Golfregion unter Dauerbeschuss: Nachfrage nach Luftabwehrsystemen steigt stark
Die militärische Eskalation zwischen dem Iran und mehreren Golfstaaten verändert aktuell die sicherheitspolitische Lage im Nahen Osten grundlegend. Insbesondere die Vereinigten Arabischen Emirate (VAE) sehen sich seit Beginn der Angriffe einer hohen Zahl iranischer Drohnen- und Raketenattacken ausgesetzt. Nach offiziellen Angaben wurden innerhalb von zehn Tagen mehr als 1.475 Drohnen sowie über 270 Raketen in Richtung der Emirate abgefeuert.
Auch andere Staaten der Region – darunter Saudi-Arabien, Katar, Kuwait und Bahrain – berichten von täglichen Angriffen. Obwohl nach offiziellen Angaben über 90 Prozent der Flugkörper abgefangen werden konnten, kam es dennoch zu Einschlägen. Betroffen waren neben militärischen Einrichtungen auch zivile Infrastruktur wie Entsalzungsanlagen, Hotels, Wohnhäuser, Flughäfen und Raffinerien.
Für die Golfstaaten ist dies der erste Dauereinsatz ihrer Luftverteidigungssysteme in einem solchen Umfang. Die aktuelle Situation legt insbesondere bei der Abwehr kostengünstiger Drohnen strukturelle Schwächen der bestehenden Verteidigungsarchitektur offen.
Grenzen der US-Luftabwehr gegen Drohnen
Bisher setzten die Golfstaaten in ihrer Verteidigungsstrategie vor allem auf hochentwickelte US-Systeme. Dazu zählen unter anderem:
Ein zentrales Problem liegt dabei sowohl in der Radarerfassung niedriger Flugprofile als auch in der Wirtschaftlichkeit: Eine Patriot-Abfangrakete kann mehrere Millionen US-Dollar kosten, während eine Angriffsdrohne oft nur einen Bruchteil davon wert ist. Der Einsatz solcher Abwehrsysteme gegen Drohnen wird daher in militärischen Kreisen zunehmend als ökonomisch ineffizient betrachtet.
US-Beamte bezeichneten laut Berichten der Nachrichtenagentur Associated Press Teile der bisherigen Abwehrmaßnahmen sogar als „enttäuschend“. Einzelne Drohnen konnten militärische Ziele erreichen, darunter US-Radarstandorte in Jordanien und Katar. Insgesamt wurden bislang sieben US-Soldaten bei Angriffen getötet.
Rheinmetall-Systeme im Einsatz: Europäische Anbieter rücken in den Fokus
In diesem Kontext rücken alternative Abwehrlösungen stärker in den Fokus. Insbesondere kanonenbasierte Luftverteidigungssysteme, die Drohnen mit günstigerer Munition bekämpfen können, gewinnen an Bedeutung.
Das Düsseldorfer Rüstungsunternehmen Rheinmetall bestätigte eine zunehmende Nachfrage aus der Golfregion. Laut Unternehmensangaben gebe es aktuell verstärkte Anfragen nach:
Mittelkalibermunition
Bereits im Einsatz befindet sich unter anderem das Skyguard-System, das mit 35-Millimeter-Munition arbeitet. Es gilt als Vorgänger des moderneren Systems Skynex, das speziell für die Bekämpfung von Drohnen und anderen Luftzielen im Nahbereich konzipiert wurde.
Nach Angaben des Unternehmens werden Rheinmetall-Systeme derzeit in der Golfregion eingesetzt, um kritische Infrastruktur sowie militärische Einrichtungen zu schützen.
Darüber hinaus sieht Rheinmetall (Rheinmetall Aktie) Potenzial für weitere Systeme wie den Flugabwehrpanzer Skyranger, der mobile Luftverteidigung gegen Drohnen und niedrig fliegende Ziele ermöglichen soll.
Internationale Unterstützung für die Golfstaaten
Parallel zu den wachsenden Beschaffungsaktivitäten suchen die Golfstaaten Unterstützung bei internationalen Partnern. Mehrere Staaten haben bereits militärische Hilfe angekündigt.
Australien etwa entsendet ein Frühwarn- und Radarflugzeug vom Typ Boeing E-7A Wedgetail in die Region. Das Flugzeug dient der Luftüberwachung und Koordination der Verteidigung. Zusätzlich sollen Abwehrraketen bereitgestellt werden.
