten zehn bis fünfzehn Jahre ist Merck interessanter. Das Unternehmen sitzt in strukturell attraktiven Märkten: Biopharma-Produktion, Labor- und Forschungstechnologie, seltene Erkrankungen, Spezialpharma, Halbleitermaterialien und KI-nahe Elektroniklieferketten. Merck hat die Substanz, um langfristig ein Compounder zu bleiben. Aber große Übernahmen wie Bio-Techne müssen sich rechnen, die Healthcare-Pipeline muss liefern, und Electronics bleibt trotz KI-Phantasie zyklisch.
Langer Rede, kurzer Sinn: Merck KGaA ist ein hochwertiger, familienkontrollierter Langfristwert, aber aus meiner Sicht momentan kein offensichtliches Schnäppchen. Ich selbst bin hier nicht drin und habe derzeit auch keinen Einstieg vor; die Aktie passt nicht wirklich zu meinem aktuellen Portfolio. Vor allem deutsche Unternehmen interessieren mich aber nicht nur aus wirtschaftlichen Gründen, sondern mit Blick auf ihre Historie. Dabei war Merck mir im Zuge von Recherchen mit auf den Schirm geraten.
Allen, die hier investiert sind, wünsche ich viel Erfolg.