Zurzeit sieht es "unten" eher nach Deflation aus, wenn sich schon große Lebensmittelkonzerne wie Unilever auf eine "neue Armut" in Europa vorbereiten (# 706).
Willy Brandt sagte mal: "Die Kuh, die man melken will, darf man nicht schlachten." Dieser Spruch war gegen die Enteignungs- und Verstaatlichungs-Mentalität einiger Juso-Heißsporne in der nach 68er-Zeit gerichtet.
Brandt plädierte für einen sozialverträglichen Kapitalismus (= "soziale Marktwirtschaft"), in denen Firmen bei der Generierung von Profiten relativ freie Hand gelassen wird (siehe spätere "Liberalisierung" der Finanzmärkte unter Steinbrück und Eichel), die Firmen aber umgekehrt auch für sozial verantwortliches Handeln (gemäß § 13 Abs. 2 GG) in die Pflicht genommen werden. So durften die deutschen Unternehmen eine Menge Geld verdienen, wenn dem Staat gleichzeitig das Recht eingeräumt wurde, einen Teil davon sozialverträglich umzuverteilen, um auch den Schwachen ein halbwegs menschenwürdiges Dasein zu ermöglichen. Aus dem gleichen Grund gibt es (teure) Auffahrrampen für Rollstuhlfahrer, obwohl deren Bau wegen der relativ geringen Zahl der Gehbehinderten eigentlich ökonomisch "ineffektiv" ist.
Die Amis fahren einen grundlegend anderen Kurs. In USA geht es nicht um Sozialverträglichkeit oder soziale Verantwortung (siehe auch das sehr lockere Kündigungsrecht - "hire and fire"), sondern um maximale (neo-)liberale Freiheit - sprich: maximale Profite. Jeder ist seines eigenen Glückes Schmied, und wer es nicht schafft, der hat selber schuld (oder gar, wie manche Öko-Biologisten behaupten, "schlechte Gene").
Aus dieser Haltung resultiert in USA der Wunsch - insbesondere bei den Reps und anderen Rechten - den Staat auf ein Minimum einzudampfen. Mit dem ewigen Mantra: "Steuern runter, Staatsausgaben senken".
Das Problem dabei ist, dass darunter u. a. das Schulwesen leidet und der durchschnittliche Ami mangels adäquater Ausbildung deutlich ungebildeter ist als der durchschnittliche Europäer oder Asiat. Auch Bildung ist eine für den Staat lohnende "Investition", was aber bei der sehr kurzfristigen Denkweise der Amis nicht erkannt wird. Für die US-Elite (= Leute mit viel Geld) gibt es ja sehr teure Privatschulen und "ivory league"-Unis wie Yale, Harvard und M.I.T.
Hinzu kommt: Wenn Arme und Schwache ihrem Schicksal überlassen werden - siehe die vielen Obdachlosen in US-Innenstädten, in Kalifornien wurden vor einigen Jahren sogar etliche Geisteskranke auf die Straße gesetzt, weil für deren Betreuung kein Geld mehr da war - , entsteht ein Klima des sozialen Unfriedens und sozialer Spannungen. USA hat eine sehr hohe Kriminalität, und es gibt wegen des noch immer erlaubten Waffenbesitzes viele Überfälle und Morde. In den Gettos blüht die Drogenkultur nebst Prostitution und Beschaffungskriminalität. Viele große US-Städte haben "no-go areas", in die sich nicht mal mehr Polizisten rein trauen.
Statt dieses Problem im Brandt-Stil (soziale Marktwirtschaft) anzugehen, fordern die Reps lieber härtere Strafen, bauen mehr Gefängnisse und zäunen ihre Villen meterhoch mit Stacheldraht ein. Hinzu kommen teure "Door men", die in jedem Hauseingang in New York überwachen, wer rein und raus geht. Auch so kann man mit sozialen Problemen umgehen. Mich wundert, dass in USA unter diesen Prämissen überhaupt noch Rampen für Rollstuhlfahrer gebaut werden.
Zu dieser US-Politik passt auch Bernankes Gelddrucken (QE). Wenn sich "im Volk" Deflation ausbreitet, muss halt Geld gedruckt und (z. B. via food stamps) verteilt werden, um den Massenkonsum nicht einbrechen zu lassen. Das Motiv für diese Politik ist aber nicht soziale Verantwortung für das Volk, sondern eher eine Art Mitleid mit den "armen Firmen", denen ja sonst Umsatzeinbrüche drohen. Diese Politik kommt "von oben" und ist "für oben".
