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neue SPIEGEL-ONLINE-Serie

 
14.02.02 12:20
SPIEGEL ONLINE - 14. Februar 2002, 11:08
 http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,179261,00.html

SPIEGEL-ONLINE-Serie

Die Wahlversprechen des Gerhard S.

Zehn "gute Gründe" nannte Gerhard Schröder 1998 auf einer kleinen Karte den Wählern dafür, warum sie ihn zum Bundeskanzler küren sollten. SPIEGEL ONLINE hat die Karte aufbewahrt und beschreibt in einer Serie, was aus den Wahlversprechen wurde. Lesen Sie heute Teil 1: "Mehr Arbeitsplätze"

Serie Schröders Wahlversprechen (1):

Das Riester-Desaster  

Klicken Sie auf die einzelnen Versprechen, um zu erfahren,
ob sie gehalten wurden. Täglich kommt ein neues hinzu.

neue SPIEGEL-ONLINE-Serie 576721




Antworten
Happy End:

Wusste gar nicht, dass Stoiber den SPIEGEL

 
14.02.02 12:23
für seinen Wahlkampf engagiert hat (s.Rede am Aschermittwoch)

*ggg*
Antworten
maxperforma.:

*lol* super mod

 
14.02.02 12:23
sowas ist hier allerdings tabu

fast schon faschistoid - wie schnorrer sagen würfe
Antworten
mod:

@maxperformance

 
14.02.02 12:29
Wer versammelt sich hier an einem Arbeitstag?
Schwänzende Schüler? Verzweifelte Arbeitslose? Frustrierte Beamte?
Geschichtsfälscher! Uninformierte?

Viele Grüsse
Antworten
maxperforma.:

richtig mod

 
14.02.02 12:31
jetzt werden die sicher fragen warum wir hier sind.

Hab kein Problem damit.
Antworten
Grinch:

@mod: Du hast vergessen:

 
14.02.02 12:34
- geisteskranke Alkoholiker
- exmatrikulierte Studenten
- schwule Theologie-Studenten
- verliebte Grinchs
- Ruhrpottler
- Wickinger
- Paranoide Tage(szeiten)
- premenstruale Rächerinnen
- uvm.

grinchige Grüße
Antworten
Happy End:

@Grinch: Du hast vergessen:

 
14.02.02 12:36
- Happy End
Antworten
Levke:

Hätte Kohl doch bloss gewonnen........

 
14.02.02 12:39
Verdrängung durch Zuversicht

-10 Punkte zum unbewußten Plan des öffentlichen Menschen Kohl

1. Dieser Kanzler hat es 16 Jahre lang vermocht, die stets steigende Arbeitslosigkeit als gegeben und unabwendbar hinzunehmen und auszusitzen, während er unablässig vom »Kampf gegen die Arbeitslosigkeit« tönte. Darin und in der sich damit einstellenden Gleichgültigkeit aller bestand die geistig-moralische Wende für die Moral in der Bundesrepublik Deutschland.

2. Dieser Kanzler zusammen mit seinem Generalsekretär Geissler hat zugelassen, daß die Partei der Grünen ins arithmetische Kalkül der Machterhaltung und Kräftebalance einbezogen wurde (»rot-grünes« Lager). Die Verankerung der grünen Ideologien als gesellschaftlicher Block sowohl in Bürokratie als auch Gesetzgebung verdankt sich nicht nur den Fehlentscheidungen Willy Brandts Ende der siebziger und Anfang der achtziger Jahre mit der Folge der Vergrünung der Sozialdemokratie, sondern auch dem Opportunismus der christlich-demokratisch geführten Regierung, die der nicht nur »postindustriellen«, sondern gegenindustriellen veröffentlichten Meinung aus Bequemlichkeit nachgab, während sie die grüne Partei als totes Gewicht an und in der sozialdemokratischen Partei zu vergrößern mithalf.

