Mit der Aktien-Rally steigt die Nervosität
11. September 2003 Nach dem kräftigen Kursanstieg seit März werden die Anleger an den Aktienmärkten langsam nervös. Analysten tun sich noch schwer, eindeutige Gründe für die Kursverluste in der ersten Wochenhälfte zu nennen. Doch ein Stimmungsumschwung scheint sich anzubahnen. Richard Davidson von der Investmentbank Morgan Stanley hält die Zeit reif dafür, "vorsichtig zu werden". Bislang sei das Platzen einer Aktienblase noch niemals nach weniger als fünf Jahren korrigiert gewesen, erinnert der Ökonom. Vielmehr sei es wahrscheinlich, daß sich die Aktienindizes in den nächsten Jahren unter starken Schwankungen richtungslos Auf und Ab bewegten, wiederholt er eine vor wenigen Monaten oft, zuletzt aber immer seltener zu hörende Ansicht vieler Marktstrategen.
Am Donnerstag diente kurzfristig orientierten Händlern der Verweis auf den zweijährigen Jahrestag der Terror-Anschläge auf New York als Erklärung für die Kaufzurückhaltung. "Der 11. 9. steckt vielen noch in den Knochen", sagt Fidel Helmer, Leiter des Aktienhandels von Hauck & Aufhäuser. Er beobachtet, daß seine Kollegen häufiger als üblich auf den Fernsehschirm schauen, in denen die Nachrichtenkanäle eingeschaltet sind. "Die Kurse würden bei einem weiteren Anschlag zwar zurückgehen", meint Helmer. "Aber sicherlich nicht so stark wie vor zwei Jahren. Denn heute kämen sie anders als vor zwei Jahren nicht völlig überraschend."
Zunehmend Anträge auf Arbeitslosenhilfe in Amerika
Während die Belastung durch den Jahrestag der Terror-Anschläge demnach überwiegend psychologisch erklärt werden kann, bekamen am Donnerstag auch diejenigen Auftrieb, die nach wie vor Fragezeichen hinter die These von einem nachhaltigen Aufschwung in Amerika machen. Wie bekannt wurde, sind die Erstanträge auf Arbeitslosenhilfe in den Vereinigten Staaten in der Vorwoche um 3000 auf 422.000 gestiegen. Die Volkswirte hatten mit einem Rückgang auf 400.000 gerechnet. Damit bekamen Befürchtungen neue Nahrung, daß der Aufschwung in Amerika am Arbeitsmarkt vorbeigehen werde.
Ohne mehr Beschäftigung, lautet die Argumentation, könnten die amerikanischen Verbraucher die Wirtschaft aber nicht dauerhaft stützen. Davidson nennt als weitere Risiken einen Fall der Hauspreise in Amerika und Großbritannien infolge höherer langfristiger Zinsen, die seiner Ansicht nach in Amerika auf 5 bis 5,5 Prozent steigen dürften. Der Vermögensschwund der Hausbesitzer und die höheren Zinsen könnten die Sparlust der Amerikaner erhöhen, die für die Konjunktur besonders wichtige Konsumfreude der Amerikaner aber dämpfen. Zunehmend als Belastung empfunden wird an den Kapitalmärkten zudem das anschwellende Defizit im amerikanischen Regierungsetat.
Konjunkturhoffnungen labil
Ohne starkes amerikanisches Wachstum sind die Konjunkturhoffnungen in Europa auf Sand gebaut, sind viele Börsianer in Frankfurt sicher. Das Jahr 2003 haben die meisten schon abgehakt, auch wenn zum Beispiel die schwedische SEB noch mit positiven Überraschungen in der Berichterstattung der Firmen rechnet. Der Blick der meisten geht aber schon ins Jahr 2004. "Ich sehe, anders als in den neunziger Jahren, kaum neue Produktideen, die zu einer überdurchschnittlichen Kursentwicklung bestimmter Branchen führen werden", sagt Matthias Jörss. Der Analyst von Sal. Oppenheim rät Anlegern deshalb auf Aktien von Unternehmen zu setzen, die in den aufstrebenden Ländern (Emerging Markets) Asiens und Lateinamerikas eine starke Marktposition haben. "Ich glaube nicht, daß das Wachstum in Amerika und Europa auf mittlere Sicht rasant sein wird", sagt Jörss. Aktien von Unternehmen wie Telefonica (stark in Lateinamerika), BASF (in Asien) und Nokia (in Indien und China) seien beispielhaft dafür, wie Anleger von den besseren Wachstumsaussichten in den Emerging Markets profitieren könnten.
Text: ham. / Frankfurter Allgemeine Zeitung, 12.09.2003, Nr. 212 / Seite 21
MfG, ZiZo ![]()