Die Abzocker in den US-Vorstandsetagen haben Wall Street in eine tiefe Krise gestürzt. Selbst die US-Notenbank steht
unter Manipulations-Verdacht. Steht jetzt der endgültige Absturz an?
von Holger Wiedemann, Euro am Sonntag 29/02
Die Krankheit hat einen Namen: Vertrauenskrise. Und der Virus hat jetzt ausgerechnet einen befallen, der bislang als
immun galt. Fed-Chef Alan Greenspan, der Mann, der während des Endlos-Booms der 90er-Jahre das Vertrauen ins
US-Wirtschaftssystems garantierte, schlug sich vergangene Woche überraschend auf die Seite der Zweifler: "Ich habe
mich geirrt", räumte er am Dienstag vor dem Bankenausschuss des Senats ein. "Es war falsch, zu glauben, der Markt
könne sich selbst reinigen."
Damit sprach Greenspan den Lug und Betrug in US-Vorstandsetagen an. Das schleichende Gift der Zahlenfälschereien
bei Enron, Worldcom, Global Crossing und Co, so scheint es, hat auch Greenspans Glauben an das amerikanische
Modell erschüttert. Die Erholung der US-Wirtschaft setze erst ein, wenn "die ansteckende Gier gezähmt" sei, urteilte der
Fed-Chef ungewohnt dramatisch. Im Klartext: Schärfere Gesetze und staatliche Kontrollen müssen her.Erste Entwürfe
liegen bereits in Senat und Abgeordnetenhaus: Firmenbossen, die Bilanzen schönen, drohen danach hohe Gefängnis-
und Geldstrafen (siehe Seite 9). Und wichtiger noch: Jeder Vorstand soll mit der eigenen Unterschrift für die
veröffentlichten Zahlen gerade stehen.
Wie blank die Nerven an der Wall Street liegen, zeigte sich zu Wochenanfang. Am Montag stürzte der Dow Jones trotz
überraschend guter Unternehmens- und Wirtschaftsdaten über 440 Punkte ab, vollzog dann in der letzten Handelsstunde
eine Kehrtwende und holte den Verlust fast vollständig auf.
Die ungewöhnlich heftige Berg- und Talfahrt ließ unter Händlern ein Gerücht keimen: Greenspans Notenbank, so raunt
man sich an der New York Stock Exchange zu, agiere längst selbst am Markt und stütze die Kurse, um den
Misstrauens-Crash zu verhindern. "Hinweise dafür gibt’s genug", glaubt Carsten Fritsch, Volkswirt bei der Commerzbank.
Seit im März 2000 die Börsenblase geplatzt ist, seien mehrfach solche Erholungen im späten Handel zu beobachten
gewesen. Neun der historisch stärksten Tagesgewinne der NYSE fallen darunter.Eine Bestätigung für diesen Verdacht
gibt es natürlich nicht. Fest steht jedoch: Nach dem Börsen-Crash 1987 wurde ein "Plunge Protection Team" , ein
Absturz-Verhinderungsteam also, ins Leben gerufen. Die Arbeitsgruppe, der Greenspan und die Vorsitzenden der
Börsenaufsichten SEC und CFTC angehören, kann intervenieren, falls nach kräftigen Kursverlusten eine Verkaufswelle
über die Börsen hereinbricht.
Fragt sich nur, ob die Börsen-Baywatch auch tatsächlich eingegriffen hat. Starke Schwankungen wie am vergangenen
Montag treten nicht nur an den US-Börsen gehäuft auf. Der deutsche Volatilitäts-Index VDAX etwa verzeichnete
vergangene Woche ebenfalls ein Rekordhoch. Solche Ausschläge lassen sich während einer Baisse durch das Verhalten
der Börsianer erklären. Der Mechanismus: Short-Verkäufer setzen mit Leerverkäufen von Aktien die Kurse unter Druck.
Gewöhnlich schließen sie ihre Positionen aber aus Risikogründen im Laufe des Tages wieder und kaufen ihre Papiere
zurück. Machen, wie in Baisse-Phasen häufig, immer mehr Börsianer bei diesem Spiel mit, dann nehmen auch die
Kursschwankungen zu.
Die Theorie der Fed-Verschwörung scheint denn auch mehr ein Indiz für die tiefe Verunsicherung der Händler zu sein.
Nachdem selbst Präsident George Bush und sein Vize Dick Cheney als Profiteure des Insider-Systems erwischt wurden,
stellt sich jetzt auch die Vertrauensfrage bei der Fed.
