Ein Grund dafür liegt in der veränderten Marktlage. Während Rüstungsunternehmen lange als politisch schwierige Investments galten, erlebt die Branche seit dem russischen Angriff auf die Ukraine einen historischen Nachfrageboom. Der börsennotierte Wettbewerber Rheinmetall (Rheinmetall Aktie) hat seinen Börsenwert innerhalb von drei Jahren etwa verzehnfacht. Dieses Signal zeigt auch bei den privaten Eigentümern Wirkung.
Ein „Superzyklus“ für Rüstungsgüter
Die wirtschaftlichen Voraussetzungen für einen Börsengang sind aus Sicht des Managements günstig. KNDS verfügte Ende 2024 über einen Auftragsbestand von rund 23,4 Milliarden Euro bei einem Jahresumsatz von 3,8 Milliarden Euro.
Unternehmenschef Alary spricht offen von einem „Superzyklus für Rüstung“. Tatsächlich stehen in Europa massive Beschaffungsprogramme an.
Allein die Bundeswehr plant in den kommenden Jahren:
bis zu 1000 Kampfpanzer Leopard 2
Damit würde Deutschland seine Panzerflotte in etwa verdreifachen. Parallel modernisiert Frankreich seine Landstreitkräfte, während gleichzeitig umfangreiche Waffenlieferungen an die Ukraine stattfinden.
Aus betriebswirtschaftlicher Sicht entsteht dadurch ein langfristiger Nachfragehorizont, der für Investoren kalkulierbarer ist als viele andere Industriezweige. Rüstungsprogramme laufen oft über Jahrzehnte – ein Umstand, der Umsätze stabilisiert, auch wenn politische Prioritäten wechseln.
Ausbau der Produktionskapazitäten
Um den Nachfrageanstieg zu bewältigen, baut KNDS seine Produktionskapazitäten deutlich aus. In Deutschland sollen in den kommenden Jahren rund eine Milliarde Euro in neue Fertigungsanlagen fließen.
Ein Teil dieser Expansion erfolgt über die Umnutzung bestehender Industrieanlagen. So übernimmt das Unternehmen unter anderem ein ehemaliges Waggonwerk des Zugherstellers Alstom im sächsischen Görlitz.
Weitere Standorte sind in Planung. Brancheninsider gehen davon aus, dass mindestens ein zusätzliches Werk in Deutschland entstehen könnte.
Der Ausbau steht sinnbildlich für den strukturellen Wandel der Branche: Panzerproduktion war lange ein vergleichsweise kleiner Manufakturbereich mit begrenzten Stückzahlen. Angesichts steigender militärischer Nachfrage wird zunehmend über Serienfertigung nachgedacht.
Ein Branchenveteran soll die Interessen ausbalancieren
Um die politischen und wirtschaftlichen Interessen zusammenzuführen, hat KNDS einen erfahrenen Manager an die Spitze seines Verwaltungsrats geholt: Tom Enders, früherer Chef des Luftfahrtkonzerns Airbus.
Enders gilt als einer der wenigen Manager Europas mit Erfahrung im Umgang mit deutsch-französischen Industriekonstruktionen. Bei Airbus gelang es ihm, den Einfluss staatlicher Aktionäre deutlich zurückzudrängen und gleichzeitig die operative Effizienz zu steigern.
Eine ähnliche Aufgabe wartet nun bei KNDS. Der Konzern wird bislang noch stark von den Strukturen eines mittelständischen Familienunternehmens geprägt. Für einen börsennotierten Industriekonzern sind jedoch klarere Governance-Strukturen erforderlich.
Parallel baut das Unternehmen sein Management um. Seit Januar führt der frühere Mercedes-Manager Florian Hohenwarter die operative Tochter KNDS Deutschland. Seine Aufgabe ist es, die Produktion stärker zu industrialisieren.
Finanzchef der Holding ist Christian Schulz, der bereits 2024 den erfolgreichen Börsengang des Rüstungszulieferers Renk begleitet hat.

Rheinmetall: Partner und Konkurrent
Eine besondere Rolle spielt im Umfeld des Börsengangs der Düsseldorfer Rüstungskonzern Rheinmetall. Beide Unternehmen arbeiten beim Kampfpanzer Leopard 2 seit Jahrzehnten zusammen und stehen gleichzeitig im Wettbewerb.
KNDS liefert die Plattform und das Fahrzeug, Rheinmetall unter anderem zentrale Komponenten wie die Kanone.
Immer wieder gab es Spekulationen über eine engere Zusammenarbeit oder sogar eine Beteiligung Rheinmetalls an KNDS. Konzernchef Jean-Paul Alary hat solche Pläne jedoch mehrfach zurückgewiesen.
