APRIL 2003Im April 2003, am Langzeittief des DAX um 2200, hatten wir genau die UMGEKEHRTE Situation wie im Frühjahr 2006. Der Krieg im Irak tobte, einigen deutsche Großbanken (HVB, Commerzbank u. a.) drohte die Pleite, weil durch zahllose Firmeninsolvenzen ihre Tier-1-Kapitalquote unter die Mindestgrenze von 6,5 % fiel, die Uno war zerstritten, die Nato drohte auseinanderzubrechen, der Mega-Bärenmarkt nach Platzen der 2000-Blase schien unverdrossen ins dritte Jahr zu gehen. "Analysten" jonglierten mit Dax-Kurszielen von 1000 bis 1500. In Magazinen und Zeitungen kamen Titelgeschichten mit dem Thema "Der Tod der Aktie". "Newsweek" zeigte einen Bären auf dem Titelseite. Im Handelsblatt stand: "Händler stöhnen, niemand will Aktien kaufen."
Bullen hatten die Schnauze gestrichen voll, weil jeder der vielen Rallye-Versuche gnadenlos abverkauft worden war.
DAS WAR DAS TIEF.
Es gab nichts, aber auch rein gar nichts, was für höhere Kurse sprach. Trotzdem kam - aus dem Nichts und scheinbar ohne jegliche fundamentale Berechtigung - plötzlich eine Rallye, die NICHT mehr abverkauft wurde. Keiner hat ihr getraut, auch viele Profis nicht. Dennoch kroch sie 3 Jahre lang fast ohne Rücksetzer den Wall of Worry hinauf bis zum Hoch im Mai 2006. Die Börse hatte die fundamentale Wende instinktsicher 6 Monate vorweggenommen. Sie kam schließlich tatsächlich - und erreichte ihre volle Blüte im:
MAI 2006
Szenenwechsel. Mai 2006. Alle Indizes stehen auf 5-Jahreshochs. Die Wirtschaft in EU, USA und den Schwellenländern brummt, Rohstoffe stehen auf Allzeithochs. Der Aktienmarkt wird von Neuemissionen überschwemmt (März 2000 lässt grüßen). Wichtiguerische Aktienkommentatoren im Fernsehen - selber angelernte Laien, die zuvor Sportsendungen moderiert hatten - blasen sich vor begeistertem Hausfrauen-Publikum auf. Thema beim anschließenden Kaffeeklatsch sind niedrige KGVs. Kaum eine Sendung, unter der kein Aktien-Ticker-Band läuft, außer der Direktübertragung des Segens Urbi et Orbi aus dem Vatikan. Börsenbriefschreiber erleben Hochkonjunktur. Aus der Versenkung auferstandene Dotcom-Propheten wie Förtsch sind plötzlich wieder gefragte Leute, denen ihr betrügerisches Geschreibsel und Gehype von frischgekürten Börsen-Junkies geradezu süchtig aus den Fingern gerissen wird. Die Shorts haben die Schnauze gestrichen voll. Zigmal haben sich sich beim Shorten der Indizes die Finger verbrannt und mussten sich bei immer wieder neuen Rallyes mit Verlusten eindecken.
Nun kommt es zum "Melt-Up", dem himmelhochjauchzendem, parabolischen Anstieg, der auch im März 2000 die Allzeithochs markierte. Die Bullen ergötzen sich in einem letzten Anflug von irrationalem Überschwang, die Bären heulen in ihren Höhlen.
DAS WAR DAS HOCH.
Nichts, aber auch rein gar nichts sprach für fallende Kurse. Jedenfalls dann nicht, wenn man, wie die Bullen, beide Augen fest vor der Realität verschloss: vor parabolisch angestiegenen Charts in Gold, Öl, Rohstoffen, Metallen, Aktien, (US-)Immmobilien, Anleihen in Schwellenländern usw., vor weltweit ansteigenden Zinsen und Inflation. Praktisch alle Asset-Klassen standen auf Allzeithochs, weil Hedgefonds das billige Geld aus der Tiefzinsphase (im Japan gibt es Geld IMMER NOCH zu Null Prozent Zinsen) in lukrative Carry-Trades steckten, alles, was kaufbar war, bis an die Schmerzgrenze aufpumpten und dabei exzessive Risiken eingingen (ich hatte in meinem "Doomsday-Bären-Thread" bereits im Feb. 2006 auf die Gefahren hingewiesen und auch meine Aktienquote zurückgefahren).
