”wie gesagt...wie gesagt, ich bin 20 Jahre an der Börse. Und ich habe auch in der Zeit tunlichst mitbekommen, was man lieber bleiben lassen sollte. Daytrading ist überhaupt nicht mein Zeithorizont. Eben weil da logischerweise die Chancen so schlecht stehen. Mein Anlagehorizont waren immer Monate, Halbjahre, bis zu nem Jahr oder länger wenn es sein musste. Nur wenn eine Aktie wider Erwarten mal sofort durch die Decke ging, hab ich die Position dann natürlich sehr bald geschlossen.
Aber so eine geballte Ladung direkt aneinander gereihtes chronisches Pech wie im letzten halben bis dreiviertel Jahr habe ich in 20 Jahren Börse nicht einmal erlebt. Ich habe Crashs und Bärenmärkte mitgemacht, und diese auch jeweils so gut es ging überlebt. Aber sowas wie in der letzten Zeit, das ist echt beispiellos. Bei ansonsten den gleichen Strategien wie früher, die früher auch erfolgreich waren, einschließlich Vorsichtsmaßnahmen, ausgedehnte Recherchen zu Aktien, und das Beobachten von Charts, obwohl letzteres alleine ja ohnehin schon lange keine erfolgreiche Strategie mehr ist.
Aber mein Bankberater, der ein absoluter alter Hase seines Fachs ist, hat mir halt auch gesagt, das war kein Pech, sondern es ist symptomatisch für die Märkte wie sie heute sind, und wie er es auch von seinen anderen Kunden mitbekommt. Es funktioniert einfach NICHTS mehr. GARNICHTS. Keine Strategien, keine due diligence, wie gesagt keine Charttechnik, und auch alles andere nicht. Die Algos und KIs haben es perfektioniert, dass dem Kleinanleger einfach keine Chancen mehr bleiben, etwas richtig zu machen. Ich rede nicht davon, dass man vielleicht doch mal ein Geschäft mit nem Plus abschließt. Sondern davon, dass man längerfristig mehr aus dem Markt rausbekommt als man reinsteckt. Und denkt nicht, dass den Algos die Kleinanleger egal sind. Gut ein Viertel bis ein Drittel aller Anleger sind Kleinanleger, was auch heißt, bei denen ist einiges zu holen wenn man sie geschickt genug immer wieder austrickst.
Auch "buy and hold" kann man inzwischen vergessen. Ich hatte vereinzelt auch ein paar Depotleichen, wohlgemerkt Dax- und Mdax-Unternehmen, die seit Jahren notleidend waren und wo sich der Kurs seitdem keinen Deut bewegt hatte. Waren übrigens alles sehr vielversprechende Unternehmen. Gesunde Fundamentals, nicht zu teuer, unauffälliger Chart. Aber jedes von denen brach dann kurzerhand Stunden bis Tage später einfach mal so seinen langfristigen Aufwärtstrend ab und fiel teilweise ins Bodenlose.
Ich glaube nicht, dass der Kleinanleger als solcher ausstirbt. Denn für jeden Kleinanleger, der entnervt die Börse verlässt, kommt ein neuer durch die Drehtür, der felsenfest überzeugt ist, dass ihm das alles niemals passieren kann. Aber was aussterben wird, das ist die Profitabilität als Kleinanleger. Denn jeder Cent, den die KIs an Überperformance erwirtschaften, muss irgendwo herkommen. Und da sind Kleinanleger einfach das leichteste Opfer.
Mister86, 06.06.26 22:31
Vielleicht ist nicht die Börse kaputt – vielleicht reicht der alte Werkzeugkasten nicht mehr
Ich kann den Frust absolut nachvollziehen.
Wer in den letzten Monaten mehrfach erlebt hat, dass vermeintlich solide Aktien mit guter Story, gesunden Fundamentaldaten und unauffälligem Chart plötzlich brechen, kommt irgendwann an den Punkt, an dem man sich fragt:
Funktioniert überhaupt noch irgendetwas?
Meine Sicht darauf:
Ja, Märkte sind schwieriger geworden.
Ja, Einzelaktien können heute brutaler und schneller brechen als früher.
Ja, Algos, ETFs, Optionsflüsse, Liquidität, Makro und KI verändern den Markt.
Und ja: Eine „gute Firma“ ist nicht automatisch eine „gute Aktie“.
