Unternehmen > Zukunftsatlas Zukunftsatlas 2006: Überblick HANDELSBLATT, Freitag, 03. Februar 2006, 17:06 Uhr
Branchen und Regionen im Fokus![Muskelprotz Deutschland 2370560]()
Deutschlands Kraftzentren![Muskelprotz Deutschland 2370560]()
Von Dieter Fockenbrock und Olaf Storbeck ![Muskelprotz Deutschland 2370560]()
Wenn Unternehmer, Wissenschaftler und Politiker ihre Kräfte bündeln, profitieren sowohl die Wirtschaft als auch der Staat. Erfolgreiche „Cluster“ gedeihen vor allem im Südwesten, zeigt eine Prognos-Studie.![Muskelprotz Deutschland 2370560]()
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HB DÜSSELDORF. Der berühmte britische Nationalökonom Alfred Marshall geriet bei dem Thema ins Schwärmen: „Die Geheimnisse der Gewerbes verlieren das Geheimnisvolle, sie liegen dort sozusagen in der Luft“, schrieb der Begründer der modernen Wirtschaftswissenschaften im Jahre 1890 über die Vorteile „industrieller Distrikte“, in denen sich die Textilindustrie von Manchester ballte. Den Begriff „Cluster“ sollte zwar erst der Harvard-Professor Michael E. Porter diesem Phänomen 100 Jahre später geben – das Grundprinzip hatte Marshall aber bereits glasklar erkannt: Unternehmen aus einer Branche, die sich in einer Region konzentrieren und miteinander kooperieren, haben enorme Vorteile.
Davon profitieren nicht nur die Unternehmen, sondern auch die betreffenden Regionen – durch steigende Beschäftigung, höhere Einkommen und sprudelnde Steuereinnahmen. In Zeiten von fünf Millionen Arbeitslosen, wachsendem Standort-Wettbewerb und rasantem wirtschaftlichen Strukturwandel genießt die Bildung und Förderung wirtschaftlicher Kompetenzzentren bei Wirtschaftspolitikern oberste Priorität. Auch in der Provinz hat sich Porters Empfehlung herumgesprochen, dass „Cluster eine wichtige Komponente überregionaler und lokaler Wirtschaftspolitik sein sollten“.
Der Zukunftsatlas 2006, den das Beratungsinstitut Prognos für das Handelsblatt erstellt hat, macht deutlich: Regionen mit einer überdurchschnittlichen Dichte an Unternehmen aus Leit- und Wachstumsbranchen stehen in aller Regel wirtschaftlich besser da. Vor allem im Südwesten Deutschlands gibt es in einer Reihe wichtiger Branchen Kompetenzzentren von internationaler Bedeutung.
Das lässt sich vor allem an der Zahl neu geschaffener Arbeitsplätze messen. Und da überragen einige Regionen in Deutschland alle Erwartungen: Im Raum Ulm ist beispielsweise die Zahl der Jobs in der Pharmaindustrie innerhalb weniger Jahre um mehr als 30 Prozent gestiegen – trotz heftigen politischen Gegenwinds für die gesamte Branche durch das Hin und Her in der Gesundheitspolitik. Eine vergleichbare Erfolgsgeschichte findet sich in der Luft- und Raumfahrt. An der Unterelbe wuchs das Angebot an Jobs binnen weniger Jahre so rasant, wie in kaum einer anderen Region. Treiber ist hier der Ausbau der Airbus-Endmontage. Weitgehend unbekannt ist bislang, dass zwischen Tübingen und Tuttlingen fast 11 500 Menschen hochqualifizierte Jobs in zahlreichen medizintechnischen Unternehmen finden.
Insgesamt macht der Zukunftsatlas deutlich: Deutschland ist nach wie vor ein Industrieland – obwohl die Industrie nur noch rund ein Drittel zur gesamtwirtschaftlichen Wertschöpfung beiträgt. Im Schatten dieser florierenden industriellen Kerne haben sich allerdings zunehmend moderne Dienstleister angesiedelt.
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Im Südwesten der Republik hat sich dadurch eine weltweit nahezu einzigartige Mischung ergeben: „Grundlagenforschung und angewandte Ingenieur-Dienstleistungen, Produktion und Logistik konzentrieren sich dort auf engem geografischen Raum“, sagt Prognos-Geschäftsführer Christian Böllhoff. „Zusammen mit hoch qualifizierten Mitarbeitern ergibt sich dadurch für Deutschland im internationalen Standortwettbewerb ein entscheidender Vorteil.“ Viele Regionen nutzen ihre Potenziale nach Einschätzung von Prognos allerdings nicht vollständig aus. „Mit der richtigen Strategie könnten sie wirtschaftlich mehr aus sich machen“, unterstreicht Böllhoff.
Allerdings warnen Wissenschaftler vor zu großer Euphorie: „Die Hoffnungen, die in das Thema Clusterstrategie gesetzt werden, sind teilweise übertrieben“, sagt Rolf Sternberg, Professor für Wirtschaftsgeographie an der Universität Hannover. „Wenn man in einigen Jahren eine Bilanz des Clusterthemas zieht, wird man feststellen: Es wurden in manchen Regionen fahrlässig zu hohe Erwartungen geweckt.“ Nicht jeder Standort habe das Zeug zum Cluster – und ein Cluster sei auch nicht zwingende Voraussetzung für wirtschaftliche Prosperität. „Die Politik kann einen Cluster nicht auf dem Reißbrett für die grüne Wiese planen“, betont Sternberg.
