freenet - Halten (SES Research)
Zerschlagung bietet Upside
Nachdem Drillisch den Anteil an freenet gestern auf knapp 29% erhöht hat, stellen sich insbesondere 2 Fragen: • Ist der durch eine Zerschlagung potenziell zu realisierende Erlös höher als die aktuelle Marktkapitalisierung? • Wird eine Zerschlagung durch die Erhöhung des Drillisch- Anteils an freenet auf knapp 29% wahrscheinlicher?
Erlöspotenzial einer Zerschlagung bei EUR 1,9 bis EUR 2,2 Mrd. bzw. 13% bis 34% Potenzial (SES e)
Um einen Zerschlagungswert herleiten zu können, spaltet SES den freenet-Konzern in folgende 6 Bereiche auf:
• Mobilfunk
• Internetzugang
• Portal
• WEB-Hosting (Strato)
• Mehrwertdienste
• Festnetz
Den beiden letztgenannten Bereichen Mehrwertdienste und Festnetz misst SES innerhalb eines Zerschlagungsszenarios eine eher geringe ökonomische Relevanz zu, so dass beide Bereiche im folgenden Zerschlagungsszenario nicht weiter berücksichtigt werden. Das EBITDA-Potenzial des Bereichs Mobilfunk schätzte SES vor freenet’s Strategieanpassung und inklusive Kundenakquisitionskosten (keine Aktivierung von Kundenakquisitionskosten) auf eine Bandbreite zwischen EUR 80 und EUR 100 Mio. Das EBITDA eines Mobilfunk Service Providers kann von Geschäftsjahr zu Geschäftsjahr in Abhängigkeit des Neukundengeschäfts stark schwanken. Ein EV/EBITDA Multiplikator von 5 erscheint SES als angemessen. Mit dieser Multiplikator-Annahme würde sich eine Bewertung des Mobilfunkgeschäfts von EUR 400 Mio. bis EUR 500 Mio. ergeben. Weiterhin geht SES davon aus, dass ein möglicher Käufer bereit wäre, zusätzlich für zu erwartende Synergien in Höhe von EUR 100 Mio. zu bezahlen.
Für die Bewertung des Internetzugangsgeschäfts zieht SES Bewertungen vergangener Transaktionen heran (z.B. Telecom Italia/AOL). Per Ende Q2/07 verfügte freenet über einen DSLKundenstamm von 1,2 Mio. Verträgen. Würde ein Transaktionspreis pro Kunde zwischen EUR 600 und EUR 700 unterstellt, ergibt sich einen Wert für die DSL-Kunden zwischen EUR 720 Mio. und EUR 840 Mio.
Für den Wert des Portalgeschäfts kann der Kauf von WEB.DE durch United Internet herangezogen werden. United Internet bezahlte für WEB.DE Anfang 2005 insgesamt EUR 320 Mio. SES schätzt, dass für das freenet Portal (Online-Werbung, Community, Dating, Lotto, Vertrieb von freenet-Produkten etc.) in 2005 ein Preis ca. 20% unterhalb des WEB.DE-Transaktionspreises erzielt hätte werden können. Durch gestiegene Multiplikatoren für Internet- Unternehmen sowie Steigerungen der Seitenaufrufe, Mitgliederzahlen etc. sollte der Wert von 2005 bis heute gestiegen sein.
Entsprechend erwartet SES, dass potenzielle Käufer des Portals bereit wären mindestens EUR 350 Mio. zu bezahlen.
