Erfolge in Bayern und ein ambitioniertes Reformprogramm für Wirtschaft, Arbeitsmarkt und Sozialsysteme: Edmund Stoiber fordert Bundeskanzler Gerhard Schröder auf dem Feld heraus, wo er seine offenen Flanken hat. Eine Exklusivumfrage im Auftrag der WirtschaftsWoche zeigt: Unionskanididat Stoiber hat knapp die Nase vorn.
Die schwere BMW-Limousine mit Münchner Kennzeichen wartete am vergangenen Samstag am Magdeburger „Herrenkrug“ mit laufendem Motor, um Edmund Stoiber nach der Stippvisite bei der CDU-Klausurtagung zurück nach München zu fahren. Doch der von Fotografen und Medienleuten belagerte Bayer ließ seinen Wagen kurzerhand stehen und stieg statt dessen verschmitzt grinsend in einen schwarzen Audi mit Berliner Nummernschild – wie ihn sonst der Kanzler fährt. „Jetzt fährt der schon mit Schröders Auto“, flachste ein Sicherheitsbeamter. Die Botschaft Stoibers war angekommen: „Zieh Dich warm an, Kanzler“, sagte die Inszenierung, „ich bin auf dem Weg nach Berlin.“
Da hatte der Bundeskanzler längst mit harschen Worten über den bayrischen Herausforderer gekontert. „Ein Polarisierer“ sei dieser Stoiber, ein „Radikalisierer der demokratischen Rechten“, griff Gerhard Schröder zum schweren Säbel – und zeigte gerade dadurch Nerven.
Verständlich. Schließlich tritt im Kampf um das Kanzleramt mit dem bayrischen Ministerpräsidenten ein politisches Schwergewicht in den Ring, ein erfolgreicher und pragmatischer Politmanager, auf dessen blühendes Land die anderen deutschen Landesfürsten mit Neid blicken. Stoiber steht für ein Programm. Der Präsident des Ifo-Instituts für Wirtschaftsforschung Hans-Werner Sinn preist seine Wirtschaftspolitik als „sinnvolle Blaupause zur Stärkung des Standorts Deutschland“.
Nicht nur Stoibers bayrischer Erfolg macht ihn für Schröder brandgefährlich. Wenn das von den Christsozialen ausgearbeitete „40–40–40-Programm“ zum Wahlprogramm der Gesamtunion wird, könnte es für Schröder erst recht unbequem werden. Das Konzept steht für eine Staatsquote, eine Sozialabgabenquote und einen Spitzensteuersatz von jeweils 40 Prozent. „Ein ambitionierter und breiter Reformentwurf“, lobt der Bayreuther Professor für Volkswirtschaft, Peter Oberender. Arbeitsmarktpolitik, Finanz- und Wirtschaftspolitik sollen in dieses Gesamtkonzept eingebettet werden – „eine Wirtschaftspolitik aus einem Guss“, lobpreist Unionsfraktionschef Friedrich Merz.
Der Entwurf zielt auf Schröders offene Flanken nach gut drei Jahren rot-grünen Regierens. Wachstumsschwäche und steigende Arbeitslosenzahlen, die mit hektisch aufgelegten Kombilohnmodellen kosmetisch übertüncht werden sollen – des Kanzlers ruhige Hand beginnt zu zittern. „Wiederwahl der Regierung Schröder nicht mehr sicher“, kommentiert das Investmenthaus Morgan Stanley die Kür Stoibers.
Nach einer Emnid-Umfrage für die WirtschaftsWoche hat Stoiber die Nase auf wichtigen Feldern vorn: Fast die Hälfte der Deutschen traut dem Herausforderer zu, die Arbeitslosigkeit deutlich zu verringern; von Schröder erwarten das nur noch 35 Prozent.
Bis zuletzt hoffte man deshalb im Kanzleramt auf die Nominierung der in Umfragen schwachen Angela Merkel. Geht es nämlich um die Wahl entscheidende Wirtschaftskompetenz, kann der Bayer dem Kanzler wesentlich härter zusetzen. Schon allein mit dem Verweis auf seine Erfolgsbilanz in der Heimat. Ob Arbeitslosenquote, Wirtschaftswachstum oder Investitionen: Kaum ein Bundesland, erst recht kein SPD-Land, steht besser da als der Freistaat im Süden der Republik.
Wie Stoiber sein Land regiert, findet Respekt bis hinein in die SPD. Wenn es um praktische Politik geht, hält NRW-Ministerpräsident Wolfgang Clement seinen Beamten häufig Bayern als Referenzland vor. Mit geschickter Privatisierung hat der Technokrat Stoiber Bayerns Modernisierung forciert. Seit 1994 flossen fast 4,5 Milliarden Euro Privatisierungserlöse in Unternehmensgründungen, Forschungseinrichtungen und zahlreiche IT-Projekte.
