Lehrstunden für die Commerzbank
Wie rettet man einen kriselnden Konzern? Lufthansa und Siemens machen es vor - positiv wie negativ
Financial Times Deutschland
Datum: 16.10.2012
Nicht nur die europäischen Staatschefs eilen von einem Krisentreffen zum nächsten. Einigen Konzernchefs geht es genauso. Akuten Handlungsbedarf gibt es etwa bei den DAX-Unternehmen Lufthansa, Siemens und Commerzbank. Gerade diese drei sind für die deutsche Volkswirtschaft besonders wichtig: die Lufthansa als Verkehrsträger, Siemens als Technologieträger, die Commerzbank als Geldgeber. Lufthansa-Chef Christoph Franz und Siemens-Chef Peter Löscher haben vorige Woche ihre Königsentscheidungen getroffen. Die von Commerzbank- Chef Martin Blessing steht noch aus, er hat sie für den 8. November angekündigt. Bevor er sie trifft, sollte er sich anschauen, welches Maß Franz und Löscher angelegt haben. Hoffentlich wird Blessing schnell klar, dass er dem Weg des Lufthansa- Chefs folgen muss. Nachfolgend ein wenig Entscheidungshilfe: Franz könnte die Situation seines Flugkonzerns als Renditeschwäche in schwierigen Zeiten abtun. Er klassifiziert sie stattdessen als Existenzkampf. Richtig so. Er wird bedroht von Angreifern aus der Golfregion: Emirates, Etihad, Qatar Airways. Hinter denen stehen Staatsregime mit dem Ziel, ihre Flughäfen zu globalen Drehkreuzen aufzubauen, Verluste nehmen sie in Kauf. Die Lufthansa hat von der Politik nichts zu erwarten, im Gegenteil: Diese macht ihr mit Nachtflugverboten und Luftverkehrsabgabe das Leben schwer. Franz' Konsequenz ist radikal: Er opfert einen Teil der Unternehmenskultur. Außerhalb der Drehkreuze München und Frankfurt soll die bislang ungeliebte Billigtochter Germanwings den Verkehr im Wesentlichen übernehmen. Franz wettet auf den Wunsch der Kunden, auf Kurzflügen für einen niedrigeren Preis auf bestmöglichen Service zu verzichten. Für stolze Lufthanseaten ein Unding, für den Konzern eine Existenzfrage. Blessings Situation bei der Commerzbank ist ähnlich gefährlich. Die Hauptlogik des Kaufs der Dresdner Bank 2008 war die Marktführerschaft im Privatkundengeschäft: elf Millionen Privatkunden, 1200 Filialen. Neue Kundengelder sollten wie von allein zufließen. Vier Jahre später darbt das Segment. Im ersten Halbjahr 2012 erzielte es eine Eigenkapitalrendite von 6,7 Prozent, Tendenz fallend. Das Äquivalent zu den Golf-Rivalen der Lufthansa ist die Sparkassenorganisation. Der deutsche Staat hat sie weitgehend von den Lasten der Landesbankensanierung nach der Lehman-Pleite befreit. Die Träger, die Kommunen also, machen keine Renditevorgaben. Die Sparkassen sind so stark wie nie zuvor. Und mit Deutsche Bank/Postbank ist ein weiterer Konkurrent entstanden. Blessing und sein Privatkundenchef Martin Zielke haben zu lange an alte Gesetzmäßigkeiten geglaubt, die von der Praxis überholt worden sind. Millionen von Kunden, die in vielen teuren Filialen zwischen 9 Uhr und 16 Uhr bedient werden, garantieren keinen Markterfolg mehr. Erst recht nicht dann, wenn sich die Sparkassen den Kunden, denen das immer noch reicht, erfolgreich als Original dieser Idee des Bankings verkaufen. Für Blessing wird also Feinjustierung nicht reichen. Die Gefahr, zwischen den Wettbewerbern dahinzusiechen, wäre zu groß. Logisch wäre, sich konsequent auf die Wünsche der Kunden einzustellen, die grundsätzlich wechselbereit sind und mit denen die Bank wieder Wachstum erzielen kann. Das mag wohlfeil klingen, tatsächlich aber betreiben die deutschen Privatkundenbanker heute im Kern ihr Geschäft immer noch wie in der Nachkriegszeit. Eine Radikalreform würde also den Markt durchlüften. Bestandteile könnten sein: langfristige Zuordnung von Kundenbetreuern; deutlich weniger Geschäftsstellen mit dem Charakter von Flagshipstores und dem kompletten Dienstleistungsangebot, der kompletten Intelligenz der Organisation; Öffnungszeiten wie im Einzelhandel, also von montags bis samstags von 7 bis 23 Uhr; eine exzellente Informationstechnologie, damit sich die Kunden zu Hause solide vorinformieren können. Und damit der Kundenberater die Gewissheit hat, bei Informationslücken sofort einen Experten zumindest digital hinzuzuholen. Natürlich müssten dafür die Arbeitnehmer mitspielen. Weil die Alternative aber die ungebremste Erosion der Bank ist, sollten sie Einsicht zeigen. Schwieriger werden die Investitionen in die IT. Blessing hat dafür kein Geld. Logisch wäre daher, sich mit einem starken Partner zusammenzutun. Die spanische Vorzeigebank Santander hat nachhaltiges Interesse. Zudem gibt es viele Softwareunternehmen, die großen Bedarf an Know-how aus der Geldwirtschaft zeigen. Vielleicht lohnt es, beim Privatkundengeschäft einen kapitalstarken Partner mit IT-Expertise zu beteiligen. Die Variante Löscher ist jedenfalls keine Alternative für Blessing: Siemens sieht sich erstarkenden Infrastrukturanbietern aus China und anderen Schwellenländern gegenüber. Löscher fiel dazu nichts Besseres ein als: Kosten senken, Bürokratie abbauen, Portfolio überprüfen. Das macht Blessing seit Jahren, es bringt ihm kein Wachstum. Auch Siemens könnten diese Allgemeinplätze gefährlich werden. Als Strategie sind sie nicht zur Nachahmung empfohlen.