3. Dieser Kanzler hat nie auch nur einen Augenblick geistiger Anstrengung darauf verwendet, Wirtschaft und Finanz so weit zu verstehen, daß er hätte sachlich notwendige und logische Entscheidungen in der Wirtschaftspolitik selbständig treffen können. Er hat die Wirtschaft gewähren lassen und seinem Auftrag, die Richtlinien aller Politik zu bestimmen, nur insoweit entsprochen, als er der Beratung seines kundigsten Freundes, Alfred Herrhausen gefolgt ist, solange dieser lebte.

4. Noch vor der Wahl hat Hannelore Kohl bekundet, daß der Mord an dem Freunde Herrhausen sie persönlich am tiefsten getroffen habe. Das kann man getrost auch für Helmut Kohl unterstellen. Dennoch hat er, wie auch später nach dem Mord an Detlev Karsten Rohwedder, nichts unternommen, um seinem Innenminister Schäuble und dem ihm unterstehenden Sicherheitsapparat als allerdringlichste Auftrag vorzuschreiben, diesen Mord lückenlos und endgültig aufklären und ahnden zu lassen. Für seine Fähigkeit, das Kanzleramt intelligent auszuüben, war das der schwerste Verlust. Von den Mördern war dieser Verlust beabsichtigt. Und diese absichtlich herbeigeführte Schwächung seiner Fähigkeit zu Führung hätte von seiten des Kanzlers eine unnachsichtige, mit allen krimininalistischen, geheimdienstlichen und rechtsstaatlichen Mitteln verfolgte Sühne verlangt. Vor dieser Probe seines Mutes und seiner Fähigkeit, um mehr zu kämpfen als nur das Recht, den ewigen Vorsitz zu führen, ist Helmut Kohl ausgewichen.

5. Der Parteipolitiker Kohl war vom Beitrittsbegehren der DDR-Bevölkerung ins D-Mark-Land so mitgerissen, daß er der zeitweiligen Geldgier der sparenden und verdrängenden Klasse der DDR nachgab und den DDR-Bürgern eine D-Mark für ihre eine bzw. zwei Ostmark zum Tausch gab, obwohl die Leistungsfähigkeit des dem Volk der DDR gehörenden Produktionsapparates nur einen Bruchteil dieses Wertes betrug. Es handelt sich vom Westen aus gesehen um eine widerrechtliche Vermögensübertragung, zu der selbst der Kanzler nicht berechtigt war, vom Osten aus gesehen um eine Abwertung des Produktions- zugunsten des Geldvermögens vom Beginn der Währungsunion an.

6. Dieselbe Souveränität über die Währung und damit das Produktiv- wie Geldvermögen, die er sich mit der Festlegung des Umtauschkurses von 1:1 angemaßt hatte, hatte er zuvor auf den Druck seines Staatsfreundes Mitterand hin aufgegeben, als er der Einführung der Wirtschafts- und Währungsunion unter den damals noch von Frankreich diktierten Bedingungen zustimmte.

7. Die Erlangung der Souveränität für ein neu geeintes Deutschland hatte, wie die »Sonderedition aus den Akten des Bundeskanzleramtes« belegt, zwei Einschränkungen derselben Souveränität zur Voraussetzung: die bedingungslose Durchsetzung nicht nur des Fortbestandes der NATO, sondern auch den käuflichen Erwerb der Zustimmung der Sowjetunion zum Verbleib des erweiterten Deutschlands im nordatlantischen Bündnis. Was Ludendorff 1918 in Brest-Litowsk mit  dem Druck der Divisionen gelang, schaffte Kanzler Kohl mit der Lockung von Milliarden. Daß Rußlands Staat heute nicht nur bankrott, sondern auch durch den Raubkapitalismus verkommen ist, hat auch in dem Tausch NATO gegen Geld seine Ursachen.

