Krieg im Namen von "Ewing-Oil"


Thema
abonnieren
Beiträge: 2
Zugriffe: 669 / Heute: 1
BRAD PIT:

Krieg im Namen von "Ewing-Oil"

 
26.08.02 11:30
Serie "Der Kampf ums kaspische Öl"

Pipelines, Bomben und Soldaten

Von Lutz C. Kleveman

Mit aller Macht wollen die Amerikaner ihre Abhängigkeit vom arabischen Öl drosseln und schieben dazu ein gefährliches Milliardenabenteuer an. Um an die Ölreserven am kaspischen Meer heranzukommen unterstützen sie skrupellose Ölbosse und machthungrige Despoten. Eine Reportage-Serie über den Kampf der Staaten und Konzerne um Pipeline-Routen und militärische Vorherrschaft.

 
AP

Ölfeld bei Baku (Aserbeidschan): Das neue "Große Spiel" zwischen Kaukasus und Pamir


Im "Finnegan's" trifft sich, was man in Baku die "Ölmänner" nennt. Nicht die Bosse und Manager, die zieht es nach Feierabend eher ins feine "Sunset Café" oder direkt heim in ihre Villen vor der Stadt. Das "Finnegan's" in der Altstadt ist für die Jungs von den Bohrinseln. Die sich, wenn sie Schichtpause an Land machen, nach einem Pub wie zuhause sehnen.

Hier wird ihnen geholfen: Aus den Boxen über dem Tresen kommt Rockmusik, man kann in Dollars bezahlen, und im Fernseher an der Wand spielt Manchester United gegen Chelsea. Für ein paar Stunden können die Ölmänner den penetranten Petroleumgestank vergessen, der Tag und Nacht die Hauptstadt der ex-sowjetischen Republik Aserbaidschan durchzieht.

"Ein wackeliger Flug war das - bin gespannt, wann die nächste Maschine ins Meer plumpst", sagt Thomas, als er an die Bar tritt. Der Ölingenieur aus Westfalen arbeitet auf der Plattform Chirag, 80 Kilometer auf dem Kaspischen Meer gelegen, von wo ihn am Nachmittag der Konzern-Helikopter von British Petroleum-Amoco in die Stadt gebracht hat. Ein schottischer Kollege klopft Thomas auf die Schulter und schlägt eine Wette darauf vor, wessen Hubschrauber wohl als erster abstürzen werde. "Jeder setzt auf seinen eigenen Flug - dann hat man wenigstens die Wette gewonnen, wenn es abwärts geht."

 
Der Autor dieser Serie schrieb zum gleichen Thema das in dieser Woche erscheinende Buch "Der Kampf um das heilige Feuer - Wettlauf der Weltmächte am Kaspischen Meer", Rowohlt Berlin, 320 Seiten, 19,90 Euro


Trotz ihres schwarzen Humors ist die Stimmung der Ölmänner den gesamten Abend über ausgezeichnet. Nicht ohne Grund: Der Ölboom am Kaspischen Meer, dem neuen Wilden Osten der Industrie des Schwarzen Goldes, hat seine kurze Flaute überwunden. Auf dem Grund des riesigen Binnensees und an seinen Ufern bohren gleich mehrere transnationale Energiekonzerne nach den größten unerschlossenen Ölvorkommen der Welt und bescheren ihren Arbeitern und Ingenieuren Spitzeneinkommen für viele Jahre.

Schätzungen über das verfügbare Volumen reichen von 50 bis 110 Milliarden Fass Erdöl und etwa sieben bis neun Billionen Kubikmeter Erdgas. Das US-Energieministerium kalkuliert sogar mit 200 Milliarden Barrel Erdöl - nur Saudi Arabien besitzt mit nachgewiesenen 262 Milliarden Barrel mehr. Erst im Sommer 2000 wurde vor der kasachischen Küste das Kashagan-Ölfeld entdeckt, das als eines der fünf größten der Welt gilt.