Aus dem einstigen Agrarland wurde ein erfolgreicher High-Tech- und Forschungsstandort. In der IT-Industrie hat Bayern die Spitzenposition inne. Stieg das Bruttoinlandsprodukt im Jahr 2000 im Bundesdurchschnitt um drei Prozent, so glänzte der Freistaat mit 4,3 Prozent – Platz eins unter den Bundesländern. Bayern hat die höchste Investitionsquote aller Bundesländer, eine niedrige Pro-Kopf-Verschuldung und wies in den Jahren 1999 und 2000 kräftige Haushaltsüberschüsse aus.
Stoiber steht für einen effizienten und schlanken Staat. Er trieb eine umfassende Verwaltungsreform voran, die Planungs- und Genehmigungsverfahren deutlich beschleunigt hat.
Von reiner Marktwirtschaft hält Stoiber nicht viel, wenn bayrische Interessen und Arbeitsplätze tangiert sind. Mit dem bayrischen DGB-Chef Fritz Schösser, einem SPD-Mitglied, initiierte er erfolgreich einen Beschäftigungspakt. Als der Freistaat Mitte der Neunzigerjahre das Stahlwerk Neue Maxhütte privatisieren wollte, half die Regierung mit Subventionen und Darlehen in dreistelliger Millionenhöhe. Die Beihilfen, die anschließend von der Europäischen Kommission gerügt wurden, sollten die Finanzbasis des Stahlriesen aufbessern und so eine Übernahme durch einen privaten Investor erleichtern.
Nach Anrufen aus der Münchener Staatskanzlei griff die Bayerische Landesbank, an der der Freistaat zur Hälfte beteiligt ist, auch dem finanziell angeschlagenen Kirch-Konzern mit einem Milliardenkredit unter die Arme. Die vom Bundesrechnungshof geforderte Organisationsreform der aufgeblähten Rentenversicherungsträger lehnt Bayern, weil Jobverluste in fünf heimischen Landesversicherungsanstalten drohen, ebenso ab wie die vom Bundeswirtschaftsministerium vorangetriebene Liberalisierung der deutschen Wasserwirtschaft, um kommunale Versorger vor privaten Wettbewerbern zu schützen.
Auch wenn das unter ordnungspolitischen Gesichtspunkten fragwürdig ist, im Wahlkampf macht das den Bayern nicht etwa angreifbar, sondern eher stärker: Eine SPD-Wahltaktik, die Stoiber als kaltherzigen Wirtschaftsliberalen denunziert, muss ins Leere laufen. Denn auf Feldern wie Tarif- oder Sozialpolitik räumt Stoiber dem sozialen Frieden hohe Priorität ein. Während die Bundesregierung noch über die umstrittene Tarifbindung öffentlicher Bauaufträge debattiert, hat Bayern auf Landesebene die von den Gewerkschaften geforderte Regelung längst eingeführt.
Wie Gerhard Schröder ist Stoiber Populist und Interventionist, wenn es um Wirtschaftspolitik und Sozialstaat geht. Doch wenn dies Wirtschaftsprofessoren wie der Hamburger Thomas Straubhaar kritisieren, übersehen sie ein entscheidendes Detail. Mit der Holzmann-Rettung hat sich Schröder einen maroden Baukonzern aufgeladen, dessen Sanierung bis heute nicht gewährleistet ist. Mit der Kohlesubventionierung trägt er die finanziellen Lasten eines untergehenden Industriezweigs, der auch zukünftig nicht wettbewerbsfähig ist.
Stoiber demgegenüber hat sich den modernen, zukunftsorientierten Technologien verschrieben. Da mag es mal einen Fehlgriff geben, aber die Richtung stimmt. Kein Zufall ist es deshalb, dass der Bayer auch in der wirtschaftspolitischen Kompetenz inzwischen, wenn auch knapp, vor dem Kanzler liegt, der 1998 gegenüber Helmut Kohl noch seine Kompetenz als der „Genosse der Bosse“ erfolgreich ins Feld führen konnte und über so gewichtige Fürsprecher wie Porsche-Chef Wendelin Wiedeking verfügte.
Nach gut drei Jahren Regierung steht Gerhard Schröder heute nahezu mit leeren Händen da. Das Bruttoinlandsprodukt schrumpft, die Bürger sind verärgert über eine weitere Erhöhung der Ökosteuer. Die größte Volkswirtschaft hinkt im europäischen Wettbewerb abgeschlagen hinterher.
Vor allem aber: Die Arbeitslosenzahlen steigen sprunghaft an, im Februar dürften sie mit etwa 4,3 Millionen bald das Niveau des letzten Kohl-Jahres erreichen. Sein Ziel, die Arbeitslosigkeit unter 3,5 Millionen abzusenken, wird Schröder nach eigenem Eingeständnis nicht erreichen - „dann haben wir es weder verdient, wiedergewählt zu werden, noch werden wir wiedergewählt“, hatte er 1998 noch großspurig verkündet.