"Der Vertrauensverlust in die Institutionen ist Symptom eines sich weltweit verschärfenden Bärenmarkts", urteilt
Fondsmanager Hugh Hendry vom Vermögensverwalter Odey. Der Brite, dessen Fonds CF Odey European Trust im
laufenden Jahr mit 16 Prozent Gewinn Spitzenreiter in Europa ist, befürchtet, dass der richtige Ausverkauf noch ansteht.
Dow Jones und S&P 500 könnten noch um weitere 50 Prozent fallen. Hendry: "Derzeit spricht vieles für eine langjährige
Weltrezession im Stil der groüen Depression von 1929."Das dürfte aber nur passieren, wenn immer mehr Menschen zu
sparen anfangen, weil sie feststellen, dass die hohen Kursverluste ihr Vermögen in Pensions- und anderen
Altersvorsorge-Fonds auffressen. Die Einschränkung des Konsums würde dann die ohnehin angeschlagene Konjunktur
weiter unter Druck setzen. Folge: fallende Kurse und noch mehr Sparanstrengungen. Die Baisse nährt die Baisse, sagen
Börsianer dazu. Volkswirte bezeichnen dies als negativen Vermögenseffekt. Die US-Wirtschaft scheint dafür besonders
anfällig. Denn fast die gesamte Altersvorsorge von 280 Millionen Amerikanern stützt sich auf die Finanzmärkte.
Für eine große Depression sieht Fondsmanager Hendry gleich mehrere Anzeichen: "Es gibt Symptome wie die
Vertrauenskrise in den USA. Daneben gibt es auch Verluste bei Werten, die während einer Rezession eigentlich steigen
sollten." Dazu zählt der Experte eine "goldene Minderheit" von etwa fünf Prozent. So floss die durch die
Rekord-Zinssenkungen der US-Notenbank freigesetzte Liquidität in Werte wie Immobilien, Gold und Rohstoffe. Folglich
liefen Aktien dieser Branchen sehr gut. Doch in den vergangenen Wochen hat sich selbst dieser positive Trend
umgekehrt und die goldene Minderheit geriet an der Börse ebenfalls unter Druck.
Das wiederum sehen andere Experten positiv. Denn Hendrys Argumentation lässt sich auch leicht umdrehen. Konkret:
Der plötzliche Kursverfall bei den Krisengewinnlern kann auch bedeuten, dass die rezessionsgebeutelte Mehrheit der
Aktien einen Boden gefunden hat - meint etwa kein Geringerer als Byron Wien, der bekannteste Langzeit-Pessimist der
Wall Street.
Der Chef-Investmentstratege von Morgan Stanley, der als einer der wenigen Experten rechtzeitig vor dem Platzen der
Internet-Blase warnte und seinen Pessimismus seither konsequent durchhielt, wechselte vergangene Woche ins Lager
der Bullen. "Aktien sind wieder attraktiv, denn Fundamentaldaten und Bewertungen sind günstig", schrieb Wien. Er hält
die Aktien im S&P-500-Index derzeit um 20 bis 25 Prozent unterbewertet. Die bisherigen Ergebnisse der gerade
laufenden Berichtssaison für das zweite Quartal 2002 (siehe Seite 14) geben dem Chefstrategen recht. Bislang haben
199 Unternehmen aus dem S&P-500-Index ihre Quartalsbilanzen vorgelegt. Laut Thomson Financial First Call, einem
New Yorker Informationsdienst, haben davon 59,8 Prozent die Erwartungen übertroffen, 28,1 Prozent eine Punktlandung
hingelegt und nur 24 Unternehmen blieben hinter den Prognosen zurück. "An der Spitze liegen Konsumwerte wie die
groüen Autohersteller General Motors und Ford, aber auch Whirlpool, Maytag oder die Discounter-Kette Costco", urteilt
Chuck Hill, Chef der Research-Abteilung bei First Call.