Der letzte Öl-Rausch in der Geschichte der Menschheit

Für westliche Ölfirmen, denen die verstaatlichten Produktionsstätten der Golfregion und das unsichere Russland wenig Chancen für Beteiligungen bieten, ist der kaspische Boom ein Segen. Sie haben mit den zumeist ex-kommunistischen Potentaten der Region lukrative Verträge abgeschlossen und 30 Milliarden Dollar in neue Förderanlagen gesteckt. Bis zum Jahr 2015 sind weitere Investitionen in Höhe von 100 Milliarden Dollar vorgesehen.

Zugleich hat aber der voraussichtlich letzte große Öl-Rausch in der Geschichte der Menschheit einen geopolitischen Kampf um den Kaukasus und Zentralasien ausgelöst, wo seit dem Kollaps der Sowjetunion vor zehn Jahren ein Machtvakuum herrscht. Er gleicht dem "Great Game", der imperialen Rivalität zwischen dem Britischen Weltreich und dem zaristischen Russland um das Herz der eurasischen Landmasse im 19. Jahrhundert, das der britische Schriftsteller Rudyard Kipling einst so spannend beschrieb.


Interaktive Karte öffnen

 

Flash-Plugin
ab Version 6 benötigt!


Nun ist ein neues "Großes Spiel" um die Territorien zwischen den Gebirgen des Kaukasus und des Pamir entbrannt (siehe Karte). Mit dem Unterschied, dass nun die Amerikaner Gegenspieler der Russen sind. Außerdem mischen dieses Mal reiche Konzerne und Regionalmächte kräftig mit - China, der Iran, die Türkei, Pakistan sowie Shell und BP.

Alle wollen die Kontrolle über die Energiereserven gewinnen, welche die Abhängigkeit vom Öl des mächtigen, arabisch dominierten OPEC-Kartells aus der instabilen Golfregion mindern können. Zwar reichen die Ölreserven des kaspischen Meers entgegen ersten euphorischen Erwartungen nicht an die Vorkommen des Persischen Golfs heran, die etwa 600 Milliarden Barrel, zwei Drittel der Vorräte der Erde, umfassen.

Mit einer Fördermenge von maximal sechs Millionen Barrel pro Tag könnte die kaspische Region einen Weltmarktanteil von lediglich fünf bis acht Prozent erreichen, was ungefähr dem der Förderung aus dem Nordseegrund entspräche. Die Führerschaft des OPEC-Kartells wird also unangefochten bleiben. Zudem gehen die außerhalb der Golfregion liegenden fossilen Reserven allmählich zur Neige. Bei der jährlich um fast zwei Millionen Barrel steigenden Nachfrage nach Rohöl wird der Anteil der OPEC am Weltmarkt in den kommenden zwei Jahrzehnten weiter wachsen.

Strategisches Ziel für Öl-Männer der Bush-Regierung

Aber gerade darin liegt die strategische Bedeutung der kaspischen Vorkommen. Denn um die Abhängigkeit vom arabischen Öl zu mildern, verfolgen die Regierungen der Vereinigten Staaten die Politik, ihre "Energieversorgung zu diversifizieren", also Rohstoffquellen außerhalb der OPEC zu erschließen und zu sichern.

Die Kontrolle über das kaspische Erdöl ist eines der Schlüsselelemente dieser Strategie. "Ich kann mich an keine Zeit erinnern, in der eine Region so plötzlich strategisch so wichtig geworden ist wie jetzt die kaspische Region", erklärte Dick Cheney, der damalige Chef des Petrologistik-Konzerns Halliburton, im Jahre 1998 in einer Rede vor Öl-Industriellen in Washington.

Heute ist Cheney Vize-Präsident der Vereinigten Staaten und gilt als der einflussreichste Mann hinter George W. Bush, der selbst aus der texanischen Ölindustrie kommt. Die Terroranschläge vom 11. September 2001 und der amerikanische Feldzug in Afghanistan haben Zentralasien endgültig in den Brennpunkt der US-Außenpolitik gerückt. Washington ist entschlossen, die geostrategischen Kräfteverhältnisse am Kaspischen Meer zu seinen Gunsten zu verändern.

