Gefährliche HV-Verdrossenheit
Schon mit 177 Milliarden Euro können Investoren sämtliche Dax-Konzerne kontrollieren
von Daniel Eckert und Holger Zschäpitz
Berlin - Schon mit 177 Mrd. Euro kann man König von Deutschland werden. Denn mit dieser relativ läppischen Summe läßt sich die Kontrolle über sämtliche Dax-Konzerne erringen. Eigentlich kosten die 30 größten Aktiengesellschaften des Landes 611 Mrd. Euro. Doch wie das Beispiel Deutsche Börse zeigt, ist es keineswegs erforderlich, das gesamte Kapital in den Händen zu halten, um ein Unternehmen zu dominieren und die Geschäftspolitik vorzugeben. Beim deutschen Börsenbetreiber hatte sich ein Londoner Hedge-Fonds mit einer Handvoll anderer Investoren verbündet, um den Vorstand aus dem Amt zu jagen, wobei die Kaperer gerade einmal 30 Prozent des Grundkapitals besaßen.
Möglich wird dieser Hebeleffekt durch die niedrige Beteiligung der Aktionäre (Kapitalpräsenz) an den Hauptversammlungen, auf denen die Anteilseigner wichtige Entscheidungen treffen. Nach Berechnungen der WELT haben sich in diesem Jahr so wenige Aktionäre wie noch nie bequemt, von ihrem Stimmrecht auf dem Aktionärskonvent Gebrauch zu machen. Die Kapitalpräsenz bei den Dax-Gesellschaften lag in der diese Woche zu Ende gegangenen HV-Saison gerade noch bei 45,8 Prozent. 2004 waren noch 47,2 Prozent der Stimmberechtigten anwesend, 1998 belief sich die Zahl sogar auf über 60 Prozent.
"In Deutschland ist die Präsenz der Aktionäre auf den Hauptversammlungen dünn", sagt Rolf Drees, Sprecher der Fondsgesellschaft Union Investment. "Bei manchen Dax-Konzernen ist die Präsenz sogar eklatant niedrig."
Am HV-faulsten sind die Aktionäre des Reifenherstellers Continental. Gerade einmal 23,55 Prozent des stimmberechtigten Kapitals waren am 12. Mai in Hannover vertreten. Nicht viel aktiver sind die Anteilseigner der Deutschen Bank, des Sportartikelherstellers Adidas, des Energieversorgers Eon oder des Technologiekonzerns Siemens. Bei all diesen Aktionärstreffen fand sich weniger als ein Drittel der Wahlberechtigten zusammen.
Die HV-Verdrossenheit bleibt nicht ohne Folgen für die hiesige Unternehmenskultur. Dadurch können gutorganisierte Minderheiten eine überproportionale Machtfülle erhalten. Und es erscheint Beobachtern fraglich, ob dies den Konzernen und ihren Eignern zum Vorteil gereicht.
"Die Beispiele Deutsche Börse AG und IWKA (bei beiden Unternehmen stürzten Investoren mit einem Minderheitenanteil den Vorstand) zeigen, daß die Wahrscheinlichkeit eines Putsches zugenommen hat", sagt Union-Investment-Sprecher Drees. Jürgen Kurz von der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz (DSW) geht noch einen Schritt weiter. "Internationale Großinvestoren können inzwischen 20 bis 30 Mrd. Euro an den Kapitalmärkten bewegen. Damit läßt sich quasi jedes Dax-Unternehmen durch ein guerillaartiges Vorgehen auf der HV einsacken."
Tatsächlich ist nur bei einem einzigen Konzern eine Summe von dieser Größenordnung erforderlich, um das Kommando zu übernehmen: nämlich bei der Deutschen Telekom. Vorausgesetzt die Kapitalpräsenz nimmt nächstes Jahr nicht wieder zu, könnten taktisch versierte Investoren mit 22,6 Mrd. Euro eine Zweidrittelmehrheit auf der HV erringen. Mit einer solchen Majorität kann bei einem Aktionärstreffen der Aufsichtsrat gestürzt und mit gefälligen Kandidaten besetzt werden. Da die Aufseher wiederum den Vorstand berufen, ist ein direkter Zugriff auf die Geschäftspolitik möglich.
