Dienstag, 15. Juli 2003
Das Spiel der Fed
von unserem Korrespondenten Eric Fry an der Wall Street
Jeden Morgen öffnen die Börsen ihre Türen, um Schwärme von
Aktienkäufern anzuziehen, von denen sich keiner wegen des Ausbleibens
positiver gesamtwirtschaftlicher Nachrichten Sorgen zu machen scheint.
Eine wirtschaftliche Erholung mag zwar nicht in Sicht sein - aber die
Aktienkäufer können klar sehen, dass die Aktienkurse steigen ... also
warum sollte man sich nicht eine oder zwei Aktien kaufen ... oder
zehn?
Letzte Woche musste eine ganze Reihe von Vorstandsvorsitzenden aus dem
Technologiebereich einräumen, dass sich das Geschäftsumfeld in ihrem
Sektor kaum - wenn überhaupt - verbessert habe. Nachdem die Investoren
die Quartalsberichte von Intel, Cisco und Dell sorgfältig unter die
Lupe genommen hatten ... kauften sie trotzdem wieder Aktien. Diese
fieberhaften Käufe führten dazu, dass der Nasdaq-Composite letzte
Woche ordentliche 4,2 % zulegen konnte, auf 1.733 Punkte. Der trägere
Dow Jones gewann nur 49 Zähler auf 9.119.
Die jüngste Handelsaktivität am Aktienmarkt erinnert an die letzten
Monate der Spekulationsblase der späten 1990er - je risikobeladener
eine Aktie, desto größer ihre Anziehungskraft.
"Der Russell 2000-Index, ein weitbekanntes Barometer für die
Performance der (amerikanischen) Small Caps hat 24 % zugelegt,
deutlich mehr als die 13 % Plus des S&P 500", beobachtet das Barron`s
Magazin. "Und es ist die beeindruckende Performance der kleinsten
Werte, die zu dem heftigen Anstieg dieses Indizes geführt hat ...
während `small is beautiful` ganz bestimmt gilt, sind es die kleinen
und spekulativen Werte, die die Herzen der Investoren höher schlagen
lassen. Hohes Wachstum, hohe Bewertung, hohes Beta, und dann noch ein
relativ illiquider Titel - das sind die großartigen Voraussetzungen
für einen besonders stark steigenden Titel."
Das Barron`s Magazin schreibt weiter: "Ein weiteres Zeichen der
Spekulation ist die Tatsache, dass die Aktien mit optisch niedrigen
Kursen explodieren. Die Aktien im Russell 2000-Index, die unter 5
Dollar notieren, haben im zweiten Quartal 54,8 % zugelegt, während die
Titel, die 20 Dollar oder mehr kosten, im gleichen Zeitraum 14,3 %
steigen konnten."
Aber während die Investoren riskante, überteuerte Aktien kaufen,
verkaufen sie riskante, überteuerte Anleihen. "Die langfristigen
Renditen der US-Staatsanleihen sind signifikant überbewertet bei den
derzeitigen Renditen, und der Markt zeigt die charakteristischen
Merkmale einer Spekulationsblase", so "The Bank Credit Analyst".
"Jetzt US-Staatsanleihen zu aktuellen Renditen zu kaufen, ist, als ob
man mit der Fed ein Spiel spielen würde", so The Bank Credit Analyst
weiter. "Die Fed versucht, die Investoren zu veranlassen, langfristige
Staatsanleihen zu Renditen von unter 3,5 % zu kaufen. Dennoch hat die
Fed als explizites Ziel eine Erhöhung des Wirtschaftswachstums und
eine Zunahme der Inflation, zwei Dinge, die sicher machen würden, dass
der Kauf von Staatsanleihen auf dem jetzigen Niveau zu einem
Verlustgeschäft würde. Die Herausforderung für die Investoren wird
sein, herauszufinden, wie lange die Fed dieses Spiel spielen wird. Und
die Herausforderung für die Fed wird sein, herauszufinden, wann sie
eventuell die Zinssätze erhöhen kann, ohne am Anleihenmarkt ein
komplettes Blutbad zu provozieren. In der Praxis wird es für die Fed
wahrscheinlich unmöglich sein, ihre Politik des superleichten Geldes
aufzugeben, ohne den Anleihenmarkt in die Luft zu sprengen."
Gruß
Nobody II