Alle Spieler des neuen "Great Game" beschäftigt ein ernstes Problem: die Ölfelder der landumschlossenen kaspischen Region liegen Tausende Kilometer von Hochseehäfen entfernt, von wo Tanker es zu den Märkten der industrialisierten Welt bringen könnten. Also müssen Pipelines gebaut werden. Und um deren Verlauf gibt es im Kaukasus und in Zentralasien seit fast zehn Jahren Konflikte - und Kriege.

 
AP

US-Präsident Bush, Vize Cheney: Öl-Strategen in höchsten Regierungsämtern


Russlands Regenten, nach Saudi-Arabien die zweitgrößten Erdölexporteure der Welt, sehen sich noch immer als Aufseher ihrer ehemaligen kaukasischen und zentralasiatischen Kolonien. Trotz der Mitarbeit Präsident Vladimir Putins in der amerikanischen Anti-Terror-Koalition wollen mächtige politische und wirtschaftliche Kreise in Moskau die USA auf Armlänge halten. Sie bestehen darauf, dass die Pipelines für das kaspische Öl wie zu Sowjetzeiten über russisches Territorium nördlich des Kaukasus-Gebirges verlaufen, durch das kriegsgeschüttelte Tschetschenien zum Schwarzmeer-Hafen Novorossijsk.

Die Vereinigten Staaten hingegen wollen den kostbaren Rohstoff russischem Zugriff entziehen, um die Unabhängigkeit der ehemaligen Sowjetrepubliken von Moskau zu stärken. Eine südliche Route durch den von Mullahs regierten Iran, seit 20 Jahren Amerikas Erzfeind, kommt für Washington ebenfalls nicht in Frage. Die Bush-Regierung, wie zuvor auch schon die Clinton-Administration, kämpft mit allen Mitteln für eine Pipeline, die sowohl Russland als auch den Iran umgeht.

Seit Mitte der 1990er macht Washington daher Druck für ein gigantisches Pipeline-Projekt über 1750 Kilometer von der aserbaidschanischen Hauptstadt Baku durch das Nachbarland Georgien zum türkischen Mittelmeerhafen Ceyhan. Massiv unterstützt wird die kühne Idee von der türkischen Regierung, die befürchtet, Tanker aus dem Schwarzen Meer könnten im engen Bosporus havarieren und Istanbul verseuchen. Mit 2,9 Milliarden Dollar Baukosten ist die Leitung allerdings extrem teuer und soll zudem durch politisch sehr instabile Gebiete verlaufen, zunächst wollte darum kein Konzern das Risiko eingehen.

 
Lutz Klevermann

Altes Ölfeld in Baku: Gespentisches Ödland


Doch beim Öl ist Politik mindestens so wichtig wie der Markt. Darum wird nun die Azerbaijan International Operating Company (AIOC), ein internationales Konsortium aus einem Dutzend Ölkonzernen das Projekt in Angriff nehmen. An dessen Spitze steht die BP Amoco AG, mit der Aserbaidschan Ende 1994 den sogenannten "Jahrhundert-Vertrag" zur Ausbeutung der kaspischen Ölquellen unterzeichnete. Und alle Fäden für das kaspische Ölabenteuer laufen zusammen in der Villa Petrolea, der BP-Konzernzentrale in Baku, inmitten einer der gespenstischsten Industrieödlandschaften der Erde.



 
DPA

BP-Chef John Browne: "Wir sind keine wohltätige Organisation"


Direkt am Ufer rosten hier hunderte Derricks, alte Ölfördertürme, inmitten riesiger Lachen aus schleimigem Ölschlick und rosa glänzendem Wasser. Noch immer quälen sich einige Schwengel knirschend und rasselnd auf und ab, wie nickende Esel aus Stahl, und saugen Rohöl aus dem Erdreich. So verseucht ist das Gelände, dass auf mehreren Quadratkilometern nicht eine grüne Pflanze wächst, nicht ein einziger Grashalm.