Mit der Solidarität der US-Firmen (gilt zunehmend auch in D.) ist es auch nicht weit her. Wo immer es geht, verlagern sie die Produktion in Billiglohnländer. Call-Center wandern von Houston nach Mumbai (Indien), wo junge und hoch motivierte Inder für 1 Dollar pro Stunde zu (in Indien) nachtschlafener Zeit eine fröhliches "Good morning, Sir. Can I help you?" in die Leitung trällern.
Im Zuge der "Amerikanisierung" der Welt schwappt dieses Gedankengut oder diese Ideologie langsam auch nach Europa und Asien über. Immer häufiger werden auch hier zu Lande Sozialprogramme wegen Ineffizienz oder weil sie zu teuer sind zusammengestrichen. Das "Weniger-Staat"-Mantra verbreitete als Erste Maggie Thatcher in England. Schritt für Schritt wurde auch Resteuropa erfasst (Privatisierungswelle, Raubzüge der Heuschrecken-Hedgefonds usw.). Bezeichnenderweise steht GB wirtschaftlich inzwischen mit am angeschlagensten da, teils schlimmer als Spanien.
Die zunehmende Amerikanisierung Europas zeigt sich auch darin, dass sich die hiesige Politik im Zuge der Europa-Krise zum Sklaven der Zockerbanken hat machen lassen. Die Amis verfolgen damit bewusst das Ziel, eine EZB-Geldpolitik durchzudrücken, die das US-Modell der allumfassenden Inflationierung nach Europa "exportiert". In den Pleite-PFIIGS finden die Amis dafür begeisterte Claqueure.
Dabei handelt es sich um die von Daiphong in # 705 treffend beschriebene "ewige Krisenbekämpfung (durch) endlos vermehrtes Kapital". Mit anderen Worten: Es ist "Kapitalismus pur". Umso ironischer ist, dass sich inzwischen auch das Gros der europäischen Linken inkl. IWF-Chefin Lagarde vor diesen Karren hat spannen lassen. Alle Welt singt die Ami-Arie nach, dass es doch "die einfachste Lösung" sei, jetzt massig Geld zu drucken. (Fillorkill in # 700: "...direkte Finanzierung der Defizite durch die EZB unter Auflagen scheint die effizienteste Lösung").
Und während die hiesigen Linken paradoxerweise für eine im Grunde pro-kapitalistische Politik plädieren (alternativloses Gelddrucken), üben sich die hiesigen Rechten teils in potenziell linker Politik, die bei der CDU sogar starke Lohnerhöhungen zur Inflationserzeugung beinhaltet (was für eine Pro-Unternehmer-Partei bemerkenswert ist).
Der Knackpunkt ist, dass "endlos vermehrtes Kapital", wie Daiphong korrekt ausführt, "zur Vernichtung der bürgerlichen Gesellschaft" führt. Wenn die CDU dies verhindern will, macht sie im Grunde im besten Sinne "Mittelstandspolitik".
Kapitalbesitzer in D. stehen vor der unangenehmen Alternative:
(1): Soll ich, um Inflation, die den Wert meines Geldes dezimiert, zu verhindern, für drakonische Sparmaßnahmen plädieren? Die sorgen dann auch in den PFIIGS für die nötige Fiskal-Disziplin.
(2) Oder soll ich, weil sich Inflation eh nicht mehr verhindern lässt, in Inflations-geschützte Sachwerte (inkl. Aktien) investieren und ansonsten eine Pro-Inflations-Politik unterstützen - auch um den "sozialen Frieden", der durch die Einsparungen aus (1) gefährdet würde, zu retten und System verändernde Unruhen zu vermeiden?
Zum Erhalt der "Bürgerlichen Gesellschaft" liebäugelt, wie Daiphong gut beobachtet hat, "ausgerechnet die ewige Lohnsenker-CDU mitten in der Krise mit höheren Lohnabschlüssen und dem Mindestlohn".
Das ist in der Tat die (im Brandt-Sinne) sozialverträglichere "Inflation von unten". Idealerweise wird das kombiniert mit einer effektiven Bankenregulierung, die Zockerbanken das Handwerk legt und die Rohstoffpreise wieder runter bringt - zum Segen der Realwirtschaft.
Dem steht das weniger sozialverträgliche Ami-Konzept der "Inflation von oben" entgegen, die das System mittelfristig an die Wand fahren wird (eine der Generalthesen dieses Threads). Kein Wunder, dass hiesige Wertkonservative (Weidmann) damit nicht einverstanden sind.
FAZIT: Brandts Spruch lässt sich auch umkehren: "Ein Volk, das man melken will, darf man nicht für den Profit schlachten."