Mit diskutierender Öffentlichkeit hat das nichts zu tun. In aller wünschenswerten Deutlichkeit haben Politik und Medien das TV-Duell als Ritual inszeniert. Die strengen Regeln des turn taking und die zeremonielle Zeitökonomie waren nicht lästiges Beiwerk, sondern die Sache selbst. In diesem Rahmen sind Themen und Probleme lediglich Anlass für die Performance der Widersacher. Arbeitslosigkeit, Konjunkturschwäche, Bildungskatastrophe - darüber kann man nur reden. Politischer Talk erweist sich hier als das emotionale Management dessen, was man faktisch nicht managen kann. Man könnte das als Ästhetisierung der Politik auf dem Markt der Gefühle bezeichnen.
Im permanenten Wahlkampf bilden Politik, Medien und Demoskopie eine Endlosschleife. Das TV-Duell war eine Unterhaltungssendung, in der die Medien und die Politik sich gegenseitig inszeniert haben - umrahmt von Demoskopen und Experten, die in einer anschließenden Sendung über die Sendung sichergestellt haben, was eigentlich zu hören und zu sehen war. Daraus kann man nicht nur lernen, dass Politik ein Teil der Unterhaltungsindustrie geworden ist, sondern auch, dass der Kern der Demokratie die Demoskopie ist. In dieser Form herrscht das Volk über seine politischen Führer. Demoskopie hilft den Leuten, ihre Wahl zu treffen, denn dazu müssen sie wissen, wie die anderen wählen; und sie hilft den Politikern, sich im Wahlkampf zu profilieren, denn dazu müssen sie wissen, was die Leute hören möchten.
Diese konsequente Medieninszenierung von Politik hat eine besonders schwerwiegende Folge: Die Wähler wollen nicht den besseren Kanzler, sondern den besseren Kanzlerdarsteller. Die Zuschauer des TV-Duells haben offenbar gar keine Programmatik erwartet, sondern nur Performance. Da die Bürger keine Metakompetenz haben, um die Kompetenz der konkurrierenden Politiker zu beurteilen, bleibt ihnen nur das ästhetische Urteil. Erst in den letzten Jahren haben sich die politischen Parteien darauf eingestellt und konzentrieren ihre Anstrengungen nicht mehr auf Programme, sondern auf das politische Design. Und auch das ist kein Grund zur kul-turkritischen Klage. Es geht den Zuschauern zurecht um die Performance der Kandidaten, weil die Programme der Parteien undeutlich oder ununterscheidbar sind.
Das hat durchaus seine Logik. Sozialpsychologen wissen, dass klare Ziele hinderlich sind beim Sichern von Identität. Vielversprechend sind dagegen Identitäten, die aus Kontrollbemühungen angesichts des Chaos resultieren - siehe Flutkatastrophe. Wir haben es dann mit Menschen und Geschichten statt nur mit Ideen und Werten zu tun. Die Spin Doctors, die seit Kennedys legendärem Duell mit Nixon das Management der Aufmerksamkeit übernommen haben, wissen das. Sie sind die Wärter im Zoo der politischen Tiere. Stolz zeigen sie den Besuchern die Prachtexemplare; nur das zoon politikon suchen Alteuropäer vergebens.