8. Helmut Kohl und Hans-Dietrich Genscher haben während ständiger und enger Konsultationen mit der amerikanischen Regierung Bush im Rahmen der Zwei-plus-Vier-Verhandlungen über Deutschlands Vereinigung nicht nur zugelassen, daß Präsident Bush freie Hand erhielt, mit einem High-Tech-Massaker den Irak von der Stufe eines durch Krieg geschwächten industrialisierten Schwellenlandes in ein Land zurückzubomben, das danach weder eine hinreichende Nahrungsmittelversorgung noch eine für industrielle Entwicklung grundlegende Infrastruktur besaß. Für das Abschlachten auch der Zivilbevölkerung durch einen Bombenterrorkrieg, der noch das übertraf, was Deutschlands Zivilbevölkerung im Zweiten Weltkrieg zu erleiden hatte, hat Helmut Kohl der amerikanischen Regierung Milliarden angeboten – mehr als diese gefordert hatte – und gezahlt, weil es der Bundesrepublik selbst nicht erlaubt war, auf die arabische Halbinsel Soldaten zu schicken. Von Helmut Kohls Regierung hat man damals bis heute auch nie eine öffentliche Frage oder Erwägung gehört, ob dieser lange geplante Krieg gegen den Irak gerechtfertigt war, wiewohl die Tatsachen und Ereignisse, die zu diesem Krieg der USA geführt hatten, bereits vor seinem Beginn bekannt waren und seine Rechtfertigung darum mehr als fragwürdig war.

9. Helmut Kohl hat im Verein mit seinem Nachfolger Schäuble zugelassen, daß die Verblendungen des neoliberalen Extremismus der F.D.P. den Kurs der Regierung so weit bestimmen konnten, daß in Verbindung mit den Selbsteinschränkungen und Selbstverpflichtungen des Vertrages von Maastricht die überkommene Massenverankerung der CDU wissentlich (und womöglich auch willentlich) zerstört wurde. Von diesem grundlegenden Kurswechsel her datiert der Niedergang der CDU. Die auf Druck von FDP und kapitalistischen Verbandsbürokraten beschlossene Beschneidung der Lohnfortzahlung und die Welle des Arbeiterprotestes direkt gegen deren Verfasser im Unternehmerlager markieren den Beginn des Verlustes jener Massenmehrheit, die am Sonntag Gerhard Schröder zugefallen ist.

10. Helmut Kohl ist (für den deutschen Teil) allein verantwortlich für die Herbeiführung des Monstrums von Maastricht und damit auch mitsamt all denen, die er zur Zustimmung gedrängt hat, für die Folgen, die sich aus den völkerrechtlichen Beschränkungen der Handlungsfähigkeit einer deutschen Regierung mit Einführung des EURO ab Anfang nächsten Jahres fühlbar machen werden. Er ist allein verantwortlich, weil er nach der Devise »Verdrängung durch Zuversicht« darauf verzichtet hat, die Ansichten des deutschen Volkes zur Aufgabe der nationalen Währung (und Souveränität) zu hören und dessen Willen in einem Volksentscheid zur Geltung kommen zu lassen. Das Bundesverfassungsgericht hat ihm bei dieser äußersten Überdehnung seiner Richtlinienkompetenz geholfen, während der stets willige Opportunismus der halbamtlichen politischen Klasse im Bundestag aus Mangel an Übersicht und Einsicht dem stets zuversichtlichen Bundeskanzler fahrlässig seine Zustimmung gab.


Antworten
Happy End:

Chapeau!

 
14.02.02 12:41
Antworten
mod:

aber armer Levke, wer ist denn schon für

 
14.02.02 12:42
KOHL?

Nostalgie?
Antworten
Levke:

Sorry mod - wollte nur die Stimmung im

 
14.02.02 12:45
Jahre 1998 in Erinnerung rufen; es war Zeit für einen
Wechsel.......jetzt wieder ?
Antworten
Neee Max!:

Kohl oder Rotkohl - das ist hier die Frage. o.T.

 
14.02.02 12:45
Antworten
Grinch:

@HE: Asche auf mein Haupt!!!

 
14.02.02 12:48
Nachtrag zu Posting- Nr. 6:

- Happy End
- motoriesierte Männer
- Aktientypen
- Jahresanfänge
- Kinderbuch-Hauptfiguren
- Arbeiter
- Tote Stiere
- Egozentriker
- Geschäftsfrauen
- Astrid-Lingren-Erzeugnisse


So ich glaub jetzt hab ich alle!!! ;-))

Antworten
mod:

Levke, zur Erinnerung

 
14.02.02 12:49
Es geht nur darum,

die vollmundigen Versprechungen des Regierenden

auf den Prüfstand zu stellen.