Die Deutsche Börse ist ein paradigmatischer Fall. Hier trat der Vorstand in vorauseilendem Gehorsam zurück, als die Aktionäre um den Hedge-Fonds TCI drohten, den Aufsichtsrat abzulösen. "Dabei geht es den Putschisten nur vordergründig darum, die Strategie der Deutschen Börse zu verändern", sagt Kurz. Vielmehr seien sie auf die Milliarden von Cash ausgewesen, die der Dax-Konzern auf dem Konto hatte. "Sobald die Kontrolle errungen ist, kann man die Ausschüttung des Geldes etwa in Form einer Sonderdividende veranlassen." Kurz kann sich vorstellen, daß das Beispiel Schule macht und findige Investoren nach weiteren Kaperopfern Ausschau halten werden. BASF oder Eon hätten hohe Bargeldbestände auf den Konten, die sie zu einer potentiellen Zielscheibe machten.
Bei Eon müssen clevere Investoren knapp zehn Mrd. Euro aufbringen, bei BASF reichen 6,8 Mrd. Euro. Ein weiterer Kandidat mit hohen Bargeldbeständen ist der Softwarekonzern SAP. Hier liegen weit über zwei Mrd. Euro an Liquidem ungenutzt bei der Bank. Wegen der relativ hohen Kapitalpräsenz auf der HV ließen sich diese Mittel jedoch nur mit 15,5 Mrd. Euro loseisen.
Viele Unternehmenschefs werden darum kämpfen, zukünftig eine höhere Präsenz auf den Aktionärstreffen zu organisieren. Zwei Stoßrichtungen bieten sich an. Zum einen müßten jene Aktionäre, die ihr Depot bei Sparkassen und Volksbanken haben, mobilisiert werden. Denn die Bankinstitute vertreten diese Gruppe der Kleinsparer aus Kostengründen nicht mehr. Zum zweiten werden die Konzernlenker in Zukunft die technischen Möglichkeiten besser ausschöpfen, um eine Abstimmung per Internet zu erreichen. Denn nur so läßt sich die zunehmende internationale Anlegerschaft bei den Dax-Konzernen einbeziehen.
Artikel erschienen am Sa, 11. Juni 2005
Welt.de
Jetzt müssen wir nur noch unsere Groschen zusammen legen und schon kann es losgehen.
Schon mit 177 Milliarden Euro können Investoren sämtliche Dax-Konzerne kontrollieren
von Daniel Eckert und Holger Zschäpitz
Berlin - Schon mit 177 Mrd. Euro kann man König von Deutschland werden. Denn mit dieser relativ läppischen Summe läßt sich die Kontrolle über sämtliche Dax-Konzerne erringen. Eigentlich kosten die 30 größten Aktiengesellschaften des Landes 611 Mrd. Euro. Doch wie das Beispiel Deutsche Börse zeigt, ist es keineswegs erforderlich, das gesamte Kapital in den Händen zu halten, um ein Unternehmen zu dominieren und die Geschäftspolitik vorzugeben. Beim deutschen Börsenbetreiber hatte sich ein Londoner Hedge-Fonds mit einer Handvoll anderer Investoren verbündet, um den Vorstand aus dem Amt zu jagen, wobei die Kaperer gerade einmal 30 Prozent des Grundkapitals besaßen.
Möglich wird dieser Hebeleffekt durch die niedrige Beteiligung der Aktionäre (Kapitalpräsenz) an den Hauptversammlungen, auf denen die Anteilseigner wichtige Entscheidungen treffen. Nach Berechnungen der WELT haben sich in diesem Jahr so wenige Aktionäre wie noch nie bequemt, von ihrem Stimmrecht auf dem Aktionärskonvent Gebrauch zu machen. Die Kapitalpräsenz bei den Dax-Gesellschaften lag in der diese Woche zu Ende gegangenen HV-Saison gerade noch bei 45,8 Prozent. 2004 waren noch 47,2 Prozent der Stimmberechtigten anwesend, 1998 belief sich die Zahl sogar auf über 60 Prozent.
"In Deutschland ist die Präsenz der Aktionäre auf den Hauptversammlungen dünn", sagt Rolf Drees, Sprecher der Fondsgesellschaft Union Investment. "Bei manchen Dax-Konzernen ist die Präsenz sogar eklatant niedrig."
