Agenda: Outsider inside
Bei seinem ersten Auftritt als künftiger Siemens-Chef gibt sich Peter Löscher gelassen. Doch im Konzern mehren sich die Anzeichen, dass er der Führungsspitze kräftig einheizen wird. Der Außenseiter könnte ein mächtiger Vorstandsvorsitzender werden.
Flüstern und Schmunzeln im Saal, als Siemens
-Finanzchef Joe Kaeser seine Worte in die Länge zieht und die dramaturgischen Pausen zwischen den Worten länger werden. "And now, ladies and gentlemen, please give him a very warm welcome." So beginnen Popkonzerte, so werden Stars angekündigt. Doch irgendwie funktioniert das Intro nicht. Vielleicht, weil Peter Löscher kein Popstar ist. Minutenlang hat der neue Mann an der Siemens-Spitze hinter Kaeser gestanden, unbeweglich, hielt sich dezent im Hintergrund, die Hände pastoral in Höhe des Hosengürtels zusammengefaltet. Mit dieser Demutshaltung starrte er in den Nürnberger Rathaussaal, während der braun gebrannte Kaeser den quirligen Conférencier gab.
Dann tritt der Mann, der am 1. Juli Vorstandsvorsitzender des Siemens-Konzerns wird, nach vorn. Ein Lächeln, ein langer, schweifender Blick durch den Saal. Löscher sagt Dinge, die man so sagt, wenn der neue Chefjob offiziell erst in ein paar Tagen beginnt und an der Konzernspitze noch ein anderer sitzt. Löscher ist diplomatisch. Sagt, dass er sich freue, da zu sein. Dass Siemens für ihn kein "normaler CEO-Job" sei, sondern eine "Ehre". Und dass er bei Siemens keine "Revolution" plane, sondern nur eine "Evolution".
Den Mann, der so freundlich daherredet, erwartet der schwierigste Job, den die deutsche Industrie zurzeit zu vergeben hat. Er soll den Konzern aus der schwersten Krise seiner Geschichte führen. Wenn er am Wochenende als Nachfolger von Klaus Kleinfeld als neuer Chef in die Münchner Siemens-Zentrale am Wittelsbacher Platz einzieht, ist seine Aufgabe klar: Er muss das durch den Schmiergeldskandal angeschlagene Traditionshaus wieder zu einem angesehenen Unternehmen formen. Zumindest fachlich trauen ihm viele Experten diesen Höllenjob zu.
Viele Nettigkeiten, wenig Programmatisches
Noch lässt er sich wenig anmerken. Löscher bringt das, was man erwarten kann: nichts wirklich Programmatisches, dafür viele Nettigkeiten, die man heute gern hört und morgen wieder vergessen hat. Löscher spricht auffällig ruhig. Er hat sich im Griff, jeden Gesichtsnerv unter Kontrolle. Viele werden später sagen, dass er das seinem Vorgänger Klaus Kleinfeld voraus hat - das Ruhen in sich selbst. Beinah könnte die Ruhe anstecken. Wären da nicht diese stechenden Augen. Die sagen: "Warte ab, ich kann auch anders."
Das muss er auch, wenn er das Ruder herumreißen will. Motiviert ist er jedenfalls. Und er sei selbstbewusster als sein Vorgänger, sagt man bei Siemens. Als Kleinfeld Anfang 2005 Konzernchef wurde, machte er erst mal einen großen Bogen um die Presse. Anders Löscher. Er ist noch nicht im Amt, schon wirft er sich hinein in die Journalistenmenge. Und erzählt. Dass er eine Woche früher in München anfangen wollte. Im vierten Stock der Konzernzentrale hat er schon sein provisorisches Büro eingerichtet. Im Besucherzimmer. Dort wartet er geduldig, bis Kleinfeld nebenan sein Büro geräumt hat. "Man muss stilvoll miteinander umgehen", sagt Löscher. Dann wird er ernst. Er weiß, dass in diesen Tagen alles zum Politikum werden kann.
