Das populäre Rosa
Tragen Sie rosa Hemden? Oder haben Sie rosafarbene Schuhe? Dann gehören Sie zu den
Vorboten eines anstehenden Bärenmarktes an der Wall Street. Seit Jahren gewinnt die
knallige Farbe an Popularität. Psychoanalytisch betrachtet kein gutes Omen. Rosa symbolisiert
das Leben in einer Wahnvorstellung. Wozu also Geld haben, wenn man es doch gar nicht braucht?
IN DEN USA LEBT ES SICH AUCH OHNE grüne Scheinchen wie im Schlaraffenland. Solange
es Kreditkarten gibt. „Veni, Vidi, VISA“, ist das Motto der Nation. Mit fast ausgeschöpften Limits
stürmen sie die Kaufhäuser, sehen und kaufen ein – mit Visa! Fern von jeglicher Realität,
mit einer rosaroten Brille auf der Nase, häuft sich die Verbraucherverschuldung. Auf
mittlerweile 2,04 Billionen Dollar summiert sich der Schuldenberg. Das entspricht 2.000 Milliarden
Dollar oder 2.000.000 Millionen Dollar, exklusive den Schulden aus Hypotheken-Krediten.
Derartige Rekorde kann nur noch einer übertreffen: Uncle Sam himself.
Lag das Staatsdefizit im letzten Jahr noch bei 375 Milliarden Dollar, werden in diesem schon
422 Milliarden Dollar angepeilt. Ein Rekord, der von der amtierenden Regierung als Erfolg gefeiert
wird. Das Defizit liegt schließlich 55 Milliarden Dollar unter den Prognosen vom Frühling.
„Nur George W. Bush würde ein Rekorddefizit, den Verlust von 1,6 Millionen Arbeitsplätzen und
ex plodier ende Krankenversicherungskosten feiern“; macht sich Präsident- schaftskandidat John
Kerry lustig. Da bleibt wohmöglich nur noch Beten übrig. Religion ist in den USA übrigens
längst keine Privatsache mehr, sondern Teil des politischen Betriebs. Es gibt kaum eine Rede des
Präsidenten ohne Gottesbezug. „Vorsehung“, „Mission“, „der Schöpfer“ und der „Allmächtige“
sind gängige Vokabeln in Bushs Repertoire. Ganz egal, ob Bush über die Gesundheitsreform
oder den Krieg gegen den Irak spricht. „Gott ist ins Weiße Haus ein gezogen“, jubelt ein Republikaner
auf dem New-Yorker-Parteitag. Sieht sich der „wiedergeborene Christ“ womöglich als
Glaubenskrieger? Ein Kreuzritter mit missionarischem Eifer? Man könnte meinen, Bush hat den
direkten Draht zum Allmächtigen. Militärische Erfolge oder die Außenpolitik in Verbindung mit
einer religiös angetriebenen „Mission“ zu bringen, oder seine Berufung zum Präsidenten als
Fügung Gottes zu betrachten, birgt Risiken. Ein Präsident, der Gott anbetet und nicht persönlich
mit ihm spricht, wäre mir lieber. Was die Wall Street betrifft, hat das Beten für
bessere Kurse noch kein Ende genommen. Seit über sieben Monaten tritt der Dow Jones Index
auf der Stelle. Die Handelsspanne liegt bei engen acht Prozent. Selbst wenn es nach den Wahlen
im Herbst zu einer Rallye kommt, sollten Investoren wachsam bleiben, mahnt Smith Barney.
Die Zeit der großen Risiken ist längst nicht gekommen. Zu hoch geschraubte Wachstumsziele
für 2005, und nicht wirklich attraktiv bewertete Aktien sprechen gegen ein nachhaltiges
Comeback der Kurse. Selbst wenn die jüngst abflauende Konjunktur tatsächlich nur ein Schlagloch
durchpoltert. Fast 80 Prozent der Kurssteigerungen zwischen 1982 und 1999 wurden durch
expandierende KGVs verursacht. Weder das Ertragswachstum von Corporate America, noch die
Inflation gaben den ausschlaggebenden Ton an. Die Gewinnmargen der Unternehmen im S&P
500 Index sind super, und deren Ertragslage auf einem Rekord. Und genau deshalb kann ab 2005
nur noch eines folgen: Der langsame Abstieg vom Gipfel. So getönt die rosarote Brille aktuell
auch sein mag, spricht vieles gegen einen dynamischen Bullenmarkt. Im Gegenteil: Der Schuss
könnte vollends nach hinten losgehen, mit einer Fortsetzung des Bärenmarktes im kommenden
Jahr.