Wie die Redakteure des Satireblatts „Titanic“ im Osten mit braunen Sprüchen als FDP-Wahlkämpfer auf Stimmenfang gehen
Manche Narretei offenbart ihren Sinn erst am Ende. Wenn die Redaktion der Satire-Zeitschrift Titanic der Hafer sticht, weiß man: Jetzt wird entweder der Welt-Fußball-Verband veralbert (und versuchsweise mit Kuckucksuhren bestochen) oder die evangelische Kirche verulkt (mit Liedern wie Jesus ist der allerbeste Kumpel von der Welt).
In diesen Tagen ist die FDP und vor allem ihr irrlichternder Jürgen W. Möllemann dran. Titanic recherchiert für eine Titelgeschichte im Juli-Heft. Wie reagieren Leute auf Plakate, die Michel Friedman mit verklebtem Mund zeigen und eindeutiger Forderung: Gib endlich Friedman! Was sagen Leute, wenn man ihnen Wahlkampfplakate mit Judenfrei und Spass dabei sowie FDP. Lachen, lachen, lachen vor die Nase hält? Was schreiben Leute, wenn man sie auf dem Fragebogen Sie und Ihre FDP fragt: „In welcher Partei kann man den meisten Spass haben?“ Was denken Leute, wenn man sie fragt: „Soll man Friedman in sein Heimatland zurückschicken?“
Friedman, ein Türke?
Mittwoch morgen. Ein gelber Golf rollt durch Thüringen, auf der einen Seite steht Möllemobil, auf der anderen Guidomobil. Das Auto ist schöner als das wirkliche Guidomobil. Martin Sonneborn, Chefredakteur der Titanic, ist mit sieben Mitarbeitern in den blühenden Osten gefahren – als Möllis eifriger Werber. Bei Stadtlengsfeld ist erster Halt: Auf dem Markplatz werden Gewürze, Honig und Glitzer-Dessous verkauft. Direkt vor dem Rathaus baut die spaßsichere Delegation ihren FDP-Stand auf. Obligatorisch: Luftballons, Sonnenschirme, Kugelschreiber. Bizarr: Einkaufswagenchips, denen ähnlich, die Möllemann einst politisch zum Stolpern brachten, liegen bereit. Dazu ein Sortiment mit Büchern über Genscher und Heino. Sowie: Der NS-Staat, Pornografie: Männer beherrschen Frauen und Party- Tipps für Stümper.
Die Titanic-Redaktion trägt gelbe Hemden und blaue Seidenkrawatten. „Für mich ist Freiheit ohne Liberalismus gar nicht denkbar“, säuselt sich einer aus der Pseudo-Polit-Truppe warm. Eierlikör mit der Aufschrift 18 % wird ausgeschenkt. Die erste Passantin plaudert: Braune Kurzhaarfrisur, Anfang vierzig, schwarze Lackhandtasche, moderne Seidenbluse. Typische FDP-Klientel? „Das ist richtig, dass Sie ein bisschen Aktion machen. Die FDP hat’s derzeit nötig“, sagt sie. Martin Sonneborn fragt: „In welcher Partei kann man am meisten Spass haben?“ Antwort: „Bei SPD und den Grünen lache ich am wenigsten.“ Und dann sagt sie: „Friedman muss sich beim demokratischen Volk entschuldigen,...er muss sich nicht wundern, wenn man ihn einen Diktator nennt.“ Als sie dann noch am Zentralrat der Juden das „ewig nach Rückwärts gerichtete Denken“ kritisiert, füllt eine Titanic-Redakteurin sie mit zwei Eierlikören ab und verabschiedet sie.
Ein anderer Redakteur diskutiert mit einer Mutter, die über den Euro schimpft: „Früher hat das Pfund Bananen 1,99 Mark gekostet, heute zahle ich für das selbe Pfund 1,99 Euro.“ Da naht der Bürgermeister. Martin Sonneborn stellt sich in Position. Eigentlich muss man jede Parteiveranstaltung vorher anmelden, wird er belehrt, „und heute ist Markttag!“ Sonneborn bleibt ungerührt. Richtig aus der Fassung bringt ihn erst eine 42-jährige Köchin, die auf Kur ist. „Ich finde es gut, dass Möllemann so eisern bleibt. Und Friedman, was ist der noch gleich? Türke? Der soll dahin zurück.“ Auf die Frage, mit wem die FDP nach der Bundestagswahl regieren soll, antwortet sie: „Mit der DVU.“ Mit einem Eierlikör in Fahrt gekommen, findet sie: „Kein Land ist nach dem Krieg so beschwuppt worden wie wir. Keiner zahlt so viel für Hitler wie wir.“ Sonneborn beschließt: Wir fahren weiter.