Zwei Tage nach seiner Ernennung zum Siemens-Chef im Mai traf er sich mit Klaus Kleinfeld in New York. Da sei ihm klar geworden: "Kleinfeld übergibt einen erfolgreichen Konzern, Siemens ist kein Turnaround-Fall." Die Zahlen stimmen, Kleinfeld hat den Konzern auf Profitabilität getrimmt, und auch die strategischen und operativen Ziele bis 2010 sind vom scheidenden Manager bereits festgezurrt. "Jetzt muss Löscher einfach Kurs halten", sagt ein Siemens-Manager. Am Montag leitete er zum ersten Mal eine Vorstandssitzung. Die, die dabei waren, sagen, es sei "kollegial" zugegangen. Mit jedem Einzelnen habe er geredet.
Immer wieder lässt Löscher durchblicken, dass es jetzt schnell gehen muss. Noch im Juli will er sich alle Konzernbereiche anschauen, danach tief ins Geschäft der Ländergesellschaften einsteigen. Zügig nach Indien, China und Japan reisen. Nichts wie raus aus der Münchner Konzernzentrale, jenem Palais, in dem sich noch bis vor Kurzem Ex-Aufsichtsratschef Heinrich von Pierer und Noch-Konzernchef Kleinfeld gegenübersaßen.
Löscher will das alles möglichst zügig abhaken. All die Intrigen, die echten und die vermeintlichen, die bleierne Luft, die seit Monaten über der Siemens-Zentrale liegt. Er redet von "Vertrauen", von "Transparenz" und davon, dass er viel Zeit in die Aufarbeitung des Schmiergeldskandals stecken wird. Und von der "Führungskultur". Dass ihn in Deutschland kaum jemand kennt, interessiert den 49-jährigen Österreicher nicht. Das habe Zeit, erst mal müssten ihn die vielen Siemens-Mitarbeiter kennenlernen. Außerdem: Was bedeute schon Deutschland? "Wir sind ein Weltunternehmen mit deutschem Zuschnitt." Löscher sagt bereits "wir", wenn er von Siemens spricht.
Viele Legenden und Geschichten wurden gestrickt über diesen Mann. Wie der Junge aus Kärnten den elterlichen Hof verließ, um in Hongkong zu studieren. Wie der junge Manager mithalf, den Pharmakonzern Hoechst umzubauen. Wie er über den britischen Kontrastmittelhersteller Amersham zum Siemens-Hauptrivalen General Electric kam - und dann kurze Zeit später zum Pharmakonzern Merck & Co. wechselte. Dort hatte er viel zu tun mit der Börsenaufsicht SEC, wurde sozusagen zum Experten für SEC-Angelegenheiten, weil Merck & Co. wegen des umstrittenen Schmerzmittels Vioxx in die Schlagzeilen geraten war.
Ausgerechnet dieser Peter Löscher nimmt beim Weltkonzern Siemens gleich mehrere Karrierestufen mit einem Schritt. Viele macht das ratlos. Im Konzern, aber auch draußen. "Es gibt Leute, die hätten sich nicht einmal getraut, Peter Löscher auf einen Medizintechnik-Führungsposten bei Siemens zu setzen", sagt ein Brancheninsider, der nicht namentlich genannt werden will. Ein Siemens-Manager, der Löscher aus seiner Zeit bei Amersham kennt, gibt offen zu: "Wenn mir jemand vor ein paar Jahren gesagt hätte, dass Löscher Siemens-Chef wird, hätte ich das nicht geglaubt. Ein Pharmamanager, noch dazu extern - sehr unwahrscheinlich." Inzwischen sei er überzeugt, dass es der Österreicher schafft. Er muss es schaffen. Wenn nicht, scheitert nicht nur er. Dann ist auch Aufsichtsratschef Gerhard Cromme gescheitert, dann scheitert ganz Siemens.
