Hans Bernecker: Tennis-Match im 2. Satz
Mails/Nachrichten vom 02.10.2001, Bernecker & Cie.
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Guten Morgen, meine Damen und Herren,
das Spiel mit dem Tennisball geht weiter. Den ersten Auftipper erlebten Sie am Freitag der vorvergangenen Woche, der zweite läuft gerade. Dieses Spiel werden Sie noch einige Male erleben, bevor es einen wirklich brauchbaren Boden für die wichtigsten Märkte gibt. Nur eines ist mit einiger Sicherheit vorauszusagen: Neue Tiefstkurse gibt es nicht, von einigen Technologietiteln abgesehen. Bei diesen lief es gestern schon einigermaßen zufriedenstellend, aber längst nicht so, daß man unbedingt auf der Käuferseite sein muß. Ich werde nicht müde, auf dieses Thema permanent hinzuweisen.
Die Konjunkturdaten legen Sie bitte beiseite. Daß der Einkäuferindex der Amerikaner von 47,9 auf 47 nachgibt, war nach den Ereignissen wohl klar. 0,9 %-Punkte sind aber sehr wenig. Der ähnlich gestaltete deutsche Index, wie er neuerdings berechnet wird, zeigt ein ähnliches Bild. Die Forschungsgruppe NTC ermittelt ihn und er sank von 46,4 auf 45,1 Punkte, was schon deutlicher war. Dieser Index wird künftig ebenfalls zu beobachten sein. Insgesamt jedoch: Frühestens die Nov.-Zahlen werden wieder eine Normalität anzeigen.
Wall Street konkret: Die Markttechnik hat sich gestern leicht verschlechtert und die bekannten zwei Relationen sind beide im Minusfeld. Ein Trost ist lediglich, daß es keine massiven Rückschläge gab, die auf irgendwelchen
besonderen Gewinnwarnungen beruhten. Dabei nahmen die Börsenumsätze deutlich ab, so daß sie gestern erstmals wieder auf dem Normalniveau um 1,1 bis 1,2 Mrd Stück zurückfielen. Das bestärkt mich in meiner Annahme des eingangs erwähnten Verlaufes.
Eine Analyse von Goldman Sachs hat gestern wohl überrascht: Der Ölmarkt. Es durfte Sie zuvor überrascht haben, als ich im vorletzten Brief (Nr. 38) auf den Ölmarkt hingewiesen hatte, was bei sinkendem Ölpreis etwas seltsam erschien. Ich mißtraue dieser Entwicklung zutiefst. Kurzfristig kann der Ölpreis fallen, aber langfristig sehe ich diesen Markt ganz ähnlich wie Goldman Sachs. Ich rege daher an, die Ölaktien, wie bereits empfohlen, auf die Watch-List zu setzen, ohne gleich Hals über Kopf zu investieren.
Meine These für heute: Der Dow hat ein Risiko von vielleicht 100 - 120 Punkten, mehr nicht. Das gilt jeweils für die Schlußbasis. Deshalb verzichte ich heute auf jeden konkreten Hinweis.