Aus französischer Sicht wäre ein Einstieg Rheinmetalls besonders sensibel. In Paris besteht die Sorge, dass der deutsche Konzern die europäische Panzerindustrie dominieren könnte.
Rheinmetall-Chef Armin Papperger erklärte zuletzt ebenfalls, dass ein Einstieg derzeit nicht geplant sei. Das Unternehmen profitiert ohnehin stark von steigenden Verteidigungsausgaben. Nach eigenen Angaben fließen rund 70 Prozent der Bundeswehr-Investitionen im Panzer- und Transportbereich zu Rheinmetall.
Der Leopard bleibt das Symbol deutscher Panzertechnik
Im Zentrum der KNDS-Produktion steht weiterhin der Leopard 2, einer der weltweit bekanntesten Kampfpanzer. Mehr als 20 Staaten nutzen das System.
Historisch betrachtet hat der Panzerbau in Deutschland eine besondere Bedeutung. Während Frankreich lange auf leichtere, mobilere Fahrzeuge setzte, konzentrierte sich die Bundeswehr während des Kalten Kriegs auf schwere Kampfpanzer für die Verteidigung Mitteleuropas.
Diese Tradition prägt die Industrie bis heute. Entsprechend groß ist der Stolz bei der KNDS-Tochter Krauss-Maffei Wegmann auf den Leopard.
Nach dem Ende des Kalten Kriegs verlor der schwere Panzer allerdings zunächst an Bedeutung. Zeitweise überlebte das Unternehmen vor allem durch Wartungsaufträge und einzelne Exportgeschäfte – etwa eine Lieferung von Leopard-Panzern und Panzerhaubitzen nach Katar im Jahr 2013.
Die Vision eines europäischen Panzers
Langfristig verfolgt KNDS gemeinsam mit Partnern das Projekt eines europäischen Kampfpanzers der nächsten Generation. Das Programm MGCS (Main Ground Combat System) soll ab etwa 2040 den deutschen Leopard und den französischen Leclerc ersetzen.
Für das Projekt wurde 2024 die MGCS Project Company GmbH mit Sitz in Köln gegründet.
Allerdings drängt die Realität der Sicherheitslage zu schnelleren Lösungen. Deshalb arbeiten Rheinmetall und KNDS parallel an einer Weiterentwicklung des Leopard-Systems – oft als „Leopard 3“ bezeichnet.
Das Fahrzeug soll unter anderem neue Elektroniksysteme und eine leistungsstärkere Kanone erhalten. Interessanterweise spielt Frankreich bei dieser Entwicklung bislang keine zentrale Rolle.
Auch das zeigt, dass europäische Rüstungskooperationen häufig zwischen politischem Anspruch und industriellen Interessen pendeln.
Neue Akteure drängen in die Verteidigungsindustrie
Der Boom der Branche lockt inzwischen auch Unternehmen aus anderen Industrien an. Ein Beispiel ist Heidelberger Druckmaschinen, traditionell ein Hersteller von Druckmaschinen.
Das Unternehmen gründete gemeinsam mit dem israelisch-amerikanischen Spezialisten Ondas ein Joint Venture namens Onberg. Ziel ist die Produktion eines Systems zur Drohnenabwehr in Brandenburg an der Havel.
Das System kombiniert Kamera-, Radar- und Infrarotsensorik, um Drohnen automatisch zu erkennen. Anschließend kann entweder die GPS-Kommunikation gestört werden oder eine Abfangdrohne eingesetzt werden.
Der Fokus liegt vor allem auf dem Schutz kritischer Infrastruktur. Dass ein klassischer Maschinenbauer in diesen Markt einsteigt, ist ein Hinweis darauf, wie stark sich die industrielle Landschaft rund um Sicherheitstechnologien derzeit verändert.
Ein Börsengang mit Signalwirkung
Der geplante Börsengang von KNDS könnte zu einem wichtigen Marker für den europäischen Rüstungssektor werden. Während viele Unternehmen der Branche traditionell in staatlicher oder privater Hand waren, öffnen sich nun zunehmend die Kapitalmärkte.
Die Kombination aus langfristigen Auftragsbeständen, steigenden Verteidigungsetats und geopolitischen Spannungen hat die Wahrnehmung des Sektors deutlich verändert.
Gleichzeitig bleibt die Branche politisch sensibel. Der Einfluss von Regierungen auf strategische Industrien wird voraussichtlich auch nach dem Börsengang groß bleiben.
Gerade deshalb wird KNDS an der Börse nicht nur als Rüstungskonzern bewertet werden – sondern auch als politisches Projekt Europas. Planbare Umsätze in einem stark wachsenden Markt versprechen jedoch trotz zahlreicher Risiken ein Paar gute Wachstumsimpulse für die kommenden Jahre.