Irmgard Greiner fühlt sich betrogen: Ihre Bank hatte der 91-Jährigen empfohlen,
in geschlossene Fonds zu investieren. Nun kommt sie erst 2027 an ihr Geld – mit 107.
Kein Einzelfall.
Die Resonanz auf den stern TV-Beitrag über Irmgard Greiners Fall ist groß. So wie der 91-Jährigen, die sich von der Commerzbank schlecht beraten fühlt, erging es offenbar vielen Zuschauern: Auch sie berichten davon, dass einige Banken alten Menschen Geldanlagen mit langen Laufzeiten angedreht haben. Und: Immer wieder geht es um die Commerzbank.
"Sie war schockiert und hat geweint"
Auch bei Evelyn Christ hat der stern TV-Bericht böse Erinnerungen geweckt: "Als ich den Bericht gesehen habe, musste ich erst einmal weinen und dachte: das kann nicht sein, dass da wieder einer reingefallen ist mit dem ganzen …", sagt Evelyn Christ im Gespräch mit stern TV. Ihrer Tante, Annemarie Höing, die bereits verstorben ist, habe die Commerzbank im Alter von 86 Jahren geraten, 12.800 Euro in einen Fonds zu investieren. Laufzeit: 30 Jahre. Mit 117 wäre die Tante, die "ihr ganzes Leben" Kundin bei der Commerzbank gewesen sei, erst an ihr Geld gekommen.
Annemarie Höing sei sehr vertrauensselig gewesen, erzählt die Nichte. "Die Bank-Mitarbeiterin kam immer, hat sich aufgedrängt und die Geldgeschäfte gemacht." Besonders tragisch an diesem Fall: Irgendwann reicht die Rente der Seniorin nicht mehr - und sie braucht Geld aus dem Fonds, aber das ist fest angelegt bis 2031. "Sie war zuerst schockiert und hat geweint. Mit der Zeit, je größer die Existenznot wurde, desto mehr hat sie sich zurückgezogen und abgeschaltet", erzählt ihre Nichte.
Die alte Dame stirbt mit hohen Schulden. Die Familie kann dafür nicht aufkommen – und muss das Erbe ausschlagen. Was sich Evelyn Christ nun fragt: "Wer kommt jetzt im Jahr 2031 in den Genuss von dem Fonds, wenn der wirklich mal ausgeschüttet wird?"
Das Kleingedruckte verschwiegen
Auch Monika Kröger zuckte zusammen, als sie den Beitrag über Irmgard Greiner bei stern TV sah: "Das ist alles wie bei meinem Onkel, die Anlageform, die Containerschiffe und sogar die Bank", sagt sie. Ihr Onkel, Hans Clemens, ist mittlerweile verstorben. Im Alter von 74 hat er rund 22.000 Euro in Immobilien und Schiffsfonds investiert, mit Laufzeiten bis zu 18 Jahren, verkauft von der Commerzbank. "Wie ich ihn kannte, bin ich überzeugt, dass er sich das hat aufschwatzen lassen und dass das nicht sein freier Wille war", erzählt seine Nichte.
Werden Verträge alten Leuten wirklich aufgeschwatzt? Eine ehemalige Mitarbeiterin der Commerzbank, die nicht erkannt werden möchte, sagt: "Vor allem hat man auf das Vertrauen der Kunden gebaut, und das Vertrauen hat man 100 Prozent ausgenutzt." In den sechs Jahren, in denen sie bei der Commerzbank gearbeitet habe, habe sich der Kunde Kleingedrucktes nie durchgelesen, sagt sie. "Es wurde immer gesagt, das ist Standard, das können sie ruhig unterschreiben. Das passt schon." Das Verschweigen von Vertragsdetails sei ein Trick, um Kunden einen Abschluss unterzujubeln.
Im Alter hohe Schulden
100 Prozent Vertrauen brachte auch Gertrud Rasch ihrem Bankberater entgegen - so ihre Nichte Vera Christoffer, die an stern TV geschrieben hat. 40 Jahre ist ihre Tante bei der Commerzbank, hat einen persönlichen Berater. Als der die Firma wechselt, vertraut sie ihm weiter, so die Nichte. Er bringt sie dazu, 250.000 Euro anzulegen. Damals ist die Rentnerin 88 - die Laufzeit der Investition aber beträgt 20 Jahre.
Die letzte Unterschrift holt sich der Berater noch, als die alte Dame im Krankenhaus liegt: "Da hat sie die Unterschrift geleistet, obwohl sie mit Medikamenten versorgt war und nicht richtig ansprechbar. Sie hatte eine ganz schwere Lungenentzündung." Zwei Wochen später stirbt Gertrud Rasch.
Alte sind leichte Opfer
Die Bankberater hätten enormen Druck, berichten Bankangestellte. Immer neue Abschlüsse würden verlangt. Und am einfachsten seien Vertragsabschlüsse bei ganz bestimmten Gesprächen, die intern als AD-Termine bezeichnet werden: A und D steht für alt und doof. Das bestätigt auch eine ehemalige Mitarbeiterin der Commerzbank. Auch sie will unerkannt bleiben.
"Die Alten sind eher die leichtgläubigen Kunden, die alles mit sich machen lassen, weil sie den Berater eben kennen." Und auf die Frage, was den leichtgläubigen Kunden denn gerne angedreht wird, sagt sie: "Natürlich die Sachen, an denen die Bank am meisten verdient und der Berater seine Ziele am schnellsten erfüllt. Das können spekulative Papiere sein oder sehr langfristige Anlagen wie zum Beispiel geschlossene Fonds."
Dass das Vertrauen der Rentner ausgenutzt wird, weiß auch Benjamin Zieger. Zehn Jahre hat der junge Mann für eine Bank gearbeitet. Vor zwei Jahren hat er den Job gewechselt. "Senioren sind leichte Opfer", sagt er. "Weil sie oft schon jahrelang als Kunden bei einer Bank sind und dem Berater dann glauen, wenn er sagt: Das ist eine gute Anlage."
www.stern.de/tv/sterntv/...commerzbank-rentner-ab-1748631.html