Hier brach Ende des 19. Jahrhunderts der erste Ölboom Bakus los, als die Nobels und die Rothschilds in die Stadt kamen und von hier aus der amerikanischen Standard Oil Company John Rockefellers das Weltmonopol streitig machten. Sie bauten die erste Pipeline vom Kaspischen ans Schwarze Meer, mehr als die Hälfte allen Öls auf dem Weltmarkt kam vor 100 Jahren aus Baku. Aber auch die russische Arbeiterbewegung hatte hier ihre Ursprünge, aufgestachelt von einem gewissen georgischen Agitator namens Josif Dschugaschwili, der sich später Stalin nennen sollte. Nach der Oktoberrevolution 1917 vertrieb die Avantgarde des Proletariats die kapitalistischen Ölbarone und verfeinerte deren Methoden, die Natur restlos zu verseuchen.

Auch die Villa Petrolea, von der aus BPAmoco heute die kaspischen Geschäfte leitet, war vor zehn Jahren noch ein Regierungsgebäude der Kommunisten. Viele kleine Hämmer und Sicheln, liebevoll in Rot ausgemalt, prangen in der fein verzierten Stuckdecke der Eingangshalle. "Tja, das ist die Ironie der Geschichte", lacht BP-Sprecherin Taman Bayatli, beim Empfang des Besuchers im dritten Stock des Gebäudes.

Interaktive Karte öffnen

 

Flash-Plugin
ab Version 6 benötigt!

Hier arbeitet David Woodward, Vorsitzender von BPAmoco Aserbaidschan, nach Staatspräsident Heydar Alijew und dessen Sohn wohl der mächtigste Mann in Baku. Er verwaltet rund 15 Milliarden Dollar, die der Ölkonzern in den kommenden Jahren vor der aserischen Küste investieren will. So dominant ist BPAmocos wirtschaftliche Stellung in Aserbaidschan mittlerweile, dass kaum eine wichtige Entscheidung in Sachen Öl ohne Woodwards Zustimmung fällt - und Öl ist in diesem Land fast alles. Ein BP-Sprecher hat es mal so ausgedrückt: "Wenn wir aus Baku abzögen, würde das Land über Nacht zusammenbrechen."

Woodward, der großgewachsene BP-Veteran, in dessen Lebenslauf keine der klassischen Job-Stationen von Aberdeen bis Alaska fehlt, kommt gleich zum Punkt: "Wir werden die Pipeline nach Ceyhan bauen, und wir werden sie mit Öl vollmachen. Sie wird rentabel sein, im Sommer geht es los."

Nein, nicht der politische Druck aus Washington sei ausschlaggebend, die Entscheidung rein ökonomisch motiviert, beteuert Woodward. "Es ist kein politisches Projekt. Wir sind keine wohltätige Organisation - wenn sich die Sache nicht rechnen würde, hätten wir Amerikanern und Aseris gesagt: 'Sorry, aber es geht nicht!'" Einmal fertig, soll die Röhre täglich bis zu eine Million Barrel Rohöl des Chirag-Felds transportieren. Woodward räumt ein, dass eine Nord-Süd-Route durch den Iran kürzer, billiger und wahrscheinlich auch sicherer wäre als die Pipeline durch das bürgerkriegsgeschüttelte Georgien. "Aber wir halten uns an amerikanische Sanktionen gegen den Iran, und außerdem will unser Gastgeber Aserbaidschan nicht vom Iran abhängig sein - was wir respektieren müssen."

Die große Unbekannte Russland

Sogar der russische Widerstand gegen das Projekt wird offenbar geringer. Seit Jahren steht Moskau im Verdacht, absichtlich politisches Chaos und Bürgerkriege in Aserbaidschan und im Transitland Georgien anzufachen, um Pipeline-Investoren abzuschrecken. Im Krieg zwischen Aserbaidschan und Armenien Anfang der 1990er um die Enklave Berg-Karabach, bei der Zehntausende starben und bis zu eine Million Aseris vertrieben wurden, unterstützte Moskau offen die Armenier.