Die politisch Toten interessieren nicht mehr.

.. oder interessieren Dich noch Deine bankrotten Kunden von gestern?

Viele Grüsse nach Hamburg
Antworten
ruhrpottzocker:

Sehr informativ, mod ! Aber die Antworten ? o.T.

 
14.02.02 12:53
Antworten
chartgranate:

sauber recherchiert levke

 
14.02.02 13:15
immer wieder notwendig aufzuzeigen,wo manche strukturellen Kernprobleme ihre Ursache und Wurzel haben um das heutige Affentheater called politischer Wahlkampf und so manche polemische Schuldzuweisung an unterschiedlichsten Dingen für manche mal wieder in ein realistisches Licht zu rücken.Die momentan bescheidene Situation hat halt doch mehr Väter als nur die ruhige Hand,und es tut manchmal not daran zu erinnern.So ist das halt mod,wenn mein eigenes Geschäft durch den einen bankrott gegangenen Kunden richtig ins Trudeln geraten ist und jetzt aber alle nur an meiner wirtschaftlichen Kompetenz zweifeln(und dann auch noch der Sohn dieses Kunden),dann bleibt er doch immer wieder interessant der Kunde........
Antworten
mod:

@chartganate, Einspruch Euer Ehren!

 
14.02.02 13:26
Dann müsste man konsequentersweise
auch analysieren, unter welchen ökonomischen und politischen Rahmenbedingungen es zu der Situation von 1998 gekommen ist.
Ich will hier nichts exkulpieren, sondern nur die
logische Konsequenz aufzeigen.

Aber als Pragmatiker interessiert mich persönlich mehr die Gegenwart und die Problembewältigungsstrategie der Regierenden, falls vorhanden.

Viele Grüsse
Antworten
mod:

Eine kleine Ergänzung:

 
14.02.02 14:51
1 Die Vielzahl der klein- und mittelständischen
   Unternehmen in Deutschland

 1.1 schafft die überwiegende Zahl der neuen Arbeits- und
      Ausbildungsplätze,
 1.2 leistet den grössten Anteil am Bruttoinlandsprodukt,
 1.3 zahlt den grössten Anteil an Steuern der
      Unternehmen.

2 Die Grossunternehmen dagegen

 2.1 bauen in rezessiven Phasen überproportional
      Arbeitsplätze ab,
 2.2 zahlen durch Gewinnverlagerung ins Ausland
      unwesentlich Steuern.

Diese Behauptungen sind durch eine Vielzahl von wissenschaftlichen Untersuchungen belegbar.

3 Unter diesen Aspekten ist es unverständlich, dass durch
  die Steuerreform
  den Grossunternehmen 2001 ca. 50 Milliarden DM
  Körperschaftssteuer
  erlassen wurde.


Quelle: Bundesfinanzministerium

Mein Kommentar: Das ist eine wesentliche "Leistung" der Regierung.
         
 
   
Antworten
mod:

Das Riester-Desaster

 
15.02.02 15:19
SPIEGEL ONLINE - 14. Februar 2002, 15:52
URL: www.spiegel.de/wirtschaft/0,1518,182338,00.html

Serie Schröders Wahlversprechen

Das Riester-Desaster

Von Michael Kröger

Mit dem Versprechen, die Arbeitslosenzahl auf 3,5 Millionen zu senken, wurde Gerhard Schröder 1998 Bundeskanzler. Nach drei Regierungsjahren sieht die Bilanz düster aus. Von keinem Ziel ist Schröder weiter entfernt als von der magischen 3,5 Millionen-Marke.

 
DDP

Regulierungen mindern die Chancen: Arbeitssuchende im Arbeitsamt Stralsund


"Mehr Arbeitsplätze" - so lautete der erste und wichtigste jener "neun guten Gründe" auf der Wahlkampfkarte, mit denen der SPD-Spitzenkandidat Gerhard Schröder 1998 die Wähler auf seine Seite zog. Das Versprechen galt selbst unter Fachleuten als wenig anspruchsvoll: Unter die 3,5-Millionen-Marke werde die SPD die Arbeitslosigkeit bis zum Jahr 2002 senken, kündigte der damalige Kohl-Herausforderer an.

