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Es hat etwas von „Selbstmord aus Angst vor dem Tod“. Ein Unternehmen warnt vor dem Niedergang - und löst damit einen beispiellosen Absturz aus, der die gesamte Branche für Düngemittel mitreißt. Davon ist auch K+S aus dem Dax betroffen. Die Aktie des Düngemittelherstellers fällt zeitweise um 27 Prozent.
Was ist passiert: Der Markt für Dünger beziehungsweise Kalisalze ist schon seit einiger Zeit unter Druck. Die Weltwirtschaft schwächelt, vor allem China und Indien wachsen nicht mehr im gleichen tempo wie früher, damit sinkt auch die Nachfrage nach Produkten der Agrarindustrie. Der Kalipreis ist auf 400 Dollar je Tonne gefallen. Um dem Preisverfall etwas entgegen zu setzen, hatten sich verschiedene Düngemittelhersteller beim Vertrieb zusammengetan.
Doch damit ist jetzt Schluss. Das russische Unternehmen Uralkali hat am Dienstag ein wichtiges Handelskonsortium aufgekündigt. Gleichzeitig prophezeiten die Russen einen weiteren drastischen Einbruch der Preise. „In der nächsten Zeit rechnen wir damit, dass der Wettbewerb stärker wird, das wird die Preise nach unten treiben“, sagte Vladislav Baumgertner, Chef von Uralkali, in einem Interview mit Reuters. „Die Kalipreise könnten bis auf 300 Dollar je Tonne fallen.“
Für einen schärferen Wettbewerb sorgen die Russen selbst, indem sie ihre Zusammenarbeit mit Belaruskali beenden. Uralkali und Belaruskali waren acht Jahrelang Partner im Gemeinschaftsunternehmen BPC, das für 43 Prozent der weltweiten Kali-Exporte stand. Die genauen Gründe für den Rückzug nannte Baumgertner nicht. Er sprach nur von einer unerfreulichen Blockade. Nach Informationen von Reuters wurde Belaruskali von diesem Schritt überrascht. Einen offiziellen Kommentar gab es von dem weißrussischen Unternehmen nicht.
Experten erwarten, dass sich die Unternehmen künftig mit Kampfpreisen unterbieten werden. „Es ist so, als würde Saudi Arabien aus der Opec austreten - die Ölpreise würden sofort fallen“, sagte Dmitry Ryzhkov, Analyst bei Renaissance Capital.
Direkt betroffen ist der deutsche Konzern K+S aus Kassel. „Für K+S ist das eine Katastrophe, die Aktien will jetzt erst einmal keiner mehr haben“, sagte ein Börsianer. An der Börse fiel der Kurs bis auf 19,40 Euro, den tiefsten Stand seit 2007. In diesem Jahr hat die Aktie gut 40 Prozent verloren. Die Aktie von Uralkali fiel an der Moskauer Börse um 18 Prozent auf 153,15 Rubel.
Sollte der Kalipreis tatsächlich auf 300 Dollar fallen, könnte K+S nach Meinung von Experten kaum noch wirtschaftlich produzieren. Die Produktionskosten werden auf 250 bis 300 Dollar geschätzt. Laut Commerzbank-Analyst Lutz Grüten führt ein einprozentiger Preisrückgang beim Kalipreis zu einer zweiprozentigen Verringerung des operativen Gewinns bei K+S. Die Analysten von Liberum befürchten, dass der Gewinn je Aktie auf etwa 0,70 Euro fallen könnte. Bisher gingen Analysten laut Bloomberg im Schnitt von 2,82 Euro je Aktie aus.
Mehrere große Firmen wie der brasilianische Vale-Konzern oder der US-Rivale Mosaic haben bereits Pläne für den Bau oder die Erweiterung von Bergwerken zurückgestellt. Der weltgrößte Produzent Potash kündigte an, zwei seiner Förderstätten für den Rest des Jahres mit verminderter Kapazität zu betreiben.