Am HV-faulsten sind die Aktionäre des Reifenherstellers Continental. Gerade einmal 23,55 Prozent des stimmberechtigten Kapitals waren am 12. Mai in Hannover vertreten. Nicht viel aktiver sind die Anteilseigner der Deutschen Bank, des Sportartikelherstellers Adidas, des Energieversorgers Eon oder des Technologiekonzerns Siemens. Bei all diesen Aktionärstreffen fand sich weniger als ein Drittel der Wahlberechtigten zusammen.
Die HV-Verdrossenheit bleibt nicht ohne Folgen für die hiesige Unternehmenskultur. Dadurch können gutorganisierte Minderheiten eine überproportionale Machtfülle erhalten. Und es erscheint Beobachtern fraglich, ob dies den Konzernen und ihren Eignern zum Vorteil gereicht.
"Die Beispiele Deutsche Börse AG und IWKA (bei beiden Unternehmen stürzten Investoren mit einem Minderheitenanteil den Vorstand) zeigen, daß die Wahrscheinlichkeit eines Putsches zugenommen hat", sagt Union-Investment-Sprecher Drees. Jürgen Kurz von der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz (DSW) geht noch einen Schritt weiter. "Internationale Großinvestoren können inzwischen 20 bis 30 Mrd. Euro an den Kapitalmärkten bewegen. Damit läßt sich quasi jedes Dax-Unternehmen durch ein guerillaartiges Vorgehen auf der HV einsacken."
Tatsächlich ist nur bei einem einzigen Konzern eine Summe von dieser Größenordnung erforderlich, um das Kommando zu übernehmen: nämlich bei der Deutschen Telekom. Vorausgesetzt die Kapitalpräsenz nimmt nächstes Jahr nicht wieder zu, könnten taktisch versierte Investoren mit 22,6 Mrd. Euro eine Zweidrittelmehrheit auf der HV erringen. Mit einer solchen Majorität kann bei einem Aktionärstreffen der Aufsichtsrat gestürzt und mit gefälligen Kandidaten besetzt werden. Da die Aufseher wiederum den Vorstand berufen, ist ein direkter Zugriff auf die Geschäftspolitik möglich.
Die Deutsche Börse ist ein paradigmatischer Fall. Hier trat der Vorstand in vorauseilendem Gehorsam zurück, als die Aktionäre um den Hedge-Fonds TCI drohten, den Aufsichtsrat abzulösen. "Dabei geht es den Putschisten nur vordergründig darum, die Strategie der Deutschen Börse zu verändern", sagt Kurz. Vielmehr seien sie auf die Milliarden von Cash ausgewesen, die der Dax-Konzern auf dem Konto hatte. "Sobald die Kontrolle errungen ist, kann man die Ausschüttung des Geldes etwa in Form einer Sonderdividende veranlassen." Kurz kann sich vorstellen, daß das Beispiel Schule macht und findige Investoren nach weiteren Kaperopfern Ausschau halten werden. BASF oder Eon hätten hohe Bargeldbestände auf den Konten, die sie zu einer potentiellen Zielscheibe machten.
Bei Eon müssen clevere Investoren knapp zehn Mrd. Euro aufbringen, bei BASF reichen 6,8 Mrd. Euro. Ein weiterer Kandidat mit hohen Bargeldbeständen ist der Softwarekonzern SAP. Hier liegen weit über zwei Mrd. Euro an Liquidem ungenutzt bei der Bank. Wegen der relativ hohen Kapitalpräsenz auf der HV ließen sich diese Mittel jedoch nur mit 15,5 Mrd. Euro loseisen.
Viele Unternehmenschefs werden darum kämpfen, zukünftig eine höhere Präsenz auf den Aktionärstreffen zu organisieren. Zwei Stoßrichtungen bieten sich an. Zum einen müßten jene Aktionäre, die ihr Depot bei Sparkassen und Volksbanken haben, mobilisiert werden. Denn die Bankinstitute vertreten diese Gruppe der Kleinsparer aus Kostengründen nicht mehr. Zum zweiten werden die Konzernlenker in Zukunft die technischen Möglichkeiten besser ausschöpfen, um eine Abstimmung per Internet zu erreichen. Denn nur so läßt sich die zunehmende internationale Anlegerschaft bei den Dax-Konzernen einbeziehen.
Artikel erschienen am Sa, 11. Juni 2005
Welt.de
Jetzt müssen wir nur noch unsere Groschen zusammen legen und schon kann es losgehen.