Ein Indiz dafür, dass die Kauflust der US-Bürger ungebrochen ist. Damit ist die von Pessimisten befürchtete Todesspirale
aus fallenden Kursen und Konsumstreik bislang nicht viel mehr als Theorie. Wie es mit Dow und Co nun weitergeht,
hängt davon ab, ob sich der positive Beginn der "Earning Season" in den kommenden zwei Wochen fortsetzt. Erweist
sich die Konjunkturerholung als trittfest, könnte bald wieder eine andere Börsenweisheit gelten: Die Hausse nährt die
Hausse.
unter Manipulations-Verdacht. Steht jetzt der endgültige Absturz an?
von Holger Wiedemann, Euro am Sonntag 29/02
Die Krankheit hat einen Namen: Vertrauenskrise. Und der Virus hat jetzt ausgerechnet einen befallen, der bislang als
immun galt. Fed-Chef Alan Greenspan, der Mann, der während des Endlos-Booms der 90er-Jahre das Vertrauen ins
US-Wirtschaftssystems garantierte, schlug sich vergangene Woche überraschend auf die Seite der Zweifler: "Ich habe
mich geirrt", räumte er am Dienstag vor dem Bankenausschuss des Senats ein. "Es war falsch, zu glauben, der Markt
könne sich selbst reinigen."
Damit sprach Greenspan den Lug und Betrug in US-Vorstandsetagen an. Das schleichende Gift der Zahlenfälschereien
bei Enron, Worldcom, Global Crossing und Co, so scheint es, hat auch Greenspans Glauben an das amerikanische
Modell erschüttert. Die Erholung der US-Wirtschaft setze erst ein, wenn "die ansteckende Gier gezähmt" sei, urteilte der
Fed-Chef ungewohnt dramatisch. Im Klartext: Schärfere Gesetze und staatliche Kontrollen müssen her.Erste Entwürfe
liegen bereits in Senat und Abgeordnetenhaus: Firmenbossen, die Bilanzen schönen, drohen danach hohe Gefängnis-
und Geldstrafen (siehe Seite 9). Und wichtiger noch: Jeder Vorstand soll mit der eigenen Unterschrift für die
veröffentlichten Zahlen gerade stehen.
Wie blank die Nerven an der Wall Street liegen, zeigte sich zu Wochenanfang. Am Montag stürzte der Dow Jones trotz
überraschend guter Unternehmens- und Wirtschaftsdaten über 440 Punkte ab, vollzog dann in der letzten Handelsstunde
eine Kehrtwende und holte den Verlust fast vollständig auf.
Die ungewöhnlich heftige Berg- und Talfahrt ließ unter Händlern ein Gerücht keimen: Greenspans Notenbank, so raunt
man sich an der New York Stock Exchange zu, agiere längst selbst am Markt und stütze die Kurse, um den
Misstrauens-Crash zu verhindern. "Hinweise dafür gibt’s genug", glaubt Carsten Fritsch, Volkswirt bei der Commerzbank.
Seit im März 2000 die Börsenblase geplatzt ist, seien mehrfach solche Erholungen im späten Handel zu beobachten
gewesen. Neun der historisch stärksten Tagesgewinne der NYSE fallen darunter.Eine Bestätigung für diesen Verdacht
gibt es natürlich nicht. Fest steht jedoch: Nach dem Börsen-Crash 1987 wurde ein "Plunge Protection Team" , ein
Absturz-Verhinderungsteam also, ins Leben gerufen. Die Arbeitsgruppe, der Greenspan und die Vorsitzenden der
Börsenaufsichten SEC und CFTC angehören, kann intervenieren, falls nach kräftigen Kursverlusten eine Verkaufswelle
über die Börsen hereinbricht.
Fragt sich nur, ob die Börsen-Baywatch auch tatsächlich eingegriffen hat. Starke Schwankungen wie am vergangenen
Montag treten nicht nur an den US-Börsen gehäuft auf. Der deutsche Volatilitäts-Index VDAX etwa verzeichnete
vergangene Woche ebenfalls ein Rekordhoch. Solche Ausschläge lassen sich während einer Baisse durch das Verhalten
der Börsianer erklären. Der Mechanismus: Short-Verkäufer setzen mit Leerverkäufen von Aktien die Kurse unter Druck.
Gewöhnlich schließen sie ihre Positionen aber aus Risikogründen im Laufe des Tages wieder und kaufen ihre Papiere
zurück. Machen, wie in Baisse-Phasen häufig, immer mehr Börsianer bei diesem Spiel mit, dann nehmen auch die
Kursschwankungen zu.
Die Theorie der Fed-Verschwörung scheint denn auch mehr ein Indiz für die tiefe Verunsicherung der Händler zu sein.
Nachdem selbst Präsident George Bush und sein Vize Dick Cheney als Profiteure des Insider-Systems erwischt wurden,
stellt sich jetzt auch die Vertrauensfrage bei der Fed.
