SpaceX-Börsengang: Der riskanteste Mega-IPO aller Zeiten?
Nicolas Fuchs
Nicolas Fuchs
Nicolas ist seit 2016 Redakteur bei ARIVA.DE. Seine Expertise in der technischen Analyse und sein Engagement für genaue Prognosen machen ihn zu einer wertvollen Ressource für die Community, die auf aussagekräftige News angewiesen ist.
SpaceX legt offiziell den Börsenprospekt vor – mit einer Bewertung von bis zu zwei Billionen Dollar, Milliardenverlusten und einer Machtstruktur, die Elon Musk dauerhaft das Kommando sichert. Der erwartete Mega-IPO zieht bereits jetzt den gesamten Weltraumsektor mit nach oben.
Für dich zusammengefasst:
SpaceX hat seine Börsenunterlagen bei der SEC eingereicht.
Der angestrebte IPO-Wert beträgt bis zu zwei Billionen Dollar.
Starlink steuerte 11,4 Milliarden Dollar zum Umsatz bei.
Der Raumfahrtkonzern SpaceX hat seine Börsenunterlagen offiziell bei der US-Börsenaufsicht SEC eingereicht und damit den Startschuss für den wohl größten Börsengang der Geschichte gegeben. Die angestrebte Bewertung beim SpaceX-IPO liegt bei bis zu zwei Billionen Dollar (Dollarkurs) und würde damit den bisherigen Rekordhalter Saudi Aramco aus dem Jahr 2019 deutlich überbieten. Gleichzeitig offenbart der Wertpapierprospekt ein Unternehmen, das trotz rasantem Umsatzwachstum tief in den roten Zahlen steckt.
Zahlen, die aufhorchen lassen
Im Geschäftsjahr 2025 erzielte SpaceX einen Umsatz von 18,67 Milliarden Dollar – bei einem Nettoverlust von 4,94 Milliarden Dollar. Im ersten Quartal 2026 verschärfte sich das Bild: Bei einem Umsatz von 4,7 Milliarden Dollar lag der Verlust bereits bei 4,3 Milliarden Dollar, nahezu so hoch wie im gesamten Vorjahr. Der Grund liegt im massiven Kapitalaufwand: Von den Gesamtinvestitionen in Höhe von 20,7 Milliarden Dollar floss weit mehr als die Hälfte in den Aufbau von Rechenzentren für den KI-Bereich unter dem Namen xAI.
Zwei Geschäftsbereiche dominieren den Umsatz: Das Startgeschäft mit der Falcon-Rakete erwirtschaftete 2025 rund 4,1 Milliarden Dollar, arbeitet jedoch ohne Gewinn. Das Satelliteninternet Starlink hingegen steuerte 11,4 Milliarden Dollar zum Konzernumsatz bei – also rund 61 Prozent – und gilt als das profitabelste Standbein des Konzerns. Starlink versorgt derzeit nach Unternehmensangaben rund 25 Millionen Kunden weltweit mit Breitbandinternet. Die neueste Satellitengeneration überträgt Signale direkt auf Smartphones, ohne zusätzliche Hardware.
Der KI-Ableger xAI erzielte 2025 einen Umsatz von 3,2 Milliarden Dollar, zieht dem Konzern jedoch durch den Aufbau massiver Rechenkapazitäten erhebliche Mittel ab. Ebenfalls im Prospekt vermerkt: Im Mai schloss SpaceX einen Cloud-Dienstleistungsvertrag mit dem KI-Unternehmen Anthropic, der bis Mai 2029 monatlich 1,25 Milliarden Dollar einbringen soll. Zuvor hatte SpaceX xAI, dem auch das soziale Netzwerk X gehört übernommen.
Musk behält die Kontrolle – strukturell abgesichert
Eine Doppelstruktur aus zwei Aktienklassen sichert Elon Musk nach dem Börsengang 85,1 Prozent der Stimmrechte. Er bleibt Konzernchef, Technikvorstand und Verwaltungsratsvorsitzender in Personalunion. Dividenden sind auf absehbare Zeit nicht geplant. Der Elektroautobauer Tesla hält bereits knapp 19 Millionen der künftigen Klasse-A-Aktien von SpaceX. Das Börsenkürzel ist bereits festgelegt: „SPCX". Die Preisspanne und die Anzahl der Aktien sollen voraussichtlich am 12. Juni, also rund eine Woche vor dem Börsenstart, bekannt gegeben werden. SpaceX soll an der Nasdaq und an der Nasdaq Texas notiert werden.
