Kurslücken: Nützliche Sprünge
Die obige Parole gilt nicht nur in Londons U-Bahn, sondern auch an der Börse. Denn Gaps (Kurslücken) sind stets etwas Beachtenswertes. Man muss allerdings ihre verschiedenartigen Ausprägungen kennen, um nicht einen dynamischen Aufbruch des Kursverlaufs zu neuen Ufern mit einem offenbar zu erwartenden Korrekturbedarf (Schließung einer Kurslücke) zu verwechseln.
Kurslücken sind nichts anderes als Gebiete in einem Balken- oder Kerzenchart, in denen schlichtweg kein Handel stattgefunden hat und dementsprechend auch keine Chartdarstellung möglich war. Der Chart ist damit lückenhaft. Das ist immer dann der Fall, wenn sich die gesamte Handelsspanne eines Tages (eines Balkens, einer Kerze) oberhalb des Höchstkurses des Vortages (Aufwärtsgap) oder unterhalb des Tiefststandes des Vortages (Abwärtsgap) befand. Aber – mind the gap! – jede Kurslücke hat eine unterschiedliche Bedeutung. Neben der offensichtlichen Unterscheidung in Aufwärts- und Abwärtskurslücken differenziert der Technische Analyst die verschiedenen Gap-Arten in allgemeine Lücken, Ausbruchslücken, Fortsetzungslücken und letztlich in Erschöpfungslücken. Jedes dieser Gaps erfordert eine andere Trading-Taktik.
Was drückt eine Kurslücke aus?
Zunächst einmal gibt es im Charting nichts Signifikanteres als einen echten, mit aller Dynamik zu Tage tretenden Ausbruch. Ein sprunghafter Ausbruch (Gap) weg vom ehemaligen Bewertungs- und Kursniveau ist das typische Ergebnis einer offensichtlichen und abrupten Neueinschätzung einer Aktie durch die Anleger. Die vordergründige und typische Einschätzung von Gaps geht demnach auch in die Entstehungsrichtung der Lücke: Ein Aufwärtsgap gilt als Kaufsignal, ein Abwärtsgap als Verkaufssignal. Andererseits existieren an den Börsen diverse Faustregeln wie: "Alle (oder etwa 80 Prozent der) existierenden Kurslücken werden früher oder später wieder vom Kursverlauf „geschlossen“, also wieder eingeholt."
Es besteht also durchaus ein Widerspruch zwischen der trendfolgenden Interpretation von Gaps in die Ausbruchsrichtung und dem oftmals erwarteten „Pull Back“, dem Zurücklaufen der Kurse auf ihr ursprüngliches Ausbruchsniveau. Unstrittig ist nur, dass Gaps stets eine besonders interessante Änderung im Verhältnis zwischen Angebot und Nachfrage darstellen. Sie sind ein klarer Bruch mit dem, was zuvor ein „geordnetes Verhältnis“ zwischen Käufern und Verkäufern war. Die nachfolgende Klassifizierung der unterschiedlichen Arten von Gaps wird uns helfen, diese als das zu erkennen, was sie sind und sie dementsprechend unterschiedlich für die markttechnische Einschätzung zu verwenden.
Als sehr simpel und in aller Regel vernachlässigbar gelten die allgemeinen Lücken (Common Gaps). Man findet solche Lücken in ruhigen und trendfreien Märkten, also in Seitwärts-Ranges. Sie sind gekennzeichnet von geringer Handelsaktivität in der betreffenden Aktie. Common Gaps werden in der Regel schnell wieder geschlossen, bringen aber auf Grund ihres geringen Ausmaßes keinen Handelsnutzen mit sich, da es auch keine Folgereaktionen des Kurses in die Richtung der Gap-Entstehung gibt. Allgemeine Lücken sind eher ein Ausdruck nicht vorhandenen Interesses der Anleger an einer Aktie als ein ernst zu nehmendes technisches Signal. Ein Beispiel hierfür ist auch die „Ex-Dividende-Lücke“.