Aber daraus würde ich nicht ableiten, dass gar nichts mehr funktioniert.
Was schlechter funktioniert, ist der klassische Privatanleger-Werkzeugkasten:
Gute Firma suchen.
Etwas Fundamentalanalyse machen.
Chart anschauen.
Kaufen.
Aussitzen.
Hoffen, dass der Markt es irgendwann erkennt.
Das reicht oft nicht mehr.
Der Markt fragt nicht zuerst, ob ein Unternehmen interessant klingt. Der Markt fragt:
Fließt Kapital in diesen Sektor?
Ist der Bereich relativ stark oder schwach?
Wird dort akkumuliert oder verteilt?
Ist der Sektor früh im Zyklus oder schon reif?
Ist die Aktie stärker als ihr Sektor?
Oder wird sie nur im allgemeinen Abverkauf mitgezogen?
Genau hier liegt aus meiner Sicht ein Kernproblem vieler Privatanleger.
Man kauft eine Aktie, aber handelt unbewusst den ganzen Sektor, den Faktor, die Liquiditätslage und das Marktregime mit. Wenn der gesamte Bereich gerade verkauft wird, hilft die beste Einzeltitelstory oft wenig.
Dazu kommt das Klumpenrisiko.
Einzelaktien können dauerhaft beschädigt werden. Auch bekannte Namen. Auch Unternehmen mit guter Bilanz. Auch Aktien, die jahrelang „vielversprechend“ aussahen.
Wer sein Depot nicht breit genug streut, trägt oft mehr Einzeltitelrisiko, als ihm bewusst ist. Dann reicht nicht ein großer Fehler. Dann reichen mehrere mittelgroße Treffer in ähnlichen Branchen, Faktoren oder Stories, und das Depot steht strukturell unter Druck.
Buy and Hold bei einem breit gestreuten Index ist etwas anderes als Buy and Hold bei ein paar Einzelaktien.
Einzelaktien brauchen deshalb härtere Regeln:
Warum kaufe ich?
Welche These steckt dahinter?
Welche Marke darf nicht brechen?
Wie groß darf die Position maximal sein?
Wann reduziere ich?
Wann war ich objektiv falsch?
Wie stark hängt mein Depot an einem Sektor, einer Story oder einem Makro-Szenario?
Ohne diese Fragen wird aus Analyse schnell Hoffnung.
Ich glaube deshalb nicht, dass Kleinanleger chancenlos sind. Aber sie brauchen heute mehr Struktur.
Weniger Bauchgefühl.
Weniger Story.
Weniger „die Aktie ist doch günstig“.
Mehr Marktphase.
Mehr Sektorrotation.
Mehr relative Stärke.
Mehr Risikobegrenzung.
Mehr Streuung.
Genau daran arbeite ich gerade mit einem Source-to-Target-Modell.
Die Idee ist nicht, den Markt perfekt vorherzusagen. Das kann niemand.
Die Idee ist, früher zu erkennen:
Wo wird Kapital aus alten Gewinnern abgezogen?
Welche Sektoren werden möglicherweise leise aufgebaut?
Wo ist ein Bereich nur billig, aber weiter schwach?
Wo ist ein Sektor schon überhitzt?
Wo entsteht echte Akkumulation?
Erst kommt der Kapitalstrom.
Dann der Sektor.
Dann die Aktie oder der ETF.
KI kann dabei helfen, Daten zu strukturieren, Widersprüche sichtbar zu machen, Scores zu aktualisieren und jede Woche denselben Prozess anzuwenden.
Aber KI trifft keine Investmententscheidung.
Sie ersetzt nicht Erfahrung, Risikogefühl und Marktverständnis. Sie kann nur helfen, weniger chaotisch zu entscheiden.
Vielleicht ist also nicht die Börse kaputt.
Vielleicht funktioniert nur ein alter Ansatz nicht mehr zuverlässig:
Einzeltitel suchen, Story glauben, Rückschläge aussitzen.
Der bessere Weg könnte sein:
erst Marktregime, dann Sektorrotation, dann relative Stärke, dann Risikomanagement, dann erst der konkrete Kauf.
Nicht jeder Verlust lässt sich vermeiden.
Aber man kann vermeiden, dauerhaft gegen den Kapitalstrom zu handeln.