Hans Bernecker: Miese Stimmung!
Mails/Nachrichten vom 27.06.2001, Bernecker & Cie.
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Guten Morgen, meine Damen und Herren,
wenn Merrill Lynch eine Gewinnwarnung gibt, fallen alle Banken- und Brokeraktien rund um den Globus. Es regiert also die Nervosität und nicht der Verstand. Nervöse Börsen sind aber keine Trendbörsen, sondern stets das Ende gewisser Rhythmen, wie ich beschrieben habe und wobei es bleibt. Eines ist allerdings zu berücksichtigen:
Was Ihnen täglich über die Medien als mehr oder weniger sensationelle Meldung verkauft wird, ist eigentlich die Meldung nicht wert. Ich rufe dies aus gutem Grund ins Gedächtnis: Der Wert von Aktien orientiert sich am Originalgeschäft des Unternehmens und nicht am Stimmungsbild der "Zuschauer". Das soll auch kein Trost sein, aber eine Erklärung. Beispiel:
Wenn Philips als zweiter Großer aus dem Handygeschäft aussteigt und nach Ericsson ebenfalls einen Asien-Partner aufnimmt, zeigt es Ihnen, wie Supertrends auslaufen, über die Sie vor wenigen Monaten noch wahre Wunderdinge lasen, obwohl es jedem simpel klar sein mußte, daß die Wachstumsraten, die diesen Aktien unterstellt wurden, nicht stimmen konnten. Meine vehemente Kritik am Beispiel Nokia kennen Sie. Auch diese Aktie ist leider noch nicht unten. Gestern allein minus 8%. Kommentar überflüssig.
Wall Street aktuell: Nach wie vor gute Markttechnik, aber miese Stimmung. Die bekannten technischen Daten A/D sind in beiden Segmenten (Big Board und Nasdaq) unverändert positiv. Etwa im Verhältnis 1 zu 3. Bei new high/new low sogar 113:46 am Big Board und 114:86 an der Nasdaq. Besser geht's nicht.
Das Umsatzvolumen ist dagegen leicht rückläufig, aber natürlich warten alle auf die nächsten Zinssignale. Ich weiß gar nicht warum. Denn daß der kurze Dollarzins bei mind. 3,5 % landen muß, habe ich Ihnen mehrfach begründet. 3,0 % sind möglich, aber das ist erst im August/September zu entscheiden. Orientieren Sie sich also nicht an solchen Wetten.
Bei den Technologieaktien halten Sie bitte daran fest: Meine in der letzten Woche gegebenen Limits bleiben gültig, obwohl einige Leser auf meinem Board mir den Vorwurf machen, daß ich leichtfertig mit 3 - 4 $-Schwankungen umgehe, wenn der Originalkurs z. B. 12 oder 14 $ beträgt. Denn das seien immerhin Differenzen bis zu 40 %. Dazu gilt nur ein Wort: Tennisballeffekt bzw. Volatilität. Wer damit nicht umgehen kann, läßt jetzt die Finger ganz davon. Zwei Sorgenkinder werden mir immer wieder vorgetragen: Silicon Graphics, die auf 1,02 $ abgestürzt sind, und Iomega. Zu Silicon: Dieser Weltmarktführer für CAE-Workstations erreicht etwa 2,2 Mrd $ Umsatz, bei ca. 400 Mio $ langfristigen Schulden. Er leidet aber unter den hohen Preisen seiner Produkte, die im Moment von den Kunden, die alle schwach geworden sind, nicht akzeptiert werden. Zudem ist der Markt für CAE-Workstations zur Zeit kein Wachstumsmarkt. Angesichts dieser Finanzsituation sehe ich keinen Grund für echte Sorgen, aber aufmerksam müssen wir die Halbjahreszahlen studieren. Börsenwert 195 Mio $ oder 8 % des Umsatzes. Iomega ist weitaus besser positioniert. Praktisch keine langfristigen Schulden, Börsenwert 670 Mio $ für 1,3 Mrd $ Umsatz im Sektor Disc Drives. Auch hier warte ich auf die 6-Monatszahlen und werde darüber in der AB berichten.
In Deutschland schlug der Infineon-Schreck mit 24 Stunden Verspätung durch. Das sehe ich mit großem Mißvergnügen, weil ich seit vielen Wochen immer wieder die Markttechnik der 4 Technologieaktien mit größtem Mißtrauen verfolge. Ich bin dazu ebenfalls heftig kritisiert worden, bleibe aber dabei: Was hier für Unsinn geschrieben worden ist, mit Hoch- und Runterstufungen nebst sonstigen Perspektiven, grenzt teilweise an Lächerlichkeiten. Kommt aber ein solches Gebäude ins Rutschen, wird es eng. Der unverändert schwierigste Titel ist dabei SAP, aber es gilt ebenfalls: Siemens darf 63 E. nicht unterschreiten. Dazu lesen Sie bitte die nächste AB. Fest steht schließlich: Die Kurse dieser Titel werden zu 90 % von den Fonds bzw. den Eigenhändlern der großen Banken bestimmt. Und hier wird kräftig gespielt.
Heute ein Blick auf den Dow Jones Euro Stoxx 50 aus wichtigem Grund: Alcatel verlor gestern noch einmal 5 %. Damit war ich etwas zu früh, wie so oft, aber richtig. Die Kaufbasis bleibt um 20/23 E. Ericsson hat sich dagegen bereits gefangen, nämlich um rd. 50/52 skr oder knapp unter 6 E. Zu Nokia siehe oben, und ich halte 15/16 E. für durchaus machbar. Dann ist diese Aktie genau so ein Kauf wie Nortel bei 8 E. Bitte prägen Sie sich diese Systematik ein. Ich habe zu diesen Aktien in der AB mehrfach Stellung genommen.
Der Tarifkonflikt bei VW ist unschön, aber nicht substantiell. 1 - 2 E. Risiko mögen im Kurs stecken, mehr nicht. Was im übrigen für fast alle großen DAX-Papiere gilt: Sie haben heute keinen Handlungsbedarf.
Herzlichst Ihr
Hans A. Bernecker