 
REUTERS

Russlands Präsident Putin: "Russland ist und bleibt gegen die Pipeline"


Im vergangenen Oktober allerdings, auf dem Höhepunkt russisch-amerikanischer Detente im gemeinsamen "Krieg gegen den Terror", reiste Woodward mit ein paar Kollegen nach Moskau und stellte das Baku-Ceyhan-Projekt erstmalig im dortigen Energieministerium vor. Noch ein Jahr zuvor wäre dies undenkbar gewesen. "Der stellvertretende Minister war da und machte deutlich, dass russischen Firmen, die sich an der Pipeline beteiligen wollen, keine Steine in den Weg gelegt würden."

So hat denn auch der russische Ölriese Lukoil, der als verlängerter Arm von Moskaus Außenpolitik betrachtet wird, Interesse signalisiert, sich in das Projekt einzukaufen.

Ein hochrangiger russischer Diplomat in der Region dämpft allerdings zu hohe Erwartungen an Moskaus Kooperation: "Auch wenn Lukoil sich an Baku-Ceyhan beteiligt, Russland ist und bleibt gegen Pipeline. Sie ist ein geopolitisches Projekt der Amerikaner, und wir werden versuchen, es zu verhindern."

Der Weg zu US-Botschafter Ros Wilson in Baku, Washingtons wichtigstem Diplomaten in diesem Teil der Welt, führt durch eine Metallschranke, die solange piept, bis man auch den letzten Kugelschreiber aus der Tasche gekramt hat. Woraufhin die Sicherheitsbeamten, seit dem 11. September noch gewissenhafter als sonst, den Kugelschreiber in seine Einzelteile zerlegen - man kann ja nie wissen.

Botschafter Wilson, ein hochaufgeschossener, schlanker Mann aus Minnesota, hat seit dem Beginn des amerikanischen "Kriegs gegen den Terror" wohl ein paar mehr Akten als sonst auf seinem Schreibtisch. Er scheint ganz froh zu sein, mal wieder über Öl, und nicht islamische Terroristen, reden zu können. Schon die ersten Sätze verraten den geschliffenen Karriere-Diplomaten: "Wir sehen uns nicht in einem Großen Spiel mit Russland, schon gar nicht in einem Nullsummenspiel. Wir haben unsere Interessen, die Russen haben ihre, aber sie müssen nicht unbedingt miteinander kollidieren." Das Gefühl einiger Russen, Amerika wolle sie aus der Region verdrängen, sei grundlos.

 
Lutz Klevermann

Ölförderung bei Baku: "Ironie der Geschichte"


Nach einigen Phrasen über Demokratie, Frieden und Kooperation, die so sorgsam getrimmt sind wie sein rötlicher Vollbart, wird Wilson deutlicher: "Wir wollen sicherstellen, dass das kaspische Öl an die Märkte kommt." Die Aseris wüssten außerdem, dass nur die Pipeline nach Ceyhan das Ticket zur wirklichen Unabhängigkeit sei. Schließlich sei der große Nachbar im Norden ein Hauptkonkurrent Aserbaidschans auf den Ölmärkten. "Die Aseris versuchen natürlich, Amerika und Russland gegeneinander auszuspielen. Aber sie verstehen, dass nur die Vereinigten Staaten der Garant für ihre Unabhängigkeit sind." Wie einen Beschluss verkündet Wilson dann: "Das Öl wird nie durch Russland gehen."

Lesen Sie am Mittwoch: Wem gehört das Kaspische Meer? Der Streit der Anrainerstaaten Turkmenistan, Aserbeidschan und Iran um Ölfelder und Grenzen auf dem Meeresgrund.




--------------------------------------------------

© SPIEGEL ONLINE 2002
Antworten
borgling:

DER KAMPF UMS KASPISCHE ÖL (2)

 
06.09.02 13:01
Wem gehört das Kaspische Meer?

