Vertrauenskrise mit möglichen drastischen Folgen..


Thema
abonnieren
Beitrag: 1
Zugriffe: 286 / Heute: 3
Kabler:

Vertrauenskrise mit möglichen drastischen Folgen..

 
23.07.02 08:14
Die Abzocker in den US-Vorstandsetagen haben Wall Street in eine tiefe Krise gestürzt. Selbst die US-Notenbank steht
     unter Manipulations-Verdacht. Steht jetzt der endgültige Absturz an?

     von Holger Wiedemann, Euro am Sonntag 29/02

     Die Krankheit hat einen Namen: Vertrauenskrise. Und der Virus hat jetzt ausgerechnet einen befallen, der bislang als
     immun galt. Fed-Chef Alan Greenspan, der Mann, der während des Endlos-Booms der 90er-Jahre das Vertrauen ins
     US-Wirtschaftssystems garantierte, schlug sich vergangene Woche überraschend auf die Seite der Zweifler: "Ich habe
     mich geirrt", räumte er am Dienstag vor dem Bankenausschuss des Senats ein. "Es war falsch, zu glauben, der Markt
     könne sich selbst reinigen."

     Damit sprach Greenspan den Lug und Betrug in US-Vorstandsetagen an. Das schleichende Gift der Zahlenfälschereien
     bei Enron, Worldcom, Global Crossing und Co, so scheint es, hat auch Greenspans Glauben an das amerikanische
     Modell erschüttert. Die Erholung der US-Wirtschaft setze erst ein, wenn "die ansteckende Gier gezähmt" sei, urteilte der
     Fed-Chef ungewohnt dramatisch. Im Klartext: Schärfere Gesetze und staatliche Kontrollen müssen her.Erste Entwürfe
     liegen bereits in Senat und Abgeordnetenhaus: Firmenbossen, die Bilanzen schönen, drohen danach hohe Gefängnis-
     und Geldstrafen (siehe Seite 9). Und wichtiger noch: Jeder Vorstand soll mit der eigenen Unterschrift für die
     veröffentlichten Zahlen gerade stehen.

     Wie blank die Nerven an der Wall Street liegen, zeigte sich zu Wochenanfang. Am Montag stürzte der Dow Jones trotz
     überraschend guter Unternehmens- und Wirtschaftsdaten über 440 Punkte ab, vollzog dann in der letzten Handelsstunde
     eine Kehrtwende und holte den Verlust fast vollständig auf.

     Die ungewöhnlich heftige Berg- und Talfahrt ließ unter Händlern ein Gerücht keimen: Greenspans Notenbank, so raunt
     man sich an der New York Stock Exchange zu, agiere längst selbst am Markt und stütze die Kurse, um den
     Misstrauens-Crash zu verhindern. "Hinweise dafür gibt’s genug", glaubt Carsten Fritsch, Volkswirt bei der Commerzbank.
     Seit im März 2000 die Börsenblase geplatzt ist, seien mehrfach solche Erholungen im späten Handel zu beobachten
     gewesen. Neun der historisch stärksten Tagesgewinne der NYSE fallen darunter.Eine Bestätigung für diesen Verdacht
     gibt es natürlich nicht. Fest steht jedoch: Nach dem Börsen-Crash 1987 wurde ein "Plunge Protection Team" , ein
     Absturz-Verhinderungsteam also, ins Leben gerufen. Die Arbeitsgruppe, der Greenspan und die Vorsitzenden der
     Börsenaufsichten SEC und CFTC angehören, kann intervenieren, falls nach kräftigen Kursverlusten eine Verkaufswelle
     über die Börsen hereinbricht.

     Fragt sich nur, ob die Börsen-Baywatch auch tatsächlich eingegriffen hat. Starke Schwankungen wie am vergangenen
     Montag treten nicht nur an den US-Börsen gehäuft auf. Der deutsche Volatilitäts-Index VDAX etwa verzeichnete
     vergangene Woche ebenfalls ein Rekordhoch. Solche Ausschläge lassen sich während einer Baisse durch das Verhalten
     der Börsianer erklären. Der Mechanismus: Short-Verkäufer setzen mit Leerverkäufen von Aktien die Kurse unter Druck.
     Gewöhnlich schließen sie ihre Positionen aber aus Risikogründen im Laufe des Tages wieder und kaufen ihre Papiere
     zurück. Machen, wie in Baisse-Phasen häufig, immer mehr Börsianer bei diesem Spiel mit, dann nehmen auch die
     Kursschwankungen zu.

     Die Theorie der Fed-Verschwörung scheint denn auch mehr ein Indiz für die tiefe Verunsicherung der Händler zu sein.
     Nachdem selbst Präsident George Bush und sein Vize Dick Cheney als Profiteure des Insider-Systems erwischt wurden,
     stellt sich jetzt auch die Vertrauensfrage bei der Fed.

