Das 42-Dollar-Rätsel von Fort Knox: Warum die USA ihr Gold künstlich arm rechnen

Ingo Kolf Ingo Kolf
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Ingo Kolf bringt über zwei Jahrzehnte Erfahrung im internationalen Finanzjournalismus mit, darunter 19 Jahre beim Nachrichtendienst Bloomberg, mit Stationen in Frankfurt und sechs Jahren in New York. Seine fundierte Expertise umfasst die Bereiche Makroökonomie, Wirtschaftspolitik und globale Zinsentscheidungen, mit einem besonderen Fokus auf die Devisenmärkte und bewährte Dividendenstrategien. Bei ARIVA.DE ordnet er die großen wirtschaftlichen Trends unserer Zeit in tiefgehenden Hintergrundberichten und Analysen ein.

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Gestapelte Goldbarren.
© vasabii www.gettyimages.de
Die USA verbuchen den größten Goldschatz der Welt mit einem Preis von lächerlichen 42,22 US-Dollar je Unze. Wie kann das sein?
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Der Goldpreis hat in den vergangenen 12 Monaten mehr als 34 Prozent zugelegt, auch wenn er seit Anfang dieses Jahres etwas vor sich hindümpelt. Am Dienstag pendelt der Spotpreis an der Comex um die Marke von 4.560 US-Dollar je Feinunze. Angesichts explodierender Staatsschulden und geopolitischer Krisen wie dem Iran-Krieg flüchten Investoren weltweit in den ultimativen Sachwert. Doch wer in die Bilanz der mächtigsten Volkswirtschaft der Welt schaut, stößt auf ein bizarres Phänomen. In den offiziellen Büchern wird das Gold (Goldkurs) in Fort Knox mit nur 42,22 US-Dollar pro Unze bewertet.

Es ist kein Geheimnis, sondern eines der kuriosesten Relikte der Finanzgeschichte. Seit Oktober 1973 wurde der sogenannte gesetzliche Festpreis vom US-Kongress nicht mehr angefasst. Damals kollabierte das goldgedeckte Bretton-Woods-System, und Richard Nixon kappte das letzte Band zwischen dem US-Dollar und Edelmetall. Seither ist der Buchwert eingefroren.

Für die Bilanz des US-Finanzministeriums führt das zu einer absurden Verzerrung: Die rund 147,3 Millionen Unzen, die in den Tresoren lagern, stehen mit gerade einmal 11 Milliarden US-Dollar in den Büchern. Legt man jedoch den aktuellen Marktpreis von 4.560 US-Dollar an, repräsentiert dieser Schatz einen realen Gegenwert von rund 672 Milliarden Dollar (Dollarkurs). Die USA erfassen ihr wertvollstes strategisches Reservegut also mit weniger als zwei Cent je US-Dollar.

Diese gigantische Lücke ruft regelmäßig Skeptiker und Politiker auf den Plan. Jüngst machten Donald Trump und Elon Musk im Rahmen ihrer DOGE-Initiative Druck und forderten eine öffentliche, unabhängige Prüfung inklusive Livestream-Begehung der Tresore. Der neu vereidigte US-Finanzminister Scott Bessent blockte die Forderungen jedoch umgehend ab und erklärte, die internen Prüfungen reichten völlig aus.

Werte aus dem Artikel:
Goldpreis 4.490,1 $ +0,19%

Tatsächlich stellt sich die Frage, was mit einer solche Prüfung bezweckt werden soll. Denn solange das System im Normalbetrieb läuft, basiert das Vertrauen in den US-Dollar längst nicht mehr auf Gold, sondern auf der Steuerkraft der US-Bürger, der militärischen Dominanz und dem Status des Petrodollars. Eine Prüfung würde den Status quo lediglich bestätigen. Gefährlich für das weltweite Finanzsystem würde es nur dann, wenn die Tresore leer wären – ein schwarzer Schwan, der eine sofortige Hyperinflation des US-Dollars auslösen würde.

Doch warum weigert sich das Finanzministerium so beharrlich, die Bilanz auf den aktuellen Marktwert umzustellen? Schließlich würde eine Korrektur auf 672 Milliarden US-Dollar das Verhältnis von Staatsvermögen zu den astronomischen Staatsschulden (über 34 Billionen US-Dollar) zumindest optisch aufbessern.

Manche Ökonomen der härteren geldpolitischen Denkschulen fordern genau das: Eine Neubewertung, um darauf basierend neue "Goldzertifikate" an die Federal Reserve auszugeben. Die Fed würde der Regierung im Gegenzug über Nacht hunderte Milliarden US-Dollar an frischer Liquidität auf das Girokonto buchen. Der Clou für die Politik: Dieses Geld würde rechtlich nicht als neue Schulden zählen – ein eleganter Notausgang, um das ständige Drama rund um die US-Schuldenobergrenze auszuhebeln.

Dass die Fed und das Finanzministerium diesen Schritt verweigern, hat einen triftigen Grund: Es wäre reine Bilanzkosmetik mit fatalen Folgen. Zwar lassen sich Schulden auf dem Papier schönrechnen, real abbezahlen lassen sie sich so nicht. Würde die US-Regierung diese via Buchungstrick generierten Milliarden in den Wirtschaftskreislauf schleusen, um fällige Staatsanleihen zu bedienen, würde sie massenhaft Geld aus dem Nichts erschaffen, dem keine reale Wirtschaftsleistung gegenübersteht. Die Folge wäre ein massiver Vertrauensverlust der globalen Gläubiger und eine dramatische Entwertung der Währung.

Die 42,22 Dollar pro Unze in den US-Büchern sind somit weit mehr als nur ein verstaubtes Gesetz. Sie sind das unfreiwillige Eingeständnis der Notenbank, wie stark der Fiat-Dollar in den letzten 50 Jahren gegenüber dem realen Sachwert Gold abgewertet hat. Das Gold in Fort Knox bleibt, was es immer war: Die ultimative Versicherung für den Systemkollaps – und eine Versicherung bewertet man im Alltag nun mal nicht zum Verkaufspreis.

Autor: Ingo Kolf, sbh-Redaktion



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