Finanzkrise
Für Anleger bleiben die Aussichten düster
Der Dax hat sich dank niedriger Leitzinsen in den USA erholt, doch die deutschen Vermögensverwalter bleiben skeptisch. Eine WELT-ONLINE-Umfrage zeigt: Viele Profis fahren nun eine defensive Strategie, Finanztitel sind zum Tabu geworden.
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Geld anlegen: Die Profis sind derzeit extrem vorsichtig<!
Bei Reinhard Hellmuth klingelt das Telefon in den vergangenen Wochen häufiger als sonst. Seit Ausbruch der Finanzmarktturbulenzen Mitte Juli melden sich bei dem Vermögensverwalter in der vornehmen Berliner Meinekestraße verstärkt Kunden, die wissen wollen, wie sicher ihr Geld in diesen turbulenten Zeiten ist. "Die Leute spüren, dass diese Krise ernster ist als frühere Marktkorrekturen", sagt Hellmuth, der die von ihm verwalteten Depots bereits im Frühjahr auf defensiv umgestellt hat.Weiterführende links
Andere Portfolio-Manager berichten Ähnliches: "Zum ersten Mal seit 2003 scheint der Bullenmarkt grundsätzlich infrage zu stehen. Das beunruhigt viele", berichtet Jürgen Mehrbrei von der Vermögensverwaltung Unikat in Mannheim. Und glaubt man den Profis, ist die Sorge berechtigt. Wegen der schwer abschätzbaren Folgen der US-Finanzkrise haben die Anleger allen Grund, auf der Hut zu sein. Die Mehrheit der von WELT ONLINE befragten Geldmehrer sehen den Dax und andere Indizes in den nächsten Wochen noch mal um fünf bis zehn Prozent einknicken.Während sich die Märkte nach der Hauruck-Zinssenkung durch die Federal Reserve wieder von ihrer freundlichen Seite zeigen, sehen die Profis die Gefahren auf Sicht der nächsten Wochen und Monate überwiegen. "In solchen Zeiten geht es in erster Linie um Vermögenssicherung", umreißt Bernd Schimmer von der Hamburger Sparkasse (Haspa) sein Misstrauen gegen die schnelle Erholung der vergangnen Tage.Auch Eckhard Jess von Dahm+Jess in Kiel hält es für "naiv", zu glauben, dass die Krise ausgestanden sei und es wieder ungebremst nach oben gehen könnte. "Das Problem ist, dass niemand genau sagen kann, wo die Hypothekenkrise noch zuschlagen wird", erklärt Vermögensverwalter Frank Lingohr. Und Mehrbrei meint: "Analysten, Investoren, Medienvertreter - alle stochern mit der Stange im Nebel." Letzterer werde sich erst lichten, wenn die Banken sämtliche Risiken in ihren Jahresabschlüssen für 2007 öffentlich gemacht haben - und das sei frühestens im März oder April nächsten Jahres der Fall.
Finanzwerte sind ein rotes Tuch
Entsprechend sind Finanzwerte für fast alle Geldmehrer ein rotes Tuch. "Auf gar keinen Fall Einzelwetten in diesem Bereich eingehen", rät Mehrbrei. "Finger weg von den Banken, solange nicht klar ist, welche Risiken in den Bilanzen ticken", sagt Weinberger. Und Value-Investor Lingohr merkt an, dass nicht einmal einwandfreie Zahlenwerke Sicherheit vor bösen Überraschungen bieten: "Das Beispiel IKB hat uns gelehrt, dass wir bei Kreditinstituten noch genauer hinschauen müssen - selbst wenn die Kennzahlen gut aussehen." Während Finanzwerte fast einhellig gemieden werden, sind sich überraschend viele Vermögensverwalter einig, dass Investments im Rohstoff- und Agrarsektor das Gebot der Stunde sind. Der kürzlich erreichte Rekordstand beim Ölpreis gilt ihnen als Symptom eines Paradigmenwechsels. "Der ganze Bergwerks- und Energiebereich profitiert davon, dass die Notenbanken Geld ins System pumpen und damit Inflation erzeugen", sagt Hellmuth. Der Berliner erwartet zudem preissteigernde Knappheitstendenzen im Energiebereich, weshalb für ihn die europäischen Ölkonzerne Royal Dutch und OMV sowie Investments in Uran (etwa in Form eines Zertifikats) erste Wahl sind. Weinberger hält große Stücke auf den Agrarbereich: "Die Erzeugung von Lebensmitteln ist ein Wachstumssektor, der wenig Gleichlauf mit dem Aktienmarkt aufweist. Daher sind Engagements in diesem Bereich doppelt interessant." Mehrbrei nennt ein Bonuszertifikat auf den Sektor als Investment-Idee.Auch Gold darf nach Überzeugung der Profis in keinem Depot fehlen. Das Edelmetall sei nicht nur ein Schutz gegen die drohende Wiederkehr der Inflation, sondern habe von allen Anlage-Klassen die Krise technisch am besten überstanden. Allerdings scheiden sich die Geister der Asset-Manager daran, ob Sparer direkt in Gold investieren sollten oder lieber in Minenaktien.
Ganz gegen den Strom schwimmt Hendrik Leber von der Acatis-Vermögensverwaltung. Der Asset-Manager rechnet nicht nur mit einer fulminanten Jahresendrallye am Aktienmarkt. Vielmehr hat er eben erst Positionen bei der Aktie der Deutschen Bank aufgebaut, weil er dem hiesigen Branchenprimus zutraut, dank eines "exzellenten Risikomanagements" nahezu unbeschadet aus der Subprime-Krise hervorzugehen. Die Unwägbarkeiten seien im Kurs mehr als eingepreist.
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Auch Winfried Walter von Albrech & Cie. kann sich vorstellen, die Deutsche Bank im Depot zu haben. Nur hofft der Vollblutinvestor darauf, dass er die Titel im Zuge eines neuen Rücksetzers um zehn Prozent billiger bekommt als derzeit. Gleiches gilt für die BASF-Aktie. Der "undurchsichtige Moloch" Siemens vermag ihn dagegen gar nicht zu überzeugen.