Frau Pieper, ganz nackt
Nächster Stopp: Eisenach, eine ehemalige Liberalen-Hochburg nach dem Krieg. Diesmal wird eine Stellwand mit einer Fotomontage ganz vorn platziert. Sie zeigt den berühmten Peter Bond (erst Porno-Darsteller, dann Glücksrad-Moderator, heute FDP-Kandidat) mit der noch berühmteren Cornelia Pieper. Beide nackt. Ein Punkerpärchen bleibt stehen. „Geil.“ Zum Ausfüllen des Fragebogens kann man sie nur schwer motivieren. „Liberalität bedeutet für mich lieberal“, schreiben sie. Lieb! Ein beiges Lederkostüm trippelt heran. Schneiderin im Ruhestand, 1922 geboren. „Ich trinke auf Möllemann“, ruft sie energisch, und sowieso: „Friedman hat doch ’ne Heimat, wo er hingehen kann.“
Im Laufe des Nachmittages fallen sieben mal: „Endlich einer, der sich mal was traut“, drei mal: „Möllemann hat recht gehabt“, einmal: „Friedman mit seinem überheblichen Scheiß“ und zweimal: „Aber wir haben doch gar nicht angegriffen.“ Zwei Seniorinnen, zu Besuch aus Nordrhein-Westfalen, wenden ein: „Frau Pieper hat keine schöne Brust.“
„Achtung, Achtung, hier spricht die FDP. Herbei Ihr Leut’.“ So schallt es aus dem Titanic-Megaphon, geliehen bei einer Frankfurter Polizeiwache. Dazu läuft, als Symbol der Spaßhaftigkeit, eine Kassette mit Witzen von Heinrich Pumpernickel. Der Kreisvorsitzende der Eisenacher FDP nähert sich. Früher war Klaus Schneider leitender Ministerialrat und Ingenieur, weshalb seine E-mail-Adresse mit LMR.Ing. anfängt. LMR.Ing. trägt ein braunes Detleftäschchen. Im Gegensatz zum Stadtlengsfelder Bürgermeister ist er gar nicht erbost, dass hier Wahlkampfwerbung gemacht wird, ohne ihm Bescheid zu geben. Zum Plakat „Gib endlich Friedman!“ sagt er: „Das ist Verpackung, das gehört dazu.“ Und dann erzählt er von der derzeitigen Stimmung in Eisenach, von dem Mut, den man nach 50 Jahren bräuchte, um auch mal dagegen zu halten, von der Angst, Dinge beim Namen zu nennen. Hinter ihm entsetzen sich drei Jugendliche über das Wort „judenfrei“ auf dem Plakat. Schneider redet weiter. „Die Meinungen, was Möllemann angeht, sind ja gespalten. Insofern könnte euch das hier Zulauf bringen.“
Hat sich keiner entsetzt? Hat keiner gesagt, Spass schreibe man nicht mit Runen-SS? „Judenfrei“ zu fordern,sei indiskutabel? Doch. Es kam einer, ein Archivar. Cordhose, Karohemd, Bart, Brille und das kostenlose Magazin der Bahn mobil unterm Arm. Der beschimpfte die blau-gelbe Truppe als „Rattenfänger“, „Gesetzesbrecher“ und „asozial“. Ein Redakteur des Satireblatts sagt leise:„Scheiße, den Nazi zu spielen.“ Er fühlt sich unwohl, ist aber auch erleichtert. Wenigstens einer! Aber auch der Archivar sagt: „Abgesehen davon, Möllemann hat in der Sache natürlich Recht.“
Überhaupt nicht titanisch finden die Jungliberalen aus Thüringen das Möllemobil. Sie wähnen sich verleumdet und erstatten nun Strafanzeige. FDP-Funktionär Schneider sagt, er billige Möllemanns Aussagen keinesfalls, das Judenfrei-Plakat sei ihm entgangen. Und Aktivist Sonneborn, 37, seit fünf Jahren FDP-Mitglied in Berlin-Mitte, freut sich auf seinen Eierlikörwahlkampf: „Wir setzen voll auf 18 plus X, da ist noch viel Potenzial.“
SZ