Auch europäische Länder reagieren auf die Lage:
Frankreich verstärkt seine Präsenz und entsendet den Flugzeugträger Charles de Gaulle
Italien kündigte defensive Militärhilfe an
Frankreich reagierte unter anderem auf einen Vorfall, bei dem eine iranische Drohne eine französische Militärbasis nahe Abu Dhabi traf.
Ziel der französischen Marinepräsenz ist auch der Schutz der Straße von Hormus, einer der wichtigsten Handelsrouten für den globalen Energiehandel. Seit Beginn der Eskalation ist der Schiffsverkehr in diesem strategischen Nadelöhr stark zurückgegangen.
Politische Hürden für deutsche Rüstungsexporte
Ob deutsche Rüstungsunternehmen stärker von der steigenden Nachfrage profitieren können, hängt allerdings von politischen Rahmenbedingungen ab. Deutschland verfolgt traditionell eine restriktive Exportpolitik für Waffenlieferungen in Konfliktregionen.
So gab es in der Vergangenheit Interesse aus Saudi-Arabien am bodengebundenen Flugabwehrsystem IRIS-T des Herstellers Diehl Defence. Ein entsprechendes Geschäft kam jedoch wegen Exportbeschränkungen der Bundesregierung nicht zustande.
Kritiker der restriktiven Exportpolitik argumentieren, dass diese Beschränkungen dazu beigetragen haben, dass viele Golfstaaten stärker von US-Systemen abhängig sind.
Zu den Gründen für die deutsche Zurückhaltung zählen unter anderem:
die Tötung des Journalisten Jamal Khashoggi im Jahr 2018
Einschränkungen politischer Rechte in mehreren Golfstaaten
Erst im Jahr 2024 lockerte Deutschland eine Blockade gegen den Export von Eurofighter-Kampfjets aus Großbritannien nach Saudi-Arabien, wodurch indirekt auch deutsche Komponenten und Waffen wie etwa Luft-Luft-Raketen aus der IRIS-T-Familie geliefert werden können.
Milliardenmarkt Verteidigung: steigende Nachfrage nach Raketen, Drohnenabwehr und Militärsoftware
Der Konflikt wirkt sich auch deutlich auf die globale Verteidigungsindustrie aus. Besonders große internationale Rüstungs- und Technologieunternehmen profitieren von der steigenden Nachfrage nach Raketen, Radarsystemen und Flugabwehr.
Zu den wichtigsten Anbietern zählen:
RTX (Raytheon Technologies)
Northrop Grumman
General Dynamics
Boeing
Diese Unternehmen liefern zentrale Komponenten moderner Kriegsführung wie Marschflugkörper, Luftabwehrraketen, Kampfflugzeuge und Sensoriksysteme.
Ein Beispiel für die Kosten moderner Waffen sind Tomahawk-Marschflugkörper, die auf US-Zerstörern eingesetzt werden. Jede einzelne Rakete kostet etwa 2,5 Millionen US-Dollar.
Auch Technologieunternehmen profitieren zunehmend von militärischen Aufträgen. Firmen wie Palantir liefern Software zur datenbasierten Analyse und militärischen Aufklärung, während Planet Labs Satellitendaten für Überwachungs- und Aufklärungszwecke bereitstellt.
Geopolitische Folgen: mögliche Neuordnung der Partnerschaften
Neben den wirtschaftlichen Auswirkungen könnte der Konflikt langfristig auch geopolitische Konsequenzen haben. Beobachter gehen davon aus, dass die Golfstaaten ihre sicherheitspolitischen Partnerschaften künftig stärker diversifizieren könnten.
Mehrere Regierungen der Region äußerten zuletzt Unzufriedenheit mit der Rolle der USA in der aktuellen Krise. Gleichzeitig intensivieren sie Gespräche mit europäischen Staaten und anderen internationalen Partnern.
Für Länder wie die Vereinigten Arabischen Emirate, Saudi-Arabien oder Katar steht viel auf dem Spiel: In den vergangenen Jahren haben sie stark in ihre Position als internationale Finanzzentren, Tourismusdestinationen und Handelsdrehscheiben investiert.
Die anhaltenden Angriffe stellen dieses Image als stabile und sichere Wirtschaftsregion infrage.
Sollten weitere schwere Angriffe auf zivile Infrastruktur oder Energieanlagen erfolgen, warnen Experten vor einer möglichen militärischen Eskalation durch die Golfstaaten selbst.
Bislang betonen deren Regierungen jedoch weiterhin, dass die eingesetzten Verteidigungsmaßnahmen ausschließlich der Abwehr iranischer Angriffe dienen.