Hilflos mussten die CDU-Wahlkämpfer zusehen, wie er damit Wählerstimmen abräumte. Anziehende Konjunktur, der beginnende Boom in der New Economy - alles schien den Erfolg zu programmieren. Selbst ein breiter gesellschaftlicher Konsens über die längst überfälligen Reformen zeichnete sich ab.

Was also sollte schief gehen? Kein Wunder, dass der Kandidat vor Selbstbewusstsein strotzte. "Wenn wir es nicht schaffen, die Arbeitslosigkeit signifikant zu senken, dann haben wir es nicht verdient, wiedergewählt zu werden", verkündete Schröder am 21. September 1998.

Dreieinhalb Jahre später ist alles anders. Ein ums andere Mal korrigierten die Konjunkturexperten ihre Prognosen nach unten, die New-Economy-Blase ist längst geplatzt. Die Stimmung zwischen Arbeitgebern und Gewerkschaften ist so schlecht wie lange nicht mehr und an das Bündnis für Arbeit glauben nur noch unverbesserliche Optimisten. Wie ernst die Lage ist, belegt eine Forsa-Umfrage im Auftrag des "Stern": Danach glauben 52 Prozent der Deutschen, dass Schröder die Wahl im September verlieren könnte, sollten die Arbeitslosenzahlen nicht wesentlich sinken.

 
Hat Kanzler Schröder immer noch gut lachen?


In keinem Bereich ist die Regierung so weit hinter ihren Zielen zurückgeblieben, wie im Kampf gegen die Arbeitslosigkeit. Zwar stieg im Zuge des Aufschwungs der vergangenen Jahre die Zahl der Erwerbstätigen um eine knappe Million an. Doch dieser Zuwachs speiste sich zum größten Teil aus der von Arbeitsmarktexperten so genannten stillen Reserve, also Erwerbsfähigen, die nicht arbeitslos gemeldet waren. Die Zahl der registrierten Arbeitslosen ist dagegen mittlerweile über das Niveau vom September 1998 gestiegen. 4,29 Millionen Erwerbslose meldete die Bundesanstalt für Arbeit in der vergangenen Woche, 324.000 mehr als bei Schröders Regierungsantritt. Bis zur Wahl, da ist man sich selbst im Regierungslager einig, sind allenfalls kosmetische Korrekturen an dieser Bilanz möglich.

Konjunkturflaute in den USA als Sündenbock

Natürlich fehlt es nicht an wohlfeilen Entschuldigungen. Deutschland könne sich schließlich nicht gegen den weltweiten Abschwung stemmen, rechtfertigt sich Schröder, der immer wieder auf die unerwartet lange Flaute in den USA hinweist. Diese wirke als echte Wachstumsbremse - mit entsprechenden Konsequenzen für den Arbeitsmarkt.

Das lassen die Experten aber allenfalls zum Teil gelten. Hätte die Regierung längst überfällige Deregulierungsmaßnahmen durchgeführt, sähe es auf dem Arbeitsmarkt weniger desolat aus, argumentiert der Wirtschaftsweise Bert Rürup. Meinhard Miegel, Chef des Bonner Instituts für Wirtschaft und Gesellschaft, schlägt in dieselbe Kerbe. Allenfalls 400.000 bis 500.000 Arbeitslose seien der schlechten Wirtschaftslage geschuldet: "Der größte Teil ist jedoch auf strukturelle Ursachen zurückzuführen. Und die sind hausgemacht."

Schon zu Zeiten der Kohl-Regierung war Deutschland Wachstums-Schlusslicht in Europa, war von Gründermentalität und Erfindungsreichtum früherer Jahrzehnte nicht mehr viel geblieben. Die Wirtschaft war ausgerechnet unter einer konservativen Regierung erstarrt. Statt unternehmerisch tätig zu werden, bevorzugte Deutschlands Jugend Beamtenjobs und Angestelltenkarrieren. Trotz vollmundiger Ankündigungen ist es den Sozialdemokraten nicht gelungen, das Land auf neuen Kurs zu bringen. Im Gegenteil.

