Weltbörsen würgen Konjunktur ab
Sollte sich die Baisse noch länger fortsetzen, befürchten Ökonomen einen verstärkten Konjunkturabschwung.
Die weltweiten Börsenkrise hat nach Einschätzung der Bank Austria deutliche Auswirkungen auf die Weltkonjunktur. Immerhin ist der Kurseinbruch, der von März 2000 bis heute andauert, der stärkste seit dem Börsen-Crash des Jahres 1929. Der Kursverfall damals machte - vom Höchststand des MSCI-World-Index aus gerechnet - 71 Prozent aus, derzeit sind es erst 47 Prozent.
Besonders stark vom Wohl und Wehe der Aktienkurse hängt die US-Konjunktur ab, erläuterte BA-Chefökonomin Marianne Kager am Dienstag bei einer Pressekonferenz. Sollten die Aktienmärkte vom aktuellen Kursniveau nochmals um 20 Prozent nach unten rasseln - wovon weder die BA-Volkswirte noch etwa das Wifo ausgehen -, käme man in die Nähe des Crashs von 1929. Die Folge wäre laut Kager eine deutliche Weltrezession.
Die Gefahr aber, daß zumindest die US-Wirtschaft nach dem Einbruch Ende 2001 wegen der Börseturbulenzen ein zweites Mal in die Rezession abgleitet, also ein "double-dip" bevorsteht, schätzen die BA-Volkswirte immerhin auf 40 Prozent. In den USA seien 15 Prozent des des Vermögens direkt von der Börse beeinflußt, im Euroraum sind es nur sieben Prozent. Die Europäer haben vergleichsweise mehr Realvermögen als die US-Bürger, außerdem ist der Anteil des börsenotierten Aktienvermögens in Europa niedriger als in den USA, weil viel auf Mitarbeiterbeteiligungen, große Familienvermögen, Stiftungen usw. entfällt. Auch für die Kapitalaufbringung der Wirtschaft ist in den USA die Aktie weit wichtiger als in Europa.
Laut einer von Kager zitierten Studie der US-Notenbank bedeutet ein Dollar weniger Vermögen einen um vier Cent niedrigeren Konsum. Die durch die Börsenbaisse verursachten Vermögensverluste der US-Haushalte machen seit Jänner 1500 Mrd. Dollar aus. Inklusive der Multiplikatoreffekte errechnet sich daraus laut Kager ein um einen Prozentpunkt niedrigeres Wachstum der US-Wirtschaft im zweiten Halbjahr 2002 und im Jahr 2003.
Hermann Remsperger, Chefvolkswirt der Deutschen Bundesbank, warnte am Dienstag in einem Zeitungsinterview davor, die Aktientalfahrt zu dramatisieren. Fallen die Aktienkurse in Deutschland um 30 Prozent, so drückt das laut Berechnungen der Bundesbank das deutsche Wirtschaftswachstum nur um rund 0,1 Prozent. Auch vereinzelte US-Ökonomen wie etwa der Anlagestratege Herman Brock bezweifeln eine starke Auswirkung "der Wall Street auf die Main Street". Laut Brock hänge der Wohlstand von 75 Prozent der US-Familien weniger von der Börse als von den Immpobilienpreisen ab - und diese sind weiterhin fest. Nicht einmal in den USA, wo 50 Prozent der Haushalte Aktien besitzen, hänge der Konsum nennenswert von den Kursen ab.