"Es ist eine alte Regel: Niedrige Zinsen und steigende Inflation machen Sachwerte als Anlage attraktiver. So auch jetzt: Die enormen Ankäufe von Schuldpapieren durch die Zentralbanken seit 2020 haben dazu beigetragen, die Anleiherenditen auf Rekordtiefstände zu drücken. Durch die damit verursachte Geldmengenausweitung steigt jetzt die Inflation weltweit stark an.
Somit wecken neben Immobilien oder Gold nun auch Kunstwerke das Interesse der Anleger. Ein Blick in die Vergangenheit zeigt, dass die Kunstpreise in einer negativen Beziehung zur Veränderung der Realzinsen standen. Wenn die Realzinsen fielen, stiegen die Umsätze am Kunstmarkt und umgekehrt. Dieses Phänomen hängt vermutlich mit den Merkmalen der Kunst als renditeloser Anlageklasse zusammen. Im Gegensatz zu Anleihen, die Kupons zahlen, und Aktien, die Dividenden ausschütten, erwirtschaftet Kunst kein laufendes Einkommen. Kunst hat sogar einen negativen Zahlungsstrom, da Kunstbesitzer Kosten in Form von Versicherung, Lagerung, Versand und Instandhaltung haben. Steigen die Realzinsen, nehmen die Opportunitätskosten für den Kunstbesitzer zu: Ihm entgehen Renditen, die er hätten erzielen können, wenn er stattdessen zinstragende Vermögenswerte gekauft hätte. Im heutigen Umfeld, in dem die Realzinsen negativ sind, stellen Opportunitätskosten kein Hemmnis für den Kunsterwerb dar.
Allerdings ist die Entwicklung der Kunstpreise nicht allein vom (Real-)Zins abhängig. Viele weitere Faktoren spielen ebenfalls eine Rolle, und unterschiedliche Kunstrichtungen weisen eine mitunter sehr unterschiedliche Preisentwicklung auf. Dazu ein paar wenige Zahlen: Von Anfang 1998 bis zum ersten Quartal 2022 betrug die jahresdurchschnittliche Steigerung der Kunstmarktpreise lediglich 1,4 Prozent. Die Preise für Kunst aus dem 19. Jahrhundert fielen um 0,6 Prozent pro Jahr im Durchschnitt. Alte Meister verloren sogar 6,2 Prozent pro Jahr. Die Preise für Photographien stiegen um 2,7 Prozent, die für Drucke um 4,3 Prozent. Merkliche Preiszuwächse erzielten hingegen die Zeitgenössische Kunst (“Contemporary Art”) mit 6,9 Prozent sowie die Nachkriegskunst (“Post War”) mit 6,6 Prozent. Zum Vergleich dazu: In der gleichen Zeit legte der US-Aktienmarktindex S&P 500 um 6,2 Prozent, der Goldpreis (USD pro Feinunze) um 7,9 Prozent zu.
In der Vergangenheit war folglich “Kunst per se” kein attraktives Anlagemedium. Vielmehr kam es darauf an, in den richtigen Segmenten beziehungsweise Werken investiert zu sein, um eine attraktive Rendite erzielen zu können. ..."
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