Dabei gilt die Bildung und Förderung von Clustern als Königsdisziplin der Wirtschaftsförderer. „Jede Region, jeder Bürgermeister will einen eigenen Cluster haben“, sagt Prognos-Experte Olaf Arndt. „Man kann kein Cluster aus dem Nichts kreieren. Der Versuch, im Emsland einen Biotechnik-Cluster aufzubauen, wäre sehr teuer und mit hoher Wahrscheinlichkeit zum Scheitern verurteilt.“ Die Politik könne nur fördern. Ein erfolgreicher Cluster entsteht aber nur, wenn sich eine ausreichend große Zahl von Unternehmen einer Branche für ein und denselben Standort entscheidet.
Unterschieden werden zwei Formen solcher Cluster. Zum einen gibt es Kompetenzzentren, die von einem Großunternehmen getragen werden. „Das agiert dann quasi wie eine Spinne im Netz“, sagt Arndt. Ein Beispiel dafür ist Siemens mit seinem weltweiten Kompetenzzentrum für Medizintechnik in Erlangen, das die Region für Zulieferer und Konkurrenten interessant macht.
Aber es geht auch ohne ein Großunternehmen, das die Richtung vorgibt. In Dortmund etwa bildete sich im Laufe der vergangenen Jahre ein Logistik-Zentrum aus Dutzenden von Unternehmen. Sie nutzen die verkehrsgünstige Lage, aber auch die großen brachliegenden Industrieareale. Hinzu kommt die wissenschaftliche Unterstützung durch die Universität Dortmund mit ihrem Studiengang Logistik.
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Die Methodik der Prognos-Untersuchung
Welche Regionen in Deutschland haben welche Cluster in wichtigen Zukunftsbranchen? Um diese Frage zu beantworten, haben die Forscher von Prognos für den Zukunftsatlas 2006 ein dreistufiges Analyseverfahren entwickelt. Damit identifizieren sie sowohl die Leitbranchen als auch die am schnellsten wachsenden Wirtschaftszweige und die überregional bedeutsamen Kompetenzzentren.
Stufe eins
In einem ersten Schritt suchte Prognos die im europäischen Vergleich wichtigsten Leit- und Wachstumsbranchen Deutschlands. Dafür analysierte das Institut Beschäftigung und Umsatz in Deutschland und in der EU. Als Leitbranchen definieren die Prognos-Experten Bereiche, in denen Umsatz- und Beschäftigung im Vergleich zur EU überproportional groß ist. Von einer Wachstumsbranche sprechen sie, wenn Umsatz und Beschäftigung sich in den letzten Jahren in Deutschland besser entwickelten als in der EU.
Stufe zwei
Im zweiten Schritt untersuchten die Forscher, wie diese Leit- und Wachstumsbranchen in Deutschland geografisch verteilt sind und wie sie sich in den verschiedenen Regionen in den vergangenen Jahren entwickelt haben. Zu diesem Zweck wurde ein so genannter Clusterindex konzipiert. Dieser setzt sich aus den drei Merkmalen Stärke, Dynamik und Spezialisierungsgrad der Kreise und kreisfreien Städte zusammen. Als Indikator für die Stärke werden die Daten über die Zahl der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten in einer Region und Branche herangezogen. Merkmal für die Dynamik ist die Entwicklung der sozialversicherungspflichtigen Beschäftigung im Zeitraum zwischen 2000 und 2004. Als Indikator für den Spezialisierungsgrad fungiert der so genannte Lokalisationskoeffizient – der regionale Anteil der Beschäftigung in der jeweiligen Branche im Vergleich zum Bundesdurchschnitt. In die Berechnung des Clusterindexes gehen diese drei Indikatoren zu gleichen Anteilen ein. Anhand der branchenspezifischen Clusterindizes können über alle 439 Kreise und kreisfreien Städte hinweg die führenden Regionen für Deutschlands Leit- und Wachstumsbranchen identifiziert werden.
Stufe drei
In einem dritten Untersuchungsschritt hat Prognos für fünf ausgewählte Wachstumsbranchen – Pharmaindustrie, Luft- und Raumfahrtindustrie, Logistik, F&E-Dienstleister und Medizintechnik – komplexe regionale Detailanalysen erstellt. Dabei identifizierte Prognos die örtlich jeweils wichtigen Unternehmen, Forschungseinrichtungen und andere wesentliche Akteure. Neben quantitativen berücksichtigen sie dabei auch zahlreiche qualitative Informationen. Das Handelsblatt stellt in der kommenden Woche täglich eine dieser Wachstumsbranchen vor.
Datenbasis
Die Analysen der ersten beiden Untersuchungsschritte erfolgte auf Ebene der Wirtschaftsabteilungen und der Gruppen der gültigen Wirtschaftszweigsystematik. Die von Prognos verwendeten Daten stammen vom Europäischen Statistikamt Eurostat, von der Bundesagentur für Arbeit sowie dem Statistischen Bundesamt in Wiesbaden.
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