Die angestrebte Bewertung von bis zu zwei Billionen Dollar entspricht dem bis zu 107-fachen des Jahresumsatzes 2025. Als SpaceX Anfang Mai xAI übernahm, kam das Unternehmen noch auf eine interne Bewertung von 1,25 Billionen Dollar.
Hohe Bewertung – begrenzte Kursphantasie
Jay Ritter, Börsenexperte an der Universität Florida, warnt vor überzogenen Renditeerwartungen: „Je höher die Startbewertung, desto begrenzter ist selbst bei optimalem Verlauf das Renditepotenzial." Ab einer Bewertung von mehr als 1,5 Billionen Dollar sei das Aufwärtspotenzial strukturell eingeschränkt. Nicht jedes herausragende Unternehmen sei automatisch ein attraktives Investment.
Den eigentlichen Wachstumstreiber sieht Ritter nicht in xAI oder dem Raumfahrtgeschäft im engeren Sinne, sondern in Starlink: Sinkende Startkosten könnten es SpaceX ermöglichen, Internetzugang günstiger anzubieten als klassische Anbieter mit stationären Glasfasernetzen. „Das wäre ein potenziell riesiger globaler Telekommunikationsmarkt", so Ritter. Das hauseigene KI-Modell Grok bezeichnete er als „derzeit eher das viertbeste Modell" – kein Alleinstellungsmerkmal.
Finanzprofessor Aswath Damodaran von der Stern School of Business der New York University hebt indes Musks Fähigkeit hervor, auf den ersten Blick unrealistische Pläne tatsächlich umzusetzen – und erklärt damit einen Teil der Anziehungskraft von SpaceX auf Investoren.
Musk selbst nutzte den Prospekt ungewöhnlicherweise für eine Darlegung seiner Langzeitvision: Rohstoffabbau auf Asteroiden, Energieerzeugung auf dem Mond und eine dauerhafte Siedlung auf dem Mars gehören dazu. Seine Begründung für interplanetare Expansion: „Wir wollen nicht, dass die Menschheit das gleiche Schicksal erleidet wie die Dinosaurier."
Bewertungsvergleich: SpaceX misst sich an den Größten
Mit einer angestrebten Marktkapitalisierung von bis zu zwei Billionen Dollar würde SpaceX beim Börsengang in eine Liga aufsteigen, die bislang nur wenigen US-Konzernen vorbehalten ist – darunter Apple, Microsoft und Alphabet. Dass ausgerechnet ein Raumfahrtkonzern ohne Nettogewinn auf Augenhöhe mit dem Google-Mutterkonzern bewertet werden soll, ist für viele Marktteilnehmer ein Novum – und illustriert, wie stark die Wachstumserwartungen rund um Starlink und das KI-Geschäft in den Kurs eingepreist werden. Auch Alphabet (Alphabet C Aktie) ist bereits an SpaceX beteiligt.
Der Weltraumsektor bebt
Die Einreichung des Börsenprospekts wirkt wie ein Startschuss für den gesamten Weltraumsektor. Anleger und Spekulanten suchen nach Stellvertreterwetten auf den SpaceX-IPO Das Ergebnis ist, dass Raumfahrt-Aktien und Weltraum-ETFs in kurzer Zeit deutlich zugelegt haben.
Der VanEck Space Innovators ETF, der Unternehmen wie Rocket Lab, Planet Labs, Firefly Aerospace und Intuitive Machines bündelt, legte binnen fünf Handelstagen rund 24 Prozent zu. Der Procure Space ETF (UFO) notiert seit Jahresbeginn mehr als 65 Prozent im Plus und hat seinen Wert auf Sechsmonatssicht mehr als verdoppelt. Für Anleger, die breit in den Weltraumsektor investieren wollen, ohne einzelne Raumfahrt-Aktien zu selektieren, sind solche Raumfahrt-ETFs ein gebräuchliches Instrument.