Wo die Wurzeln der Lähmung zu finden sind, wo wahre Reformen verhindert wurden, darüber sind sich die Experten weitgehend einig: im Arbeitsministerium. Bereits wenige Monate nach seiner Amtseinführung hatte Walter Riester, Schröders Mann für die Arbeit, damit begonnen, die Arbeitswelt in seinem Sinne neu zu ordnen. Doch mit jeder Neuregelung wurde das deutsche Arbeitsmarktrecht bürokratischer und unbeweglicher.

Beispiel Kündigungsschutz: Den hatte die Regierung Kohl ebenso wie die Lohnfortzahlung im Krankheitsfall zurückgestutzt, um das Risiko von Neueinstellungen für die Betriebe zu vermindern. Kaum im Amt, dreht Riester das Rad wieder zurück. Bei Umfragen nennen inzwischen 65 Prozent der Unternehmen den Kündigungsschutz als entscheidenden Hinderungsgrund für die Einstellung neuer Mitarbeiter. Besonders kleine und mittelständische Betriebe könnten sich die Entlassung von Mitarbeitern kaum leisten, wenn es später nicht mehr so gut läuft.

Das Gleiche gilt für die Betriebliche Mitbestimmung, die Riester den modernen Ansprüchen der Arbeitnehmer anpasste. Unter anderem sah die Novelle vor, dass Betriebe ab 200 Mitarbeitern - statt wie zuvor 300 - einen Betriebsrat von der Arbeit freistellen müssen. Das "Erfolgsmodell Betriebliche Mitbestimmung" sei endlich fit für die Zukunft, frohlockte der Minister damals.

Das entpuppte sich aber vielerorts als echter Job-Killer. In dem Göttinger Installationsbetrieb von Andrea Ruhstrat zum Beispiel mussten mit Inkrafttreten des Gesetzes im Juli vergangenen Jahres 16 Mitarbeiter den Betrieb verlassen, weil Ruhstrat sich die 50.000 Euro für einen hauptamtlichen Betriebsrat nicht leisten konnte.



 
DPA

Gewerkschafter im Ministergewand: Walter Riester


Auch das 325-Euro-Gesetz zur Schaffung zusätzlicher regulärer Teilzeitstellen brachte nicht die erhoffte Wirkung. Mit der Regelung floss die zuvor übliche Pauschalsteuer den Sozialkassen zu. Gleichzeitig wurden die Minijobs aber nur noch für Studenten, Rentner oder Hausfrauen attraktiv. Denn wer eine 325-Euro-Stelle zum Nebenverdienst neben einem anderen Job nutzt, muss seitdem den Zuverdienst voll versteuern.

So hat Riester zwar erreicht, dass mehr Rentner, Arbeitslose und Studenten einen 325-Euro-Job fanden. Aber als Ergänzungsjob für Berufstätige lohnt er sich kaum noch. Insgesamt ist darum die Zahl der 325-Euro-Jobs gleich geblieben, bestätigt Gerhard Kleinhenz, Leiter des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung der Bundesanstalt für Arbeit (IAB).

Wenig Chancen für Existenzgründer

Einen ähnlichen Bremseffekt hatte das Gesetz zur Verhinderung der Scheinselbständigkeit. In der neunziger Jahren wurden häufig selbst Kellner oder Fleischer in Schlachthöfen von ihren Chefs zu Selbstständigen erklärt. Sie erhielten keinen festen Lohn mehr und zahlten nicht in die Sozialkassen ein, ihre Arbeitgeber sparten so die Sozialbeiträge. Tatsächlich gelang es Riester mit dem Gesetz, den Trend zum Outsourcing einzelner Mitarbeiter einzudämmen. Doch gleichzeitig baute er eine viel zu hohe Hürde für echte Existenzgründer. Ein junger Computerfachmann etwa kann sich mit nur ein, zwei Großkunden kaum noch selbständig machen. So verhindert das Gesetz, dass er eines Tages selbst Arbeitsplätze schafft.