In dieser Gemengelage ist das Wirtschaftsprogramm der CSU, das Stoiber „eine Politik für mehr Wachstum und Beschäftigung“ nennt, eine Alternative. Anders als in Bayern, wo er mit einer Art aufgeklärtem Absolutismus regiert, setzt Stoiber mit dem „40-40-40 Programm“ auf Verbesserungen der wirtschaftlichen Rahmenbedingungen. „Wenn Unternehmen wieder investieren und neue Arbeitskräfte einstellen sollen, dann muss der Staat sie entlasten“, heißt das Credo des Kanzlerkandidaten.
Mit dem Ziel, die Staatsquote von 50 auf 40 Prozent zu reduzieren, verpflichtet sich Stoiber zu einem umfassenden Reformprogramm, das Deutschland zu ähnlich schlanken Volkswirtschaften machen würde wie Großbritannien (42 Prozent Staatsquote). Nur die USA liegen mit 33 Prozent noch niedriger.
Fest steht, dass unter einer Regierung Stoiber die beiden nächsten Stufen der rot-grünen Steuerreform nachgebessert werden. Die Benachteiligung des Mittelstands gegenüber den Kapitalgesellschaften würde beseitigt, und, so verrät die finanzpolitische Sprecherin der Unionsfraktion, Gerda Hasselfeldt, der Steuertarif abgeflacht, um die mittleren Einkommen zu entlasten.
Natürlich ist das Programm noch nicht ausgefeilt. Wie er die Steuerausfälle gegenfinanzieren will, verschweigt der Kanzlerkandidat der Union bisher. Auch wenn der Verweis auf Selbstfinanzierungseffekte richtig ist, reißt das Programm kurzfristig große Löcher in den Staatssäckel. Stoiber wird deshalb seine Pläne zeitlich strecken müssen. Dass er weiß, dass er nicht alles auf einmal erreichen kann, zeigt auch sein vorsichtiger Vorstoß, die Ökosteuer nicht völlig abzuschaffen, sondern nur die nächste Erhöhung Anfang 2003 zu streichen. Den Einnahmeausfall von etwa drei Milliarden Euro will CSU-Finanzexpertin Hasselfeldt vor allem „über die Ausgabenseite“ ausgleichen. Mit anderen Worten: Die Renten kürzen.
Sollte die Union im September an die Macht kommen, stehen arbeitsmarkt- und sozialpolitische Reformen ganz oben auf der Prioritätenliste Stoibers, verrät Johannes Singhammer, sozialpolitischer Sprecher der CSU-Landesgruppe im Bundestag. Die Gesetze zu den 630-Mark-Jobs, zur Teilzeit und zur Mitbestimmung sollen geändert, beim Job-Aktiv-Gesetz das neue Förderinstrument „beschäftigungschaffende Infrastrukturförderung“ kassiert werden. Bei der Rente soll das Unionskonzept von 1998 wiederbelebt werden.
Ein weites Feld für den Wahlkampf bietet auch die Gesundheitspolitik. Die Krankenkassenbeiträge kennen nur eine Richtung: Nach oben. Ministerin Ulla Schmidt hat den Versicherten nichts zugemutet, vor den Lobbyisten kapituliert und die Kontrolle über die Finanzen längst verloren. Die Union setzt dagegen auf mehr Wettbewerb zwischen den Anbietern. „Wir brauchen einen Quantensprung der Freiheitlichkeit“, sagt Horst Seehofer, der eine wichtige Rolle im Wahlkampfteam von Stoiber spielen wird. Mehr Vertragsfreiheit für Arzte und Krankenkassen soll Qualität und Wirtschaftlichkeit steigern. Anders als Gesundheitsministerin Ulla Schmidt macht sich die Union für Regel- und Wahlleistungen stark. Gesundheitsbewusstes, auf Sparsamkeit bedachtes Verhalten soll durch Beitragsrückgewährung und Selbstbehalttarife prämiert werden.
Noch ist nicht sicher, dass sich die Union hinter Stoibers Programm wirklich eint. Besonders die Sozialausschüsse gelten als unsicherer Kandidat. „Wie weit wir kommen, werden wir sehen“, orakelt schon ein CDU-Präside aus dem CDU-Landesverband Nordrhein-Westfalen, in dem die Sozialausschüsse stark sind. CDU-Landeschef Jürgen Rüttgers kündigt bereits Vorbehalte an: „Das gemeinsame Wahlprogramm muss in Kommissionen erarbeitet werden, in denen wir maßgeblich beteiligt sind.“
Der treueste Stoiber-Statthalter in Berlin, CSU-Landesgruppenvorsitzende Michael Glos, droht bereits in Richtung Rüttgers: „Ich hoffe, dass er zu seinem Stoiber-Votum steht. Wir werden im Wahlkampf ganz genau auf ihn achten.“ In der Tat: Ohne Geschlossenheit in den eigenen Reihen kann Stoiber selbst mit dem besten Programm nicht siegen, wie die Niederlage von Franz Josef Strauß 1980 zeigte. Ein CDU-Präside: „Wenn uns das noch einmal passiert, dann haben wir den Sieg nicht verdient.“