Direkte Nutznießer sind laut Analysten vor allem SpaceX-Zulieferer sowie Unternehmen, die strukturell von der Dominanz des Konzerns profitieren. Cantor Fitzgerald stuft Rocket Lab und Intuitive Machines als direkte Profiteure des sogenannten „IPO-Premiums" ein. Rocket Lab, das vergangene Woche einen 90-Millionen-Dollar-Auftrag der U.S. Space Force erhielt, hat seit Jahresbeginn mehr als 78 Prozent zugelegt. Intuitive Machines liegt im gleichen Zeitraum über 110 Prozent im Plus.
Satellogic verzeichnet sogar ein Plus von mehr als 440 Prozent seit Jahresbeginn. Das Unternehmen hat seine Wachstumsstrategie eng mit dem Falcon-9-Rideshare-Programm von SpaceX verknüpft – SpaceX agiert dabei nicht als Wettbewerber, sondern als Kostensenker und Skalierungsenable. Redwire (RDW), das rund fünf Prozent des VanEck-ETF ausmacht, stieg binnen eines Monats über 130 Prozent. Das Unternehmen hat sich nach der Übernahme von Edge Autonomy im Jahr 2025 vom reinen Raumfahrtanbieter zum diversifizierten Verteidigungstechnologiekonzern gewandelt.
AST SpaceMobile, das Satellitenkommunikations-Startup mit Startvereinbarungen bei SpaceX, gehört zu den meistgehandelten Titeln im Retail-Bereich und ist fester Bestandteil des Goldman-Sachs-Baskets für retailstarke Aktien (GSXURFAV), der seit Mitte April rund 29 Prozent gewonnen hat. EchoStar Corp., ebenfalls im ETF vertreten und mit einer historischen Beteiligung von rund zwei Prozent an SpaceX, gilt Analysten von Morningstar als „zunehmend eine Wette auf SpaceX". Die Aktie hat in sechs Monaten mehr als 75 Prozent zugelegt.
2026: Das Jahr der Mega-IPOs
SpaceX ist kein Einzelfall. OpenAI ist für September als möglicher Börsenkandidat im Gespräch, Anthropic gilt ebenfalls als Kandidat. Martin Geißler von der Beratung Argon beschreibt das laufende IPO-Jahr als „Dreikampf um Kapital, Rechenkapazität und Deutungshoheit". Ein Stimmungstest, der über die gesamte IPO-Pipeline entscheidet: „Wenn einer dieser Börsengänge nicht überzeugend verläuft oder nach dem Listing schwach handelt, kann das die Chancen der nachfolgenden Börsengänge sofort eintrüben."
Jeff Bezos, Gründer von Blue Origin und damit direkter Konkurrent von SpaceX im Raketen-Startgeschäft, enthielt sich in einem Fernsehinterview einer Bewertung zur Bewertung – äußerte aber: „Was ich mit Sicherheit sagen kann: Space wird eine gigantische Branche werden." Die Zahlen stützen das: Laut der Space Foundation wuchs der globale Weltraummarkt von 570 Milliarden Dollar im Jahr 2023 und soll bis 2040 zwei Billionen Dollar erreichen.
SpaceX selbst wurde 2002 gegründet und absolviert heute mehr Weltraummissionen pro Jahr als alle staatlichen und privaten Anbieter zusammen. Das Starlink-Netzwerk umfasst rund 10.000 Satelliten. Musks persönliche Vergütung ist an Meilensteine geknüpft, darunter die Errichtung einer dauerhaften Marskolonie und der Bau von Rechenzentren im Weltall. Das Starship-Trägersystem, das für diese Vorhaben zentral ist, soll noch in dieser Woche einen weiteren Testflug absolvieren.
Analyst Matt Kennedy vom Analysehaus Renaissance Capital erwartet trotz aller Risiken erhebliches Anlegerinteresse: „Kaum etwas beflügelt die Fantasie der Öffentlichkeit so sehr wie die Raumfahrt. SpaceX wird sich als ein generationenübergreifendes Investment präsentieren – mit einer langfristigen Vision, an der Anleger 20, 30 oder mehr Jahre festhalten können."
Ob die Rechnung aufgeht, wird der Markt beantworten. Die Zahlen im Prospekt zeigen jedenfalls: SpaceX ist ein technologisch einzigartiges Unternehmen mit enormem Wachstumspotenzial und einer Bewertung, die kaum Spielraum für Enttäuschungen lässt.
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