"Der Vertrauensverlust in die Institutionen ist Symptom eines sich weltweit verschärfenden Bärenmarkts", urteilt
Fondsmanager Hugh Hendry vom Vermögensverwalter Odey. Der Brite, dessen Fonds CF Odey European Trust im
laufenden Jahr mit 16 Prozent Gewinn Spitzenreiter in Europa ist, befürchtet, dass der richtige Ausverkauf noch ansteht.
Dow Jones und S&P 500 könnten noch um weitere 50 Prozent fallen. Hendry: "Derzeit spricht vieles für eine langjährige
Weltrezession im Stil der groüen Depression von 1929."Das dürfte aber nur passieren, wenn immer mehr Menschen zu
sparen anfangen, weil sie feststellen, dass die hohen Kursverluste ihr Vermögen in Pensions- und anderen
Altersvorsorge-Fonds auffressen. Die Einschränkung des Konsums würde dann die ohnehin angeschlagene Konjunktur
weiter unter Druck setzen. Folge: fallende Kurse und noch mehr Sparanstrengungen. Die Baisse nährt die Baisse, sagen
Börsianer dazu. Volkswirte bezeichnen dies als negativen Vermögenseffekt. Die US-Wirtschaft scheint dafür besonders
anfällig. Denn fast die gesamte Altersvorsorge von 280 Millionen Amerikanern stützt sich auf die Finanzmärkte.
Für eine große Depression sieht Fondsmanager Hendry gleich mehrere Anzeichen: "Es gibt Symptome wie die
Vertrauenskrise in den USA. Daneben gibt es auch Verluste bei Werten, die während einer Rezession eigentlich steigen
sollten." Dazu zählt der Experte eine "goldene Minderheit" von etwa fünf Prozent. So floss die durch die
Rekord-Zinssenkungen der US-Notenbank freigesetzte Liquidität in Werte wie Immobilien, Gold und Rohstoffe. Folglich
liefen Aktien dieser Branchen sehr gut. Doch in den vergangenen Wochen hat sich selbst dieser positive Trend
umgekehrt und die goldene Minderheit geriet an der Börse ebenfalls unter Druck.
Das wiederum sehen andere Experten positiv. Denn Hendrys Argumentation lässt sich auch leicht umdrehen. Konkret:
Der plötzliche Kursverfall bei den Krisengewinnlern kann auch bedeuten, dass die rezessionsgebeutelte Mehrheit der
Aktien einen Boden gefunden hat - meint etwa kein Geringerer als Byron Wien, der bekannteste Langzeit-Pessimist der
Wall Street.
Der Chef-Investmentstratege von Morgan Stanley, der als einer der wenigen Experten rechtzeitig vor dem Platzen der
Internet-Blase warnte und seinen Pessimismus seither konsequent durchhielt, wechselte vergangene Woche ins Lager
der Bullen. "Aktien sind wieder attraktiv, denn Fundamentaldaten und Bewertungen sind günstig", schrieb Wien. Er hält
die Aktien im S&P-500-Index derzeit um 20 bis 25 Prozent unterbewertet. Die bisherigen Ergebnisse der gerade
laufenden Berichtssaison für das zweite Quartal 2002 (siehe Seite 14) geben dem Chefstrategen recht. Bislang haben
199 Unternehmen aus dem S&P-500-Index ihre Quartalsbilanzen vorgelegt. Laut Thomson Financial First Call, einem
New Yorker Informationsdienst, haben davon 59,8 Prozent die Erwartungen übertroffen, 28,1 Prozent eine Punktlandung
hingelegt und nur 24 Unternehmen blieben hinter den Prognosen zurück. "An der Spitze liegen Konsumwerte wie die
groüen Autohersteller General Motors und Ford, aber auch Whirlpool, Maytag oder die Discounter-Kette Costco", urteilt
Chuck Hill, Chef der Research-Abteilung bei First Call.
Ein Indiz dafür, dass die Kauflust der US-Bürger ungebrochen ist. Damit ist die von Pessimisten befürchtete Todesspirale
aus fallenden Kursen und Konsumstreik bislang nicht viel mehr als Theorie. Wie es mit Dow und Co nun weitergeht,
hängt davon ab, ob sich der positive Beginn der "Earning Season" in den kommenden zwei Wochen fortsetzt. Erweist
sich die Konjunkturerholung als trittfest, könnte bald wieder eine andere Börsenweisheit gelten: Die Hausse nährt die
Hausse.