Viele Spenden, wenig Kontrolle


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Viele Spenden, wenig Kontrolle

 
27.08.02 13:14
116 Millionen Euro, so eine erste Bilanz, schlummern schon jetzt auf den Spendenkonten für die Flutopfer. Offen ist, wer die Vergabe der gewaltigen Summe kontrolliert. Schon werden Erinnerungen an die Zustände nach dem Oder-Hochwasser wach.

Als die Menschen an der Oder vor fünf Jahren "Land unter" meldeten, rollte eine Welle der Hilfsbereitschaft durch Deutschland: 130 Millionen Mark kamen seinerzeit an Spenden zusammen. Nur 37,5 Millionen des insgesamt 650 Millionen Mark hohen Gesamtschadens aber erlitten Privatleute, wie eine Bilanz der brandenburgischen Landesregierung ergab.

Wie sich später herausstellte, deckte so manches Flutopfer aus dem Spendentopf weit mehr als nur den eigentlichen Wasserschaden. "Rund eine Millionen Mark musste von Leuten zurückgefordert werden, die Mehrfach-Zahlungen erhalten hatten", sagt Burkhard Wilke, Geschäftsführer des Deutschen Zentralinstituts für soziale Fragen (DZI), das die Arbeit humanitär-karitativer Spendenorganisationen überwacht. Land, Kirchen und Hilfsorganisationen etablierten erst lange nach dem Hochwasser ein effektives System, mit dem 60 Millionen Mark an Spenden in Brandenburg verteilt wurden. Die restlichen 70 Millionen gingen an Flutopfer in Tschechien und Polen.

Noch keine zentrale Vergabestelle

Auch für die Verteilung der Spenden für die Opfer der aktuellen Hochwasser-Katastrophe existiert noch keine zentrale Vergabestelle - obwohl das Spendenaufkommen von 1997 diesmal voraussichtlich weit übertroffen werde. Nach Zahlen der Caritas, der Evangelischen Kirche, des Roten Kreuzes und der Gemeinschaftsorganisation "Deutschland Hilft" summieren sich die bisherigen Spenden auf 116 Millionen Euro. 61 Millionen Euro habe allein das Rote Kreuz gesammelt. Nach Angaben eines Sprechers des Diakonischen Werks werden noch immer täglich rund fünf Millionen Euro an Spenden verbucht.

Umso dringlicher ist nach Wilkes Meinung die Einrichtung einer zentralen Vergabestelle. "Das haben wir Bund und Ländern sowie allen Spendenorganisationen bereits am 14. August empfohlen", sagte Wilke im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. "Obwohl jede Hilfsorganisation im Prinzip allein für die ihr zugegangenen Spenden verantwortlich ist, würde eine solche Zentralstelle das Vertrauen der Spender stärken."

Forderung nach gerechter Spendenvergabe

Ebenso wichtig seien einheitliche Kriterien bei der Spendenvergabe. "Eine überhastete Verteilung, die anschließend als ungerecht kritisiert wird, wäre nicht ratsam", warnt der DZI-Chef. Eine schnelle und unbürokratische Zahlung empfehle sich lediglich für Soforthilfen in geringer Höhe. Auch die Ausführung der Arbeiten zum Wiederaufbau seien bei einer zentralen Einrichtung gut aufgehoben.

Das sicherste Zeichen für die Seriosität einer Spendenorganisation ist laut Wilke die strenge Zweckbindung der Spendengelder. Weit gefasste Formulierungen könnten die Gefahr bergen, dass Spenden für andere Betätigungsfelder der betreffenden Organisation zweckentfremdet werden. "Im Idealfall gibt es ein Konto, das eigens für einen bestimmten Zweck eingerichtet wurde", erklärt Wilke. "Eine andere Variante ist die Benutzung eines allgemeinen Kontos in Verbindung mit einem Stichwort." Erst wenn einer dieser Fälle zutreffe, könne der Spender sicher sein, dass sein Geld das gewünschte Ziel erreiche.

Hilfsorganisationen auf schmalem Grat

Allerdings wandeln die Spendenorganisationen im Fall der aktuellen Hochwasser-Katastrophe auf schmalem Grat. "Da der Umfang der Schäden bisher kaum abzusehen ist, müssen die Organisationen den Verwendungszweck der Spenden weit fassen", sagt Wilke. Dadurch werde zwar die strenge Zweckbindung verwässert, doch gingen die Organisationen bei einer zu engen Formulierung das Risiko ein, zu viele Spenden zu bekommen. Das Resultat ist die so genannte Überzahlung des Spendenkontos. "In diesem Fall sind die Organisationen verpflichtet, die Spender um Erlaubnis nach anderweitiger Verwendung des Geldes zu bitten oder die Spenden zurückzuzahlen", erläutert Wilke.

Die Spendensammler bringt das in eine Zwickmühle: "Die Hilfsbereitschaft der Menschen ist momentan zwar groß, aber größtenteils durch die Berichte in den Medien hervorgerufen und deshalb zeitlich sehr begrenzt", sagt Wilke. Die Hilfsorganisationen seien deshalb gezwungen, in kurzer Zeit möglichst viele Spenden zu sammeln. "Das widerspricht der gründlichen und langwierigen Analyse des Schadens", so der DZI-Chef. "Aber aus diesem Dilemma sehe ich keinen Ausweg."  
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