Kolumne: Davoser Meinungstreiben
Von Thomas Fricke, Davos
Die Ökonomen streiten über den Devisenmarkt und verabschieden sich von alten Tabus.
In Davos gibt es derzeit mindestens so viel Schnee wie Ideen hochkarätiger Ökonomen dazu, wie der akute oder drohende Dollar-Absturz zu deuten ist. Vor allem zu der Frage, ob, wann und wie die großen Notenbanker und Finanzminister der Welt dagegen angehen sollten. Geschneit hat es zum Start des Weltwirtschaftsforums binnen weniger Stunden 50 Zentimeter. Die Zahl der zum Devisenproblem geäußerten Ideen ist nicht gemessen worden, dürfte aber bereits im unteren zweistelligen Bereich gelegen haben: Von Radikalforderungen nach sofortigem Gegensteuern bis zu gelassenen Wait-and-See-Statements - für jeden scheint etwas dabei.
Ein Teil des Gefälles mag durch Nationalität und Wohnort des jeweiligen Ökonomen oder Politikers zu erklären sein. Natürlich kommt die Dollar-Abwertung an sich zumindest jenen meist nicht europäischen Befragten ganz gelegen, die George W. Bush nach den Wahlen im November gerne noch als Präsidenten hätten. So dem heimlichen Kandidaten auf eine Greenspan-Nachfolge, Martin Feldstein. Oder dem Chef von Merrill Lynch und ehemaligen IWF-Ökonomen Jacob Frenkel. Klar: Die schwache Währung hilft Export und Konjunktur, und das könnte im Wahljahr 2004 wichtig sein, wenn Konjunkturstützen wie die seit Monaten wirkenden Steuersenkungen ausbleiben.
Das babylonisch wirkende Sprachengewirr zum vermeintlichen Devisendebakel zeigt jenseits solcher Interessen aber vor allem eins: dass Ökonomen heute bei kaum einem Thema so aufgeschmissen wirken wie dann, wenn es darum geht, das Auf und Ab der Wechselkurse nachvollziehbar zu erklären.
Gegensteuern ist hipp
Klar ist nur: dass der Glaube an die Rationalität der Devisenmärkte dahin ist, ebenso wie das lang gehegte Ökonomen-Leitmotiv, wonach es als weise gilt, dem vermeintlich rationalen Devisenspiel in Ehrfurcht zuzusehen. Gegensteuern ist wieder hipp.
Wer sich bei Experten zum erstaunlichen Höhenflug des Euro umhört, bekommt von den einen mit großem Selbstbewusstsein erläutert, dass das ganz einfach an den Zinsdifferenzen liegt. In den USA liegen die Sätze für kurzfristig angelegtes Geld derzeit bei einem Prozent, in Europa bei zwei.
Man wäre ja blöde, da nicht Euro zu kaufen, klingt logisch. Fragt sich nur, warum dann der Euro nicht viel früher stark war. Das Phänomen, dass es in den USA weniger Zinsen gibt, gab es schon früher. Das könnte wiederum erklären, warum andere Ökonomen mit ähnlichem Selbstbewusstsein die Zinsthese für Quatsch erklären. Es sei das hohe US-Leistungsbilanzdefizit, heißt es etwa - obwohl auch das ja nicht wirklich neu ist. Das Defizit gab es schon, als der Dollar König spielte.
Zur Erinnerung: Damals galt die These als große Weisheit, dass sich im Euro die europäische Misere spiegelt. Kurios, wie schnell sich die Dinge ändern, vor allem die Erklärungsmuster. Heute ist die Euro-Stärke die Schwäche des Dollar - als wären die Händler gezwungen, den blöden Euro zu kaufen.
Eindeutig ist immerhin ein Trend: Die Zahl der Experten ist international drastisch gesunken, die den Märkten ihr Auf und Ab abnehmen und es für ökonomisch vollkommen richtig erklären, wenn der Kurs von 0,85 Euro je Dollar vor drei Jahren auf jetzt fast 1,30 Euro gestiegen ist. So schnell können sich die Fundamentaldaten gar nicht ändern.
"Wir erleben ein erneutes Überschießen der Kurse, das nicht nur für Europa, sondern auch den Rest der Welt gefährlich wird", sagt Kenneth Rogoff, bis Oktober 2003 Chefökonom des IWF. Ähnlich kritisch lautet die Formel beim OECD-Chefökonomen, Jean-Philippe Cotis: "Es gibt immer weniger Experten, die behaupten würden, dass diese Aufwertung über entsprechend sinkende Importpreise per saldo positiv auf Europa wirkt. Das ist Unsinn." Ab Frühjahr drohe der Euro-Höhenflug auf die Konjunktur durchzuschlagen - dann droht angesichts des erst beginnenden Aufschwungs ein Desaster.
Paradigmenwechsel
Ein Paradigmenwechsel? Vielleicht. Zu den Neuerungen könnte zählen, dass das Tabu vom Gegensteuern der Notenbanken und Regierungen im Notfall gebrochen wird. Darauf lassen die jüngsten Verbal-Eingriffe von EU-Kommission, Finanzministern und Euro-Notenbank schließen. "Wir werden Interventionen sehen", sagt Rogoff. Ähnlich klingt das bei Cotis. Andere prophezeien, dass es 2004 so viele Eingriffe geben wird wie nie zuvor.
Die Vorschläge dafür, wie und wann gegenzusteuern ist, sind in etwa so zahlreich wie die Davoser Schneeflocken. Cotis hält Wunder für möglich, wenn nur die Asiaten aufhörten, ihre Währungen durch Dollar-Käufe billig zu halten. "Dann gäbe es für Anleger die Möglichkeit, neben dem Euro aufwertende Währungen zu kaufen." Das würde laut Cotis den Euro-Höhenflug stoppen. Ob das reicht, bezweifelt Morgan-Stanley-Ökonom Stephen Roach, der auf das direkte Intervenieren der Asiaten verweist. Das habe in Japan die Aufwertung gebremst und anderswo verhindert.
Einspruch, sagt Rogoff: "So etwas würde nur funktionieren, wenn die Zinsrelationen geändert würden." Rogoffs Vorschlag: Die US-Notenbank sollte ihre Zinsen sofort anheben, zumal die Stützung der Konjunktur durch niedrige Sätze im Aufschwung sinnlos ist. Umgekehrt könnte die EZB ihre Sätze noch einmal senken, so Rogoff.
Ob das realistisch ist? Immerhin: Seit Donnerstag scheint in Davos die Sonne. Und am Freitag reist EZB-Chef Jean-Claude Trichet an. Es wird mit Sicherheit einen hochkarätigen Ökonomen geben, der dem Währungshüter dann Devisentipps geben wird. Fragt sich nur, wer.