Ganz anders sieht es da schon bei der so genannten Ausbruchslücke (Breakaway-Gap) aus: Sie entsteht dann, wenn die Kurse – normalerweise bei starken Umsätzen – aus einer Trendwendeformation, einer Konsolidierungszone oder einer seit längerer Zeit gültigen Trendlinie herausspringen. Solche Ausbruchslücken sind kennzeichnend für eine sprunghafte, starke und eindeutige Änderung des Massenbewusstseins und signalisieren den Beginn einer signifikanten Marktbewegung. Breakaway-Gaps können über Wochen und Monate, manchmal über Jahre hinweg offen bleiben. Wichtig ist dabei, dass bei einem eventuellen Rückschlag ein Teil des Gaps offen bleibt. Beim nachfolgend dargestellten bullishen Breakout wäre also in Richtung des Aufwärtsgaps B zu handeln, wobei ein Stopp-Loss unterhalb des unteren Randes der Lücke B anzusetzen wäre.
Abbildung 1: Mit einem klassischen Break-away-Gap (B) übersprang der Nasdaq-Index (Index der US-amerikanischen Hochtechnologieaktien) am 2. Juni 2000 seine (fallende) Abwärtstrendlinie, reetablierte die (steigende) Aufwärtstrendlinie vom Oktober 1998 und übersprang zusätzlich die gleitende 200-Tage-Durchschnittslinie. Ein Mega-Kaufsignal!
Ausbruchslücken
Ausbruchslücken sind normalerweise von steigenden Handelsvolumina begleitet. Je höher die Umsätze nach der Aufwärtslücke sind und bleiben, desto unwahrscheinlicher ist es, dass sie demnächst wieder (vollständig) geschlossen wird. Solche Aufwärtslücken stellen bei nachfolgenden Marktkorrekturen starke Unterstützungszonen dar. Dementsprechend wichtig ist, dass das untere Ende der Lücke nicht wieder unterboten wird (Stopp-Loss bzw. Reverse-Level). Eine Aufwärts-Ausbruchslücke ist ein starkes Indiz für einen möglichen beginnenden Bull-Market. Umgekehrt muss man ein Abwärts-Breakaway-Gap nach einer Topformation oder dem Bruch einer Aufwärtstrendlinie als ernstes Zeichen einer Umorientierung hin zu tieferen Kursen verstehen.
Fortsetzungslücken
Etwas gewöhnlicher und häufiger anzutreffen sind die Fortsetzungslücken (Runaway-Gap, Measuring-Gap, Continuation-Gap). Sie treten auf, nachdem eine Kursbewegung bereits einige Zeit in die gleiche Richtung gelaufen ist. Manchmal tritt dann sogar eine Serie dieser Gaps auf. Einzelne Fortsetzungslücken lassen sich erstaunlich oft ungefähr am Mittelpunkt einer Kursbewegung finden, weshalb diese Lücken auch als Measuring-Gaps (messende Lücken) bezeichnet werden. In einem Aufwärtstrend gelten Fortsetzungslücken als Zeichen von Marktstärke, in einem Abwärtstrend (siehe Abbildung 2) stellen sie ein Anzeichen für weitere Schwäche dar.
Abbildung 2: Nach dem Höchstkurs der SAP-Vorzugsaktie bei 364,14 trat die Trendwende nach unten ein. Im Abwärtskursverlauf entstand eine Fortsetzungslücke (F) bei 281,47, die nach dem Ausbruch durch die Abwärtstrendlinie nunmehr geschlossen werden sollte. Ein gutes Indiz für ein (nächstes) Kursziel. Durch die Messung der Distanz vom Ausgangspunkt der gesamten Kursbewegung (Höchstkurs bei 364,14) zu der Fortsetzungslücke F (zwischen 281,47 und ca. 262) lässt sich das verbleibende Ausmaß weiterer Kursrückgänge abschätzen, indem man beim Measuring-Gap davon ausgeht, dass noch Potenzial für einen ähnlich großen Kursrückgang besteht. Im Fall der SAP-Vorzugsaktie im Kursrückgang des Jahres 2000 hat sich diese „Gap-Erkenntnis“ gut bewährt. Die Tiefstkurse fanden sich in der Tat zwischen 200 und 180 Euro. Derartig unzweideutige Orientierungshilfen liefern allerdings nur diejenigen Fortsetzungslücken, die als erste und eindeutige Gaps innerhalb bestehender Trends als solche zu klassifizieren sind. Bei mehreren Fortsetzungslücken (Serien) verwässert diese Aussage bis hin zur Nutzlosigkeit. Continuation-Gaps sollten ferner vom Umsatz bestätigt werden. Ideal ist ein Umsatz von 50 Prozent über dem Durchschnittsumsatz der vergangenen Tage, um die Aussagekraft dieser Gaps zu erhöhen. Aber Vorsicht: Haben die Kurse einige Tage nach der Fortsetzungslücke im Aufwärtstrend keine neuen Hochs bzw. im Abwärtstrend keine neuen Tiefs erreicht, so könnte es sich auch um eine so genannte Erschöpfungslücke handeln. „Mind the gap!“
Erschöpfungslücken
Erschöpfungslücken (Exhaustion-Gaps) treten nahe dem Ende von Marktbewegungen auf. Einer solchen Lücke folgen keine signifikant tieferen Kurse in Abwärtstrends bzw. keine signifikant höheren Preise in Aufwärtstrends. Die Kurse schwanken vielmehr anschließend mehr oder weniger heftig hin und her und bilden oft Top- bzw. Bodenbildungsformationen aus. Letztendlich bewegen sich die Kurse zur Lücke zurück, um diese zu schließen – ein brauchbares Indiz für eine baldige Trendumkehr.