Das WEB-Hosting-Geschäft wurde im Januar 2005 von Teles für EUR 130 Mio. erworben. In 2004 erzielte Teles mit Strato einen Umsatz von EUR 54 Mio. sowie eine EBITDA-Marge von knapp 30%. Unter der Annahme, dass freenet bis Ende 2007 die Umsätze pro Jahr um ca. 15% steigert und die EBITDA-Marge sich im gleichen Zeitraum auf 35% verbessert (ex. Erschließungskosten für den Eintritt in ausländische Märkte), würde freenet im WEBHosting in 2007 einen Umsatz von EUR 82 Mio. sowie ein EBITDA von EUR 29 Mio. erzielen. Aufgrund der Margenstärke und des Wachstumspotenzials von Strato könnten potenzielle strategische Käufer bereit sein, einen Preis auf Basis eines EV/EBITDA Multiplikators von 10 bis 15 bezahlen, was einer Bewertungsbandbreite von EUR 290 Mio. bis EUR 435 Mio. entspricht.
Zusammengefasst ergeben sich folgende Bewertungsbandbreiten: • Mobilfunk: EUR 500 Mio. bis EUR 600 Mio.
• Internetzugang: EUR 720 Mio. bis EUR 840 Mio.
• Portal : ca. EUR 350 Mio.
• WEB-Hosting: EUR 290 Mio. Bis EUR 435 Mio.
Somit ergibt sich unter den von SES getroffenen Annahmen bei einem Zerschlagungsszenario eine Bewertungsbandbreite von EUR 1,9 Mrd. bis EUR 2,2 Mrd. bzw. ein Upside zum aktuellen Kurs zwischen 13% bis 34%.
Zerschlagung wahrscheinlicher?
Mit einem Anteil von fast 29% kann Drillisch den Druck auf freenet nochmals deutlich erhöhen. Weitere freenet-Investoren haben bereits angekündigt, dass sie eine Zerschlagung begrüßen würden. Aus unserer Sicht wird Herr Spoerr (Vorstandsvorsitzender freenet) eine Zerschlagung nicht einleiten. Entsprechend müsste Drillisch auf eine Ablösung des Vorstands drängen.
Aus Sicht der SES wäre es für Drillisch die beste Lösung, mit freenet zu verschmelzen und das Mobilfunkgeschäft von freenet und Drillisch unter freenet zu konsolidieren, um die Verlustvorträge der freenet nutzen zu können. Der zweite Weg würde darin bestehen, ein Konsortium zu bilden und ein Übernahmegebot für freenet zu lancieren. Dies wäre klar feindlich und hätte ein monatelanges Tauziehen zur Folge und kann für freenet keine optimale Lösung sein. Daher könnte Herr Spoerr versuchen, auf Zeit zu spielen.
Fundamental betrachtet ist die Aktie fair bewertet
Sollte eine Zerschlagung tatsächlich kurzfristig durchgeführt werden können, bietet die Freenet-Aktie Potenzial. An potenziellen Käufern für die einzelnen Teile sollte die Zerschlagung nicht scheitern. Jedoch sollten folgende Risiken beachtet werden: (1) Eine Komplettübernahme von freenet durch ein Konsortium um Drillisch erscheint SES weiter als wenig wahrscheinlich. Damit fehlt Drillisch ein Baustein, um freenet zum Einlenken zwingen zu können. (2) Das Zeitfenster für die gegenwärtig hohen Transaktionspreise im Internetzugangsgeschäft könnten in den nächsten Quartalen zufallen (fallende ARPU’s, steigende Kundenakquisitionskosten, Wettbwerbsdruck, etc.). Sollte dies tatsächlich passieren, hätte dies deutlich negative Folgen für den zu erzielenden Zerschlagungserlös. (3) Fundamental betrachtet befindet sich freenet in einer schwierigen Phase. Im DSL-Markt bleiben die Kundenentwicklungen hinter den Erwartungen zurück. Gleichzeitig steigen die Kundenakquisitionskosten. Im Mobilfunk-Bereich wurde ein Strategiewechsel eingeleitet. Inwieweit dieser zum Erfolg führt, entscheidet sich erst in den nächsten 18 Monaten. Aus fundamentaler Sicht ist die Aktie weiterhin fair bewertet.
(Quelle: SES Research)
23.08.2007 13:33 © boerse.de