Wie in guten alten Zeiten


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Wie in guten alten Zeiten

 
26.07.03 20:14
Halbjahresbilanz: Die einstigen Verlierer im Dax haben sich fitgemacht für den Aufschwung. Dennoch ist nicht alles Qualität, was glänzt
von Frank Stocker

Die Unternehmen ziehen Bilanz. Siemens, DaimlerChrysler, Volkswagen - beinahe täglich präsentiert in diesen Tagen ein Dax-Mitglied seine Halbjahresergebnisse. Und fast jedes Mal fällt der Gewinn besser aus als von den meisten Analysten erwartet.


Die Börsen ziehen Bilanz. Seit Jahresanfang legte der Dax ein sattes Plus von 16 Prozent aufs Parkett. In neuem Glanz erstrahlen vor allem die fast schon Totgeglaubten wie Commerzbank oder Infineon.


Die Anleger ziehen Bilanz - und kaufen. "Bei den Investoren hat sich ein Sentiment breit gemacht wie in den guten alten Zeiten", sagt Christoph Hott, Leiter Investmentstrategie für Privatkunden beim Bankhaus Sal. Oppenheim, und spielt damit auf die Börsenblase von 1999/2000 an.


Doch wer Bilanz zieht, sollte genauer hinsehen. Hott hat das getan und findet die bisher vorgelegten Unternehmenszahlen "nicht sehr überzeugend". "Die operativen Ergebnisse sind zwar besser geworden, aber das ist nur durch Kostenreduktion zu Stande gekommen", sagt er. Der Umsatz lag nach Berechnungen der DZ Bank dagegen im Schnitt um 2,7 Prozent unter den Erwartungen.


Besonders krass trat diese Divergenz bei Siemens zu Tage. Auch wenn der Gewinn höher lag als erwartet - der Umsatz ging um satte 15 Prozent zurück. Und auch bei der Deutschen Post wird für die kommende Woche zwar ein guter Gewinn, allerdings bei gesunkenem Umsatz erwartet.


Die Unternehmen haben eifrig gespart und sich frisch herausgeputzt. Sie stehen bereit für den nächsten Tanz auf dem Parkett. Doch die Musik spielt noch den langsamen Walzer. "Für eine weitere Verbesserung der Aktienmärkte bedarf es einer konjunkturellen Erholung", betont daher Klaus Kaldemorgen, DWS-Geschäftsführer und Fondsmanager des Vermögensbildungsfonds I. "Jetzt brauchen wir eine Bestätigung, dass der ökonomische Aufschwung kommt. Das dritte Quartal könnte diesen Beweis liefern. Die meisten Frühindikatoren deuten auf eine wirtschaftliche Erholung. Doch wer profitiert an der Börse von der anziehenden Konjunktur?


Traditionell spricht das Szenario eines beginnenden Aufschwungs für Zykliker. Darauf setzt DWS-Manager Kaldemorgen. "Wir haben derzeit ein relativ zyklisch ausgerichtetes Portfolio", verrät er. Er favorisiert für seine Fonds Technologieaktien, Finanzwerte, zyklische Konsumwerte sowie Rohstoff- und Energietitel. "Daran werden wir sicher auch noch zwei bis drei Monate festhalten", sagt er.


Thomas Körfgen, Aktienexperte bei SEB Invest, hat dagegen Zweifel, ob das traditionelle Modell der Branchenrotation derzeit funktioniert. "Langfristig wird zwar weiter gelten, was jahrzehntelang galt", so Körfgen, "doch wir haben in den letzten Jahren einen irrationalen Markt erlebt." Er sei noch nicht wieder in ruhigem Fahrwasser. Daher werde er auch nun möglicherweise nicht dem klassischen Szenario folgen.


Körfgen schaut sich daher lieber die Einzelwerte an und sucht nach Qualität. So setzt er bei den Finanzwerten auf die Deutsche Bank. Zwar regt die HypoVereinsbank derzeit weitaus stärker zu Turn-around-Phantasien an. "Doch sie agiert bei ihren Beteiligungsverkäufen nicht aus einer Position der Stärke", so Körfgen. "Bei der Deutschen Bank kann ich einfach besser schlafen."


Ähnliche Gründe sprechen seiner Meinung nach für Siemens. Einerseits kann der Anleger hier mit der Technologiesparte voll auf den Aufschwung setzen. Andererseits verringern die übrigen Unternehmensbereiche das Risiko. Und auch die Deutsche Telekom sieht er positiv, weil sie für ihn heute "ein sehr konservatives Investment" ist. Ihr so genannter Beta-Faktor sei deutlich zurückgegangen. Dieser Wert gibt an, wie stark eine einzelne Aktie auf Schwankungen des Gesamtmarktes reagiert. Je höher das Beta, desto heftiger reagiert die Aktie schon auf kleinste Zuckungen des Dax.


Genau darauf setzt jedoch Christoph Hott, der sich damit von der Entscheidung "Zykliker oder nicht" freimacht. "Wenn der Markt weiter läuft, dann bevorzuge ich Aktien mit einem erhöhten Beta", so Hott. Konkret hat er dabei die Allianz und die Münchener Rück im Blick. Für Letztere spreche vor allem, dass sie im Vergleich zu anderen Finanzwerten noch Nachholbedarf hat. Von Aktien wie Infineon, Commerzbank und HypoVereinsbank lässt jedoch auch Hott die Finger. Hier ist ihm das Risiko zu hoch.


Und darin sind sich die meisten Experten einig. Kaum ein Analyst setzt derzeit auf die Highflyer der vergangenen Monate, wie die Tabelle mit den entsprechenden Einschätzungen zeigt. Auf den Aufschwung setzen, ja - aber mit überschaubarem Risiko. So könnte ein Resümee lauten.


Auch darüber schwebt jedoch die Unsicherheit, ob die Konjunktur auch wirklich anspringt, und damit die Umsätze wieder steigen. "Der Schwur kommt im Herbst", prophezeit Kaus Kaldemorgen. "Die Ergebnisse zum dritten Quartal werden die Erwartungen des Marktes nicht so einfach befriedigen können wie derzeit bei den Halbjahresbilanzen." Spätestens dann wollen die Anleger steigende Umsätze sehen.

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