Biowaffen: Terroristen könnten sowjetisches Know-how nutzen
Von Marina Zapf
Biologische Kampfstoffe aus dem Rüstungsprogramm der Ex-Sowjetunion bergen noch heute ein unüberschaubares Gefahrenpotenzial.
Moskau hat zwar 1992 seinem umfangreichen offensiven B-Waffenprogramm offiziell abgeschworen. US-Geheimdienstquellen bewerten es aber als zumindest unsicher, ob das Programm tatsächlich gestoppt wurde. Nach Aussagen hochrangiger Kenner von Biowaffenprojekten, die in die USA übergelaufen sind, wird in russischen Labors weiter an waffenfähigen Erregern für Pest oder Pocken gearbeitet.
Das Risiko, dass Terroristen das Netz von rund 60 Forschungsstellen für ihre Zwecke nutzen könnten, wird von westlichen Wissenschaftlern bestätigt. Mit Kasachstan und Usbekistan verfügen zudem zwei muslimische Ex-Mitglieder des Sowejtreiches über Einrichtungen zur Erforschung und Herstellung von B-Waffen und Testgelände.
Tausende Tonnen Milzbrand- und Pockenerreger
Diese Staaten seien möglicherweise für Anliegen islamischer Bruderstaaten, sei es von Terroristengruppen oder Geheimdiensten, "ansprechbarer" als andere, vermutet der ABC-Waffenexperte Oliver Thränert von der Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP). "Es ist offen, ob Bio-Kampfstoffe aus dem sowjetischen Programm in die Hände von Terroristen geraten sind."
Das Henry L. Stimson-Center in den USA führt in einer Studie über B-Waffen-Verbreitungsgefahren "Tausende Tonnen" gelagerter Anthrax-, Pocken- und Pesterreger an. Wellen schlug 1997 auch eine veröffentlichte russische Forschungsarbeit über "unsichtbares Anthrax", dessen Bakterien durch eine genetische Übertragung so verändert worden seien, dass weder Impfungen noch Nachweisverfahren ansprängen, warnt das Sunshine Projekt, eine internationale Organisation über B-Waffen in Hamburg.
Vermutlich wird an verschiedenen Orten der untergegangenen Sowjetunion geheim geforscht. Neben Aralsk und Stepnogorsk in Kasachstan sowie einer Insel im Aralsee zählt vor allem Sverdlovsk dazu. Die offiziell zu einer Impfstofffabrik umgerüstete Anlage in der Stadt sei zum Teil für den Umgang mit gefährlichen Substanzen modernisiert worden, berichtete 1997 ein Überläufer namens Tulykin in US-Medien. Tulykin fragt sich, warum besagter "Compound 19" von 200 Soldaten mit Rottweilern patrouilliert werde.
Nachgewiesen indes ist nichts: Wissenschaftler aus den USA oder Deutschland können einige russische Forschungsstätten besuchen, aber eben nicht alle. Dennoch halten US-Experten es für unwahrscheinlich, dass Terroristen sowjetischen Sachverstand angeworben haben. "Die Verbreitung von B-Waffen-Forschern aus ehemaligen Sowjet-Einrichtungen in Risikoländer war minimal", schreibt Milton Leitenberg, Bedrohungsexperte der University of Maryland. Nur wenige seien ausgewandert, davon 90 Prozent in die USA, Westeuropa oder Israel. Von 60.000 Menschen, die auf allen Ebenen an B-Waffen-Programmen beteiligt gewesen sein sollen, könnten vermutlich nur etwa 100 Topexperten die Produktion waffenfähiger Organismen von Anfang bis Ende nachvollziehen.
© 2001 Financial Times Deutschland
Von Marina Zapf
Biologische Kampfstoffe aus dem Rüstungsprogramm der Ex-Sowjetunion bergen noch heute ein unüberschaubares Gefahrenpotenzial.
Moskau hat zwar 1992 seinem umfangreichen offensiven B-Waffenprogramm offiziell abgeschworen. US-Geheimdienstquellen bewerten es aber als zumindest unsicher, ob das Programm tatsächlich gestoppt wurde. Nach Aussagen hochrangiger Kenner von Biowaffenprojekten, die in die USA übergelaufen sind, wird in russischen Labors weiter an waffenfähigen Erregern für Pest oder Pocken gearbeitet.
Das Risiko, dass Terroristen das Netz von rund 60 Forschungsstellen für ihre Zwecke nutzen könnten, wird von westlichen Wissenschaftlern bestätigt. Mit Kasachstan und Usbekistan verfügen zudem zwei muslimische Ex-Mitglieder des Sowejtreiches über Einrichtungen zur Erforschung und Herstellung von B-Waffen und Testgelände.
Tausende Tonnen Milzbrand- und Pockenerreger
Diese Staaten seien möglicherweise für Anliegen islamischer Bruderstaaten, sei es von Terroristengruppen oder Geheimdiensten, "ansprechbarer" als andere, vermutet der ABC-Waffenexperte Oliver Thränert von der Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP). "Es ist offen, ob Bio-Kampfstoffe aus dem sowjetischen Programm in die Hände von Terroristen geraten sind."
Das Henry L. Stimson-Center in den USA führt in einer Studie über B-Waffen-Verbreitungsgefahren "Tausende Tonnen" gelagerter Anthrax-, Pocken- und Pesterreger an. Wellen schlug 1997 auch eine veröffentlichte russische Forschungsarbeit über "unsichtbares Anthrax", dessen Bakterien durch eine genetische Übertragung so verändert worden seien, dass weder Impfungen noch Nachweisverfahren ansprängen, warnt das Sunshine Projekt, eine internationale Organisation über B-Waffen in Hamburg.
Vermutlich wird an verschiedenen Orten der untergegangenen Sowjetunion geheim geforscht. Neben Aralsk und Stepnogorsk in Kasachstan sowie einer Insel im Aralsee zählt vor allem Sverdlovsk dazu. Die offiziell zu einer Impfstofffabrik umgerüstete Anlage in der Stadt sei zum Teil für den Umgang mit gefährlichen Substanzen modernisiert worden, berichtete 1997 ein Überläufer namens Tulykin in US-Medien. Tulykin fragt sich, warum besagter "Compound 19" von 200 Soldaten mit Rottweilern patrouilliert werde.
Nachgewiesen indes ist nichts: Wissenschaftler aus den USA oder Deutschland können einige russische Forschungsstätten besuchen, aber eben nicht alle. Dennoch halten US-Experten es für unwahrscheinlich, dass Terroristen sowjetischen Sachverstand angeworben haben. "Die Verbreitung von B-Waffen-Forschern aus ehemaligen Sowjet-Einrichtungen in Risikoländer war minimal", schreibt Milton Leitenberg, Bedrohungsexperte der University of Maryland. Nur wenige seien ausgewandert, davon 90 Prozent in die USA, Westeuropa oder Israel. Von 60.000 Menschen, die auf allen Ebenen an B-Waffen-Programmen beteiligt gewesen sein sollen, könnten vermutlich nur etwa 100 Topexperten die Produktion waffenfähiger Organismen von Anfang bis Ende nachvollziehen.
© 2001 Financial Times Deutschland