Zur richtigen Zeit am richtigen Ort
Der Neue hat eine Menge auf dem Programm. Mehr vielleicht als die meisten seiner Vorgänger. Ironie der Geschichte: Ausgerechnet der Manager, der bisher meist in der zweiten Reihe von Konzernen tätig war, könnte bei Siemens so mächtig werden wie zuvor kaum ein anderer Mann an der Konzernspitze. Löscher selbst kann überhaupt nichts dafür - er kommt einfach nur zur richtigen Zeit an den richtigen Ort. Als erster externer Siemens-Chef wird sich Löscher möglicherweise das verschaffen, was dem Cola-Light-Trinker und USA-Fan Kleinfeld vorenthalten blieb: einen starken CEO-Posten nach amerikanischem Zuschnitt. Grund: Die Siemens-Führungsstruktur hat sich überholt.
Zu viele Machtpole haben den Konzern in den vergangenen Jahren unbeweglich gemacht. Es gibt die zehn Zentralvorstände, die vielen operativen Geschäftsgebiete mit eigenen Herren und die weit entfernt operierenden Fürsten der Landesgesellschaften. Seit Wochen kursieren Modelle, mit denen alles anders werden soll. Die stimmigste Hypothese: Löscher dünnt den üppigen Zentralvorstand kräftig aus. Übrig blieben im Vorstand neben Löscher selbst Finanzchef Joe Kaeser, Personalvorstand Heinrich Hiesinger und Technologiechef Hermann Requardt. Spätestens bis zum 1. Oktober soll die neue Siemens-Struktur stehen, heißt es aus Unternehmenskreisen.
Alles muss jetzt schnell gehen. "Habe ich denn 100 Tage Zeit?", fragt Löscher. Er weiß, dass er sie nicht hat. Es gibt Dinge, die müssen sofort vom Tisch. Zum Beispiel die Akte VDO und die Frage, ob der Autozulieferer wie geplant bis Ende September an die Börse gebracht oder an einen Investor wie etwa Continental verkauft wird.
Eine Frage, die viele ängstlich stellen: Wird Löscher alles schaffen - ohne eine eigene Hausmacht? Da sind die Mitarbeiter, die Löscher für sich gewinnen muss. Die Investoren und Analysten, die es zu überzeugen gilt. Die Arbeitnehmervertreter der IG Metall, mit denen sich Löscher arrangieren muss. Und da ist der starke Aufsichtsratschef Gerhard Cromme, der zuletzt mehr Aussagen zur Geschäftspolitik gemacht hat, als man es von Aufsichtsräten gewohnt ist. "Löscher muss zusehen, dass er sich freischwimmen kann", sagt Manfred Meiler vom Verein der Siemens-Belegschaftsaktionäre. Ob er Angst habe vor einem Aufsichtsrat, der im Zuge der Schmiergeldaffäre an Macht und Einfluss gewonnen hat, wird Löscher gefragt. Der lächelt. Und sagt: "Herr Cromme ist der Aufsichtsratschef, und ich bin der CEO, die Rollenverteilung ist klar."
Weltenbummler
Multitalent Am 17. September 1957 wird Peter Löscher im österreichischen Villach geboren, wo er auch aufwächst. Durch die Nähe zu Italien entdeckt er seine Vorliebe für Sprachen. Er spricht Italienisch, Französisch, Englisch, Spanisch und Japanisch.
Sportlich Seine Leidenschaft ist der Sport. Er spielt Fußball und fährt gern Ski. In seiner Jugend ist er Kapitän der österreichischen Volleyball-Nationalmannschaft.
Aufstieg Peter Löscher studiert Wirtschaftswissenschaften in Wien und Harvard, mit einem Stipendium geht er nach Hongkong. Die Karriere ist steil: Nach zweieinhalb Jahren beim Personalberater Kienbaum wechselt er zu Hoechst. Für den Konzern geht er nach Spanien, Japan und auch in die USA.
Mächtig Nach dem Zusammenschluss von Hoechst und Rhone-Poulenc wird Löscher Chef von Aventis Pharma Japan. Später arbeitet er beim amerikanischen Siemens-Konkurrenten General Electric. 2006 wechselt er in den Vorstand des Pharmakonzerns Merck & Co. Im Mai 2007 wird er zum neuen Siemens-Chef berufen.
Von Thomas Fromm (Nürnberg)
Quelle: Financial Times Deutschland
Servus, J.B.