In diesem Zeitraum und bevor er sein drittes Lebensjahr erreichte, soll Muhammad der Überlieferung zufolge mit seinem gleichaltrigen Milchbruder auf der Weide seiner Angehörigen hinter ihrem Lager gewesen und sein Milchbruder aus dem Stamm der Sad angerannt gekommen sein und seinem Vater und seiner Mutter gesagt haben: "Diesen meinen Bruder von den Kuraisch haben zwei Männer in weißen Gewändern genommen und ihn auf den Boden gelegt und seinen Bauch geöffnet und ihn umgedreht."
Von Halima wird berichtet, sie habe über sich selbst und ihren Gatten gesagt: "Ich und sein Vater rannten hinaus und fanden ihn, wie er kreidebleich dastand; wir verharrten dort und fragten ihn: 'Was ist dir, o unser Sohn?' Da sagte er: 'Zwei Männer in weißen Gewändern kamen und legten mich auf die Seite, dann öffneten sie meinen Bauch und suchten darin etwas, aber ich weiß nicht was'." Halima und sein Vater kehrten zu ihrem Zelt zurück. Der Mann fürchtete, ein Dschinn (1) habe den Jungen befallen. Sie brachten ihn deshalb zu seiner Mutter nach Mekka zurück.
Ibn Ishak berichtet zu diesem Ereignis einen Hadith (2) vom Propheten, der aus der Zeit nach dessen prophetischen Sendung stammt. Ibn Ishak war jedoch, nachdem er diese Geschichte erzählt hatte, vorsichtig genug zu erwähnen, dass der Grund für die Rückgabe an seine Mutter nicht die Schilderung von den beiden Engeln war. Nach dem, was Halima Amina berichtete, geschah es vielmehr aus folgendem Grund: Abessinische Christen sahen ihn, als sie mit ihm nach seiner Entwöhnung zurückkehrte; da sagten sie: "Lasst uns diesen Jungen nehmen und mit ihm zu unserem König in unser Land gehen. Denn mit diesem Jungen hat es, wie wir wissen, eine besondere Bewandtnis." Beinahe hätte Halima ihn nicht von ihnen wegbringen können.
Ebenso überliefert At Tabari die Geschichte, aber er erweckt Zweifel an ihr dadurch, dass er sie diesem dritten Lebensjahr Muhammads zuschreibt und sie dann nochmals erwähnt, dabei aber sagt, sie habe sich kurz vor der prophetischen Sendung ereignet, als er also vierzig Jahre alt war.
Die Orientalisten sowie eine Gruppe der Muslime verlassen sich nicht auf die Geschichte von diesen beiden Engeln und halten ihre Überliefererkette für schwach. Der, der die beiden Männer dem Bericht der biographischen Bücher zufolge sah, war ein Knabe von nur wenig über zwei Jahren, und ebenso alt war Muhammad in jenen Tagen. Die Überlieferungen stimmen darin überein, dass Muhammad beim Stamm Sad bis zu seinem fünften Lebensjahr blieb. Wenn dieses Ereignis stattgefunden hätte, als er zweieinhalb Jahre alt war, und Halima und ihr Gatte ihn damals seiner Mutter zurückgegeben hätten, gäbe es zwischen den beiden Berichten einen nicht hinnehmbaren Widerspruch. Folglich glauben einige Geschichtsschreiber, er sei mit Halima ein drittes Mal zurückgekehrt.
Der Orientalist Sir William Muir gab sich nicht damit zufrieden, auf die Geschichte von den beiden Männern in den weißen Gewändern hinzuweisen; er erwähnte: sollten Halima und ihr Gatte bemerkt haben, dass dem Kind etwas widerfahren sei, ist es vielleicht eine Art Nervenzusammenbruch gewesen, die seine gute gesundheitliche Verfassung nicht zu beeinträchtigen vermochte.
Andere mögen sagen, es habe niemals die Notwendigkeit bestanden, ihm den Bauch oder die Brust zu öffnen, da Allah ihm bereits am Tag seiner Erschaffung versprochen habe, dass er SEINE Offenbarung empfangen werde. Dermenghem glaubt, diese Geschichte habe als einzige Grundlage die wörtliche Auslegung der Koran-Verse:
"Haben WIR dir nicht die Brust geöffnet und dir deine Last abgenommen, die deinen Rücken drückte?" (3)
Er glaubt ferner, dass der Koran auf einen rein geistigen Akt hinweise, dessen Zweck die Läuterung und die Reinigung dieses Herzens war, auf dass es die heilige Botschaft aufrichtig entgegennehme und sie in reiner Wahrhaftigkeit weitergebe und die schwere Last der Botschaft trage.
Die Orientalisten und die muslimischen Denker sehen sich zu ihrer Stellungnahme zu diesem Ereignis deshalb veranlasst, weil das Leben Muhammads ganz und gar menschlich war und er zur Bestätigung seiner Prophetenschaft nicht in Wundern Zuflucht nahm, wie es die ihm vorausgegangenen Propheten getan hatten. Und sie finden darin Rückhalt bei jenen arabischen Historikern und Muslimen, die nichts vom Leben des arabischen Propheten wissen wollten, was nicht vom Verstand erfasst werden kann. Sie betrachten solche Überlieferungen als unvereinbar mit dem, zu dem der Koran hinsichtlich der Betrachtung von Allahs Schöpfung aufruft; und unvereinbar damit, dass es in den Gesetzen Allahs keine Veränderung gibt. Sie sehen darin keine Übereinstimmung mit den Worten des Koran an die Polytheisten, dass diese nicht begreifen, dass sie keine Herzen hätten, mit denen sie zur Einsicht kämen.
(1) Anmerkung des Übersetzers:
Geisteswesen aus reinem Feuer erschaffen (Koran, Sure 72, Vers 14); es gibt unter ihnen Gläubige und Ungläubige.
(2) Anmerkung des Obersetzers:
Ein Hadith ist eine Oberlieferung über Ausspruche und Handlungen des Propheten
Muhammad
(3) Anmerkung in der englischen Fastung: Koran. Sure 94, Verse 1-3.