Abbildung 3: Zwei Fortsetzungslücken (F) bei AMD setzten bis ins Frühjahr 1999 den Abwärtstrend des amerikanischen Chipherstellers fort. Die zwei nachfolgenden Erschöpfungslücken (E) beendeten ihn letztlich und überführten den Abwärtstrend in eine Bodenbildung bzw. Seitwärtstendenz. Trotz markanter Schübe im Handelsvolumen war der Handel an den E-Tagen deutlich geringer als an den F-Tagen, was ebenfalls auf geringere Signifikanz dieser letzten beiden Gaps hindeutete.
Schließen die Kurse nach einem Aufwärtstrend unterhalb des unteren Endes der Erschöpfungslücke oder in einem Abwärtstrendverlauf oberhalb des oberen Endes des letzten Exhaustion-Gaps (vgl. Abbildung 3 bei AMD Ende April 1999), so findet der technisch orientierte Investor ziemlich eindeutige Anzeichen für eine bevorstehende Kursumkehr. Das vollständige Schließen einer als Exhaustion-Gap gekennzeichneten Kurslücke bei idealerweise steigenden Handelsumsätzen liefert einen extrem wertvollen Anhaltspunkt für eine mögliche neue Trendrichtung. Das Risiko ist für den Anleger minimal und nur auf die Größe der Kurslücke beschränkt.
Sonderformen
Übrig bleiben einige Sonderformen der Gaps, wie die recht seltene, dennoch zu einiger Popularität gelangte Insel-Umkehr (Island-Reversal). Sie ist die Kombination einer Fortsetzungs- bzw. Erschöpfungslücke in Richtung des alten, vorherrschenden Trends und einer neuen Ausbruchslücke entgegengesetzt dieser Richtung. Übrig bleibt ein Insel-Hoch oder Insel-Tief, das völlig abgeschnitten vom bisherigen und auch vom darauffolgenden Kursverlauf (da zwischenzeitlich einfach kein Handel stattfand) im Chart steht. Ein Island-Reversal kennzeichnet sehr oft größere, markante Umschwungbereiche im Kursverlauf. Handelsregel: Gehen Sie Positionen (mit Stopp) entgegengesetzt zur Trendrichtung ein, die der Insel-Umkehr vorausging.
In der Sprache der japanischen Kerzencharts (Candlesticks) spricht man bei der technischen Marktanalyse nicht von Gaps, sondern von Windows (Fenstern). Windows stellen Lücken zwischen den Kerzenkörpern dieser Candlesticks dar, die wiederum durch das Ausmaß der Differenz von Eröffnungs- zu Schlusskursen ihre Form und Farbe erhalten. Solche Fenster sind beispielsweise essenziell (notwendige Bedingung) für nahezu alle so genannten „Star-Formationen“ im japanischen Candlestick-Charting. Neugierig geworden? Die Serie über die uralte, aber hochmoderne, japanische Art des Chartreadings (Japanese Candlestick Charting) startet voraussichtlich im Februar 2001 im Technical Investor.
Merke:
In der Candlestickanalyse werden Gaps als Fenster (Windows) bezeichnet. Fenster sind ein wichtiger Anhaltspunkt für Chartisten. Über 80 Prozent aller Gaps werden wieder geschlossen – früher oder später.
Quelle: Technical Investor Nr. 2, Aug. 2000, S. 28