In Frankfurt lief das Tennisspiel ähnlich. Die Marke 4500 im DAX wurde als Spitze nicht erreicht, es fehlten 183 Punkte. Immerhin: Von 3539 bis 4317 waren es auch 778 Punkte und fast 22 %. Das ist natürlich erst einmal zu verkraften. Aber: Schauen Sie sich in der nächsten AB den DAX auf Seite 2 etwas näher an, auf den ich im Moment ebenfalls schaue, wenn ich dies diktiere. Kurzfristige Schwankungen gehören dazu, auch minus 2,5 % an einem
Tag. Eben wie ein Tennisball. Dazu beachten Sie aber den VDAX als eine Art Fieberthermometer. Er ist ernst zu nehmen, wenn er gestern bis 37,4 anzog. Wir sind also aus der Gefahrenzone der Anfälligkeiten noch nicht heraus. Die
spannendste Frage für Sie heißt jetzt:
Welche der 30 DAX-Aktien haben jetzt ein echtes technisches
Erholungspotential bis zu dem Zeitpunkt 'vor New York', also bevor die echte Schwäche begann? Ich konkretisiere diese wirkliche Spekulationschance in der nächsten AB. Denn sie gilt für weniger als die Hälfte der DAX-Aktien, doch
sie erreicht im Schnitt fast 40 %. Das ist ungeheuer viel, wie ich finde. Bitte die nächste AB, Seite 3, abwarten. Ergänzend dazu: In diesen Titeln müßte meines Erachtens auch die ebenfalls interessanteste Trading-Chance stehen. Darauf kommt Herr Haack im 'Daily' zurück, worauf ich ebenfalls hinweise. Hierfür gibt es sowohl Calls als auch Optionsscheine.
Meine Vermutung in der letzten Actienbörse wird inzwischen bestätigt. Tatsächlich haben einige Lebensversicherungen massiv deutsche Aktien verkauft. Man mag es nicht glauben, aber der Chef der Abteilung LV des Gesamtverbandes der deutschen Versicherungswirtschaft (GDV) hat es gestern
bestätigt. Grund: 'Wir wollten unnötige Abschreibungen verhindern.' Urteilen Sie über diese engstirnige Praxis selbst.
Nachrichtlich: Siemens verhandelt mit Motorola über Joint-Venture bei Handys, aber einen Abschluß gibt es noch nicht. Der Buderus-Kurs nähert sich der Marke 28/30 E., und ich hatte schon früher Kurse knapp über 30 als Ziel bezeichnet. Dann würden sogar Gewinnmitnahmen zu erwägen sein. Die erneute Schwäche von Preussag und LH ist so zu sehen, wie schon kommentiert: Preussag sind ein Kauf bei 20/22 E. und LH knapp unter 10, nachdem gestern bei Swissair die Lichter ausgingen, 20 % aller europäischen
Nordatlantikflüge gestrichen werden und alle so tun, als ob demnächst niemand mehr fliegen möchte. Lassen Sie hier die Tassen im Schrank. Tiefstkurse sind Kaufkurse, wenn auch die Volatilität hoch ist.
Am erfreulichsten finde ich, daß die Umsätze bei Dt. Telekom deutlich nachlassen. Gestern nur 1,9 Mio Stück im Xetra-Handel nach 13,7 Mio Stück insgesamt am letzten Freitag. Damit läuft die massive Verkaufswelle wohl
aus. Relativ hoch ist dagegen der Umsatz noch immer bei Daimler, aber auch Siemens mit jeweils über 9 Mio Stück am Freitag und gestern 4,2 bzw. 3,4 Mio Stück im Xetra-Handel. In der letzten AB hatte ich Ihnen dazu schon geschrieben, daß der langfristige Daimler-Chart noch nicht ganz komplett
ist. Vergleichen Sie AB Nr. 39, Seite 3.
Die Meinung anderer: Schering wird heute von Consors empfohlen. Die Hypo-Vereinsbank gibt eine Kaufempfehlung für D.Logistics. Beide Ansichten unterstreiche ich. Skeptisch sehe ich dagegen die Abstufung von Lambda Physik durch die Helaba, was ich zu spät finde. Interessant ist die höhere Bewertung von Metro durch ABN Amro. So ganz kann ich das zwar nicht nachvollziehen, aber dennoch: Beachten! Im übrigen gilt jedoch: Niemand schaut auf Karstadt Quelle, und ich machte vor zwei Wochen darauf aufmerksam: Kaum eine Aktie, die sich bislang so gut hielt. Sie sehen also: Hinter der großen Aufregung um USA, Taliban und Konjunktur gibt es mehr zu beachten, als nur die Tagesnachrichten im TV. Bis morgen.
Herzlichst Ihr
Hans A. Bernecker
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