Langfristig werden Wechselkurse fast ausschließlich von den Veränderungen der Kaufkraftparitäten bestimmt - nach den neuesten Erhebung liegen wir da zwischen 1,10 und 1,20 und entgegen den bisherigen Annahmen sogar eher bei 1,10. Wechselkurse weichen durchaus über längere Zeitraume von dem durch die Kaufkraftparität vorgegebeen Kurs ab, so wie der Hund an einer langen Leine einmal direkt neben dem Herrchen läuft und sich dann wieder weiter entfernt. Das Verhalten des Hundes vorauszusagen ist recht schwierig, wenn er lange Zeit nicht in der Nähe des Herrchens war, ist die Wahrscheinlichkeit, dass er sich ihm wieder nähert größer - und so ist das auch beim Euro.
Zur Kaufkraftparität eine Ergänzung aus der Welt von letzter Woche. Viele glauben, dass es sich da nur um ein Spaß handele, aber sie übersehen da einiges. Denn die Kosten für die Lebensmittelzutaten haben nur einen relativ kleinen Anteil an den Kosten eines BIG MAC, genau wo wichtig sind die Kosten für das Personal, die Mietkosten, Kosten für die Abnutzung der Betriebs- und Geschäfstausstattung, Kosten der Werbung usw - insofern ist das Instrument repräsentativer als der eine oder andere vermutet.
"25. Juli 2008, 04:00 Uhr Big-Mac-Index: Euro ist stark überbewertet
Urlauber wissen es längst: Für einen Euro bekommt man derzeit außerhalb des gemeinsamen Währungsraums so viel wie selten zuvor. Wie gut es tatsächlich um die Kaufkraft des Euro bestellt ist, hat nun das britische Wirtschaftsmagazin "The Economist" errechnet. Laut dem sogenannten Big-Mac-Index, den die Zeitschrift seit 1986 erhebt, ist der Euro gegenüber dem Dollar um 50 Prozent überbewertet. Stärker stehen nur die skandinavischen Währungen sowie der Schweizer Franken da. Während die Währung der Eidgenossen ein Plus von 78 Prozent aufweist, sind es im Fall der norwegischen Krone sogar 121 Prozent. Hingegen hat die Kaufkraft der Entwicklungsländer abgenommen. Insbesondere der chinesische Renminbi Yuan gehört zu den am stärksten unterbewerteten Währungen. Als Rechenbasis dient dabei ganz simpel der Big Mac, der weltweit verkauft wird. Theoretisch müsste ein solches Standardprodukt überall dasselbe kosten. Ist das nicht der Fall, weil etwa der Hamburger in Deutschland umgerechnet 5,34 Dollar kostet, in den USA aber nur 3,57 Dollar, weist das auf Bewertungsunterschiede zwischen den Währungen hin. Hinter der simplen Idee steckt die Theorie der Kaufkraftparitäten. Diese besagt, dass es langfristig ein Gleichgewicht der Wechselkurse geben muss, bei dem die Kosten für einen Korb identischer Waren und Dienstleistungen weltweit auf einem Niveau liegen. Weicht eine Währung stark davon ab, könnte das auf eine bevorstehende Trendwende hindeuten. Wann diese eintritt, lässt sich allerdings nicht prognostizieren."
Soweit also der Artikel aus der Welt, aber neben der Kaufkraftparität gibt es auch noch andere Faktoren:
Mittelfristig spielen dann auch Zahlungsbilanzaspekte eine Rolle. Die scheinen gegen den Dollar zu sprechen, wenn man absolute Zahlen nimmt. Aber im Wirtschaftsgeschehen spielen nun einmal nicht die absoluten Zahlen eine Rolle, sondern die Veränderungen und in welchem Tempo die Veränderungen vonstatten gehen. Und da kann man sagen, dass sich die Lage eigentlich schon lange gedreht hat, das Leistungsbilanzdefizit der USA schmilzt in erstaunlichem Tempo ab, wenn man berücksichtigt, dass die durch die Rohstoffverteuerungen erschwert wurde. Drehen auch die Rohstoffe, wird dies sogar dramatische Ausmaße annehmen.
Kurzfristig kommen dann auch Renditeaspekte dazu. Ich schreibe hier ausdrücklich Renditeaspekte und nicht Zinsaspekte, weil der Begriff Zinsaspekt zu kurz greift. Hier sprechen die Zinsaspekte für den Euro, aber auch nur bei sehr obeflächlicher Betrachtung, denn wenn ich das auf Renditeaspekte erweitere, kommen wir zu dem Ergebnis, dass die USA offensichtlich für Anlagen nachwievor wesentlich attraktiver sind als Europa, wie z.B. die 40 Milliarden für die Häflte von Gentech die Roche jetzt gerade zu zahlen bereit wäre. Und so wie Roche denken viele, denn US-Anlagen gibt es momentan durch den billigen Dollar zu Schnäppchenpreise. Und somit sprechen die Kapitalströme momentan auch eher für den Dollar.
Und schließlich sollte man als Libuda auch noch etwas aus der Welt des Fußballs in die Wechselkursiskussion einbringen. Wir wir alle wissen, lautet die wichtigste Abseitsregel; "Abseits ist, wenn der Schiedsrichter pfeift." So eine ähnliche Regel gibt es auf kürzere und mittlere Sicht auch beim Dollar: "Der Dollarkurs ist dort, wo ihn die US-Regierung und die Fed haben wollen." Wenn sich der US-Konjunktur bessert, verlagern sich die US-Probleme von der ausreichenden Auslastung der Kapaziäten hin zur Sorge um die Preissteigerungen - und da gibt es ein probates Mittel gegen: Aufwertung des Dollars = Abwertung des Euros.