Der nächste Flop war das neue Recht auf Teilzeitarbeit, das seit Jahresbeginn 2001 gilt. Eine Million neue Jobs versprach sich Arbeitsminister Walter Riester davon. Sein Kalkül: Wenn die Menschen weniger arbeiten, verteilt sich die vorhandene Arbeit auf mehr Köpfe. Tatsächlich aber entpuppte sich das Gesetz als Job-Blocker für die Frauen. Denn bei ihnen vermuten viele Betriebe, dass sie eines Tages ihr Recht auf Teilzeit geltend machen - und stellen deshalb noch lieber als bisher schon Männer ein.

Auf diesem Weg verpasste die Regierung Schröder ihre größte Chance: Die massenhafte Schaffung von neuen Jobs während des Konjunkturhochs. Denn nur in dieser Phase der Expansion hätte die Deregulierung des Arbeitsmarktes tatsächlich mehr Menschen in Lohn und Brot bringen können. Zum jetzigen Zeitpunkt dagegen, wo die Unternehmen ohnehin die Kosten drücken müssen, würden Lockerungen wie etwa die Aufhebung des Kündigungsschutzes vermutlich nur noch mehr Arbeitslose erzeugen.

Bündnis für Arbeit gescheitert

 
DDP

Club der Besitzstandswahrer: Bündnis für Arbeit


Vor diesem Hindergrund konnte auch das Bündnis für Arbeit nicht gedeihen. Das Projekt, das Schröder einst als "das wichtigste" der gesamten Legislaturperiode gepriesen hatte, erstarrte zum Bündnis für Stillstand. Siebenmal seit dem Regierungswechsel hatten sich die Spitzen von Wirtschaft und Gewerkschaften zu Gesprächen im Kanzleramt getroffen. Sie diskutierten über fast alles: die Einführung eines Niedriglohnsektors, die Subventionierung von Löhnen, den Abbau von Überstunden. Sachverständige hatten kladdendicke Gutachten ausgearbeitet, doch die Positionen der Bündnispartner drifteten immer weiter auseinander.

Immerhin gelang es Schröder in den ersten zwei Regierungsjahren, die Gewerkschaften zu maßvollen Lohnforderungen zu überreden. Doch inzwischen sind die Reihen wieder fest geschlossen. Die moderaten Töne zwischen den Verhandlungspartnern gehören der Vergangenheit an. Während der DGB - unterstützt durch die Riester-Reformen - strenge Regeln für den Arbeitsmarkt verlangt und gleichzeitig ein Ende der Bescheidenheit ankündigt, wollen die Arbeitgeber die flaue Konjunktur nutzen, um Deregulierungen durchzusetzen. So ist das Bündnis für Arbeit zu einer Runde von Besitzstandswahrern verkommen. "Ganze Randgruppen wie zum Beispiel die Arbeitslosen", sagt ein Minister, "haben in diesem Spiel keine Lobby."

Dass Schröder in dieser verfahrenen Situation das Ruder noch herumreißen kann, daran glaubt in Expertenkreisen niemand - zumal eine Wirkung für den Arbeitsmarkt noch vor der Wahl kaum zu erwarten ist. Aktionen wie das vor kurzem eingeführte Kombilohn-Modell lassen die Ohnmacht der Regierung dabei nur um so deutlicher zu Tage treten. Von der Maßnahme, die durch Subventionierung von Niedriglöhnen Geringverdienern eine Chance auf dem Arbeitsmarkt eröffnen soll, sind lediglich 15.000 bis 20.000 Jobs zu erwarten. "Purer Aktionismus", schimpft der Wirtschaftsweise Rürup.

Bleibt als einzige Hoffnung, dass in der zweiten Jahreshälfte die Konjunktur wieder anspringt. Doch auch in diesem Fall bezweifeln Fachleute, dass sich dadurch in nennenswertem Umfang Arbeitslose in Lohn und Brot kommen. Denn viele Jobsuchende bringen nicht die Qualifikation mit, die etwa von Handwerkskammern verlangt werden - ein Problem, dass Riester allerdings von der Vorgängerregierung geerbt hat. Sozialforscher Miegel bringt es auf den Punkt: "Wenn eine gute Fee uns über Nacht zwei Millionen neue Jobs zaubern würde, dann hätten wir ein ernstes Problem, sie zu besetzen".

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