In diesen Wahn schallt das scheinbar falsche Wort von Bernanke. Die Hedgies reagieren prompt, laden ab. Ein Riesenabverkauf ohne jegliche Rücksetzer beginnt - über Tage und Wochen. Die Wichtigtuer im Fernsehen wiegeln ab. Das sei eine "ganz normale Korrektur", ohne die ein Bullenmarkt gar nicht weiter steigen kann. Eine charttechnische Notwendigkeit.
Doch das hatten sie auch im April 2000 gesagt. Sie würden ja sonst auch ihr Gesicht verlieren, wenn sie zuvor noch von DAX 10.000 gefaselt haben...
Tatsächlich ist es IMHO der Beginn eines neuen Abwärts-Zyklus im Bärenmarkt nach dem Platzen der bislang größten Aktienblase aller Zeiten - der Jahr-2000-Blase. Die Fed hatte versucht, durch rekordtiefe 1 %-Zinsen gegenzusteuern und die Liquidität zu erhalten - allerdings um den Preis der neuen Blasen im Immobilien, Gold- und Rohstoffmarkt. Die Aktienblase von 2000 wurde also lediglich durch andere Blasen ersetzt. Irgendwann aber ist die Zeche fällig. Das muss kein Riesen-Crash werden. Wahrscheinlicher ist ein über 10 Jahre laufender Seitwärtsmarkt, in dem das KGV des SP-500 (zurzeit 20) durch das in dieser Zeit stattfindende Wirtschaftswachstum wieder auf den Durchschnittswert von 8 bis 10 gedrückt wird, der nachhaltigere Anstiege verspricht. Sprich: Seitwärts-Konsolidierung.
In dieser langen Seitwärtsphase kann es freilich immer mal wieder hässliche 20 bis 40 Prozent-Korrekturen geben - wie in der Zeit von 1970 bis 1982 (Details dazu:
mein Doomsday-Bären-Thread, 2. Posting).
FAZIT: Die Lage war am Tief 2003 und am Hoch 2006 erschreckend ähnlich. In beiden Fällen regierte die Psychologie. Im März 2003 waren es Frust und nackte Angst, im Mai 2006 blinde Gier und Risiko-Übermut - zwei Seiten derselben Medaille.
Jedes der beiden Extreme lieferte auf seine Weise ein Warnsignal (obwohl es IMHO jetzt am Hoch stärker ausfiel als 2003 am Tief). Mit Fundamentalkriterien allein lassen sich diese Psycho-Exzesse nicht erfassen. Man braucht die mentale Distanz, um sich von dem allgemeinen Wahn nicht mitreißen zu lassen - weder im Negativen (2003) noch im Positiven (2006).
Das Timing-Problem beim Anstieg im April 2003, den sehr viele verpassten, war ähnlich schwierig wie der rechtzeitige Ausstieg im Mai 2006. In beiden Fällen hatte nur derjenige Erfolg, der sich mit kühlem Kopf über die jeweils extremen Emotionen hinwegsetzte und "cool" (antizyklisch) dagegenhielt.
Was machten die Bullen mit den jüngsten Warnsignalen? Sie sagten: Ein Markt, der trotz dieser Warnsignale (Ölpreis, Blasen, Zinsen) nicht fällt, ist extrem stabil ("highly resilient") und wird weiter steigen. Doch aufgeschoben ist nicht aufgehoben. Resiliance hält genau so lange, bis sich plötzlich - und scheinbar grundlos - nicht mehr hält. In dem Moment führt sich das Stabilitäts-Argument, das vorher ja für ein weiteres Investiert-Bleiben sprach, selbst ad absurdum. Wohl dem, der aus der Vergangenheit (März 2000: "Diesmal ist alles anderes") etwas gelernt hatte...