     "Der Vertrauensverlust in die Institutionen ist Symptom eines sich weltweit verschärfenden Bärenmarkts", urteilt
     Fondsmanager Hugh Hendry vom Vermögensverwalter Odey. Der Brite, dessen Fonds CF Odey European Trust im
     laufenden Jahr mit 16 Prozent Gewinn Spitzenreiter in Europa ist, befürchtet, dass der richtige Ausverkauf noch ansteht.
     Dow Jones und S&P 500 könnten noch um weitere 50 Prozent fallen. Hendry: "Derzeit spricht vieles für eine langjährige
     Weltrezession im Stil der groüen Depression von 1929."Das dürfte aber nur passieren, wenn immer mehr Menschen zu
     sparen anfangen, weil sie feststellen, dass die hohen Kursverluste ihr Vermögen in Pensions- und anderen
     Altersvorsorge-Fonds auffressen. Die Einschränkung des Konsums würde dann die ohnehin angeschlagene Konjunktur
     weiter unter Druck setzen. Folge: fallende Kurse und noch mehr Sparanstrengungen. Die Baisse nährt die Baisse, sagen
     Börsianer dazu. Volkswirte bezeichnen dies als negativen Vermögenseffekt. Die US-Wirtschaft scheint dafür besonders
     anfällig. Denn fast die gesamte Altersvorsorge von 280 Millionen Amerikanern stützt sich auf die Finanzmärkte.

     Für eine große Depression sieht Fondsmanager Hendry gleich mehrere Anzeichen: "Es gibt Symptome wie die
     Vertrauenskrise in den USA. Daneben gibt es auch Verluste bei Werten, die während einer Rezession eigentlich steigen
     sollten." Dazu zählt der Experte eine "goldene Minderheit" von etwa fünf Prozent. So floss die durch die
     Rekord-Zinssenkungen der US-Notenbank freigesetzte Liquidität in Werte wie Immobilien, Gold und Rohstoffe. Folglich
     liefen Aktien dieser Branchen sehr gut. Doch in den vergangenen Wochen hat sich selbst dieser positive Trend
     umgekehrt und die goldene Minderheit geriet an der Börse ebenfalls unter Druck.

     Das wiederum sehen andere Experten positiv. Denn Hendrys Argumentation lässt sich auch leicht umdrehen. Konkret:
     Der plötzliche Kursverfall bei den Krisengewinnlern kann auch bedeuten, dass die rezessionsgebeutelte Mehrheit der
     Aktien einen Boden gefunden hat - meint etwa kein Geringerer als Byron Wien, der bekannteste Langzeit-Pessimist der
     Wall Street.

     Der Chef-Investmentstratege von Morgan Stanley, der als einer der wenigen Experten rechtzeitig vor dem Platzen der
     Internet-Blase warnte und seinen Pessimismus seither konsequent durchhielt, wechselte vergangene Woche ins Lager
     der Bullen. "Aktien sind wieder attraktiv, denn Fundamentaldaten und Bewertungen sind günstig", schrieb Wien. Er hält
     die Aktien im S&P-500-Index derzeit um 20 bis 25 Prozent unterbewertet. Die bisherigen Ergebnisse der gerade
     laufenden Berichtssaison für das zweite Quartal 2002 (siehe Seite 14) geben dem Chefstrategen recht. Bislang haben
     199 Unternehmen aus dem S&P-500-Index ihre Quartalsbilanzen vorgelegt. Laut Thomson Financial First Call, einem
     New Yorker Informationsdienst, haben davon 59,8 Prozent die Erwartungen übertroffen, 28,1 Prozent eine Punktlandung
     hingelegt und nur 24 Unternehmen blieben hinter den Prognosen zurück. "An der Spitze liegen Konsumwerte wie die
     groüen Autohersteller General Motors und Ford, aber auch Whirlpool, Maytag oder die Discounter-Kette Costco", urteilt
     Chuck Hill, Chef der Research-Abteilung bei First Call.

     Ein Indiz dafür, dass die Kauflust der US-Bürger ungebrochen ist. Damit ist die von Pessimisten befürchtete Todesspirale
     aus fallenden Kursen und Konsumstreik bislang nicht viel mehr als Theorie. Wie es mit Dow und Co nun weitergeht,
     hängt davon ab, ob sich der positive Beginn der "Earning Season" in den kommenden zwei Wochen fortsetzt. Erweist
     sich die Konjunkturerholung als trittfest, könnte bald wieder eine andere Börsenweisheit gelten: Die Hausse nährt die
     Hausse.  
Antworten
Auf neue Beiträge prüfen
Es gibt keine neuen Beiträge.


Börsen-Forum - Gesamtforum - Antwort einfügen - zum ersten Beitrag springen
--button_text--