„Ich sehe Gold bei 8000 US-Dollar“
Ob als Angestellter bei JP Morgan Chase, als Edelmetall händler oder als Manager der Rohstoffabteilung des Staats fonds von Abu Dhabi – James
Turk blickt auf 40 bewegte Jahre am Kapitalmarkt zurück. Heute schreibt Turk Invest ment-Newsletter und Bücher oder hält weltweit Vorträge. Über
die aktuelle Lage auf dem Goldmarkt und die wachsende Bedeutung Chinas sprach Turk mit unserem Redakteur Nico Popp.
Schauen wir auf die Nachfrage. Eine immer bedeutendere Rolle auf
dem Goldmarkt nimmt China ein. Wie sehen Sie China?
China ist inzwischen zum größten Goldproduzenten der Welt geworden.
Bis zum vergangenen Jahr produzierte das Land genau so viel Gold, wie
der Binnenmarkt nachgefragt hat. China war also für den internationalen
Goldmarkt kein bedeutender Faktor. Inzwischen hat sich das geändert.
Heute importiert China große Mengen Gold. Ich gehe sogar so
weit, zu sagen, dass die Nachfrage aus China der bedeutendste
Preistreiber für Gold in diesem Jahr wird. Die steigenden Preise in China
– dort klettern die Preise insbesondere bei Nahrungsmitteln um bis zu
8 Prozent – führen dazu, dass die Chinesen Gold kaufen. Da diese
Nachfrage von den Minen in China nicht mehr befriedigt werden kann,
gehen wir von großen Gold- und Silberimporten nach China aus. Dieser
Trend dürfte sich sogar noch verstärken, da voraussichtlich die Inflation
in China eher noch wachsen wird. Aus meiner Sicht sind daher in diesem
Jahr China und die expansive Geldpolitik der Notenbanken wichtige
Indikatoren für steigende Goldpreise.
Halten Sie China als Gold-Importeur inzwischen für wichtiger als
Indien?
Fast. (lacht) Man muss das Wachstum betrachten. Die Tatsache, dass
China vor einem Jahr kaum Gold importiert hat und schon dieses Jahr
mit 300 bis 400 Tonnen zu den größten Importeuren gehören wird,
spricht für China. Das reicht allerdings noch nicht an die Importmengen
Indiens heran, ist aber im internationalen Vergleich viel.
Was halten Sie eigentlich von den Gerüchten, dass große
Investmentbanken wie JP Morgan Chase oder HSBC Short in Silber
und Gold sind und großen Einfluss auf die Märkte haben?
Ich weiß nicht, was die Banken machen. Es wurde nie bewiesen, dass
JP Morgan oder HSBC die großen Leerverkäufer sind. Zudem ist es egal,
wer Short ist: Es ist derzeit einfach so, dass die Geldmenge viel stärker
wächst als die Goldmenge. Das ist eine Tatsache. Alles andere sind
unbestätigte Gerüchte. Zwar haben Banken schon viele Dinge getan, die
sie zunächst dementiert haben, aber ich glaube, wir müssen die Banken
heute bei ihrem Wort nehmen, wenn sie sagen, dass sie mit ihren Shorts
bei Edelmetallen nur physische Bestände absichern.
Lassen Sie uns gegen Ende des Interviews über Kursziele reden. Die
Chart-Analysten von GodmodeTrader.de prognostizieren einen
Silberpreis von 50 US-Dollar je Unze. Wo sehen Sie Silber?
Ich sehe Silber über dieser Marke. Ein Anstieg auf 50 US-Dollar bei
Silber ist nur ein Anfang. Langfristig sehe ich Silber bei 400 US-Dollar.
Lassen Sie mich das begründen: Ich glaube, dass der Goldpreis zwischen
2013 und 2015 auf 8.000 US-Dollar steigen wird. Das habe ich
schon im Jahr 2003 gesagt. Wenn ich mit dieser Preisprognose für Gold
Recht habe und das Preisverhältnis zwischen Gold und Silber auf 20:1
fällt, wovon ich ausgehe, ergibt sich ein Silberpreis von 400 US-Dollar
je Unze. Sie fragen sich jetzt sicherlich, wie ich auf die 8.000 US-Dollar
bei Gold komme?
Genau!
Hier ist mein Hauptgrund: In den 1970er Jahren stieg Gold von 35 USDollar
auf 800 US-Dollar je Unze. Als ich im Oktober 2003 meine
Prognose abgegeben habe, stand Gold bereits bei 350 US-Dollar.
Wegen der Inflation zwischen 1971 und 2003 hat die Kaufkraft des
Dollars merklich nachgelassen, genauer gesagt, sie hat sich in etwa
gezehntelt. Daraus leite ich mein Kursziel ab. Geschichte kann sich wiederholen.
Wenn Gold in den 1970ern von 35 auf 800 US-Dollar steigen
konnte, kann es auch von 350 in 2003 auf 8000 US-Dollar steigen. Die
Wirtschaft verläuft zyklisch. Jetzt ist wieder wie in den 1970ern eine
Phase des Abschwungs dran. In solchen wirtschaftlichen Phasen nähert
sich auch das Verhältnis von Gold und Silber an. Ich gehe in meinen
Prognosen daher davon aus, dass man künftig mit zwanzig Unzen
Silber eine Unze Gold kaufen kann. Dieses Verhältnis kann aber auch
noch geringer werden.
Sie gehen also davon aus, dass Silber das bessere Gold ist?
Gold ist Gold, aber Silber ist durchaus eine attraktive Anlage – es ist
allerdings viel volatiler als Gold. Silber wird im Vergleich zum Gold nicht
nur als klassisches Edelmetall angesehen, sondern findet eine breite
Anwendung in der Industrie. Das macht den Silberpreis anfälliger für
Schwankungen. Hinzu kommt, dass Silber anders als Gold vom Markt
verschwindet. Wenn wir Silber auch als Industriemetall begreifen, müssen
wir davon ausgehen, dass Teile davon verbraucht werden. Diese
industrielle Seite von Silber macht es für Anleger sehr attraktiv. Das
Silber-Gold-Verhältnis ist in den letzten Jahren schon von 90 auf 40
gefallen. Ich gehe davon aus, dass sich dieses Verhältnis wie erwähnt
noch weiter einengen wird. Der Nachteil bleibt aber die höhere
Volatilität.
Eine letzte Frage: Sie gehen davon aus, dass Gold eine Versicherung
gegen die Inflation ist. Gibt es daneben noch ein anderes Szenario für
Gold? Kann man Gold auch aus anderen Gründen kaufen?
Gute Frage! Gold hat auch schon in deflationärem Umfeld Abhilfe
geschaffen. Das war in den 1930ern. Unabhängig davon, ob Zeiten wirtschaftlichen
Abschwungs inflationäre oder deflationäre Ursachen haben:
Menschen suchen nach Sicherheit. Während eines deflationären
Schocks, wenn Banken pleitegehen, fragen Anleger verstärkt Gold nach,
weil es ein belastbares Investment ist. Schließlich ist physisches Gold
Geld außerhalb des Bankensystems. Im Falle von Inflation setzen
Anleger wiederum auf physisches Gold, um ihre Kaufkraft zu erhalten.
Vielen Dank für das Gespräch.