Von Lutz C. Kleveman, Turkmenbaschi

Kampfjets fliegen Einsätze gegen Forschungsschiffe, Regierungen streiten über die Frage, ob ein Meer ein See sein kann, und die Anrainerstaaten sperren ihre Häfen für die Schiffe der Nachbarn. Der Streit um die Claims am Grund des Kaspischen Meers treibt skurrile Blüten und birgt riskante Konflikte.

Krieg im Namen von Ewing-Oil 775777

Pechschwarzer Qualm quillt aus den zwei Schornsteinen der "Professor Gül", als der Kapitän die Maschinen hochfahren lässt. Mit fast einer Woche Verspätung startet der alte Dampfer aus dem Hafen von Baku, denn die Stadt hatte der persischen Bedeutung ihres Namens ("windige Stadt") alle Ehre gemacht: Drei Tage lang fegte ein Sturm übers Meer und zwang alle Schiffe in den Hafen. Der rostige Pott, gut 150 Meter lang, nimmt eigentlich nur Lkw und Bahnwaggons in seinem Bauch auf, aber mit knapp 50 Dollar ist man als ausländischer Passagier dabei. Dafür gibt es zwar nur einen zerschlissenen Sessel, doch gegen eine nette, raschelnde Geste weist die dicke Babuschka auf dem Oberdeck dem Passagier auch eine Kabine zu. Auf dem langen Gang ist es still, sehr still - für die Schiffspassage gibt es nur wenige Kunden.

Die Route von Baku bis in die turkmenische Hafenstadt Turkmenbaschi führt dicht an den meisten Bohrinseln der internationalen Petroleumkonzerne vorbei, die entlang einer Kette von kaspischen Öl- und Gasfeldern liegen. Noch immer weiß niemand sicher, welchem Staat dieser Reichtum zusteht. Bis heute haben sich die fünf kaspischen Anrainerstaaten - Russland, Kasachstan, Turkmenistan, Iran und Aserbaidschan - nicht auf eine territoriale Aufteilung des Gewässers einigen können. Aserbaidschan liegt gleichzeitig mit Turkmenistan und mit Iran in einem erbitterten Grenzstreit, der einmal bereits fast in einen bewaffneten Konflikt umgeschlagen wäre.

Mitte Juli vergangenes Jahres brach ein Forschungsschiff von BP Amoco unter aserbaidschanischer Flagge von Baku aus in den südlichen Teil des Kaspischen Meers auf, um Probebohrungen in einem vermuteten Ölfeld zu unternehmen. An Bord waren vor allem Geologen und Ingenieure. Um die Mittagszeit des 23. Juli donnerten plötzlich zwei Kampfjets der iranischen Luftwaffe über ihre Köpfe hinweg und kreisten zwei Stunden über dem Schiff. Dann tauchte ein iranisches Kanonenboot auf. Über Funk forderte der Kapitän die Besatzung des BP-Schiffs auf, unverzüglich alle Bohrungen einzustellen und iranische Hoheitsgewässer zu verlassen.

"Szenario für einen Dritten Weltkrieg"

Das Forschungsschiff drehte bei. "Unsere Leute waren weit mehr als hundert Seemeilen von der iranischen Küste entfernt", sagte BP-Sprecher Steve Lawrence später. "Aber die Iraner waren bewaffnet, da war nichts zu machen." Die aserbaidschanische Regierung und amerikanische Diplomaten protestierten heftig, und Washington lieferte der Küstenwache seines Verbündeten zwei neue Patrouillenboote. Das iranische Außenministerium rechtfertigte das Eingreifen damit, dass sich das BP-Schiff in Gewässern befunden habe, die nach Teherans Auffassung dem Iran gehören. "Wir mussten zu militärischen Mitteln greifen, alle unseren diplomatischen Noten zuvor haben die Aserbaidschaner doch einfach ignoriert", sagte ein iranischer Regierungsbeamter. "Jetzt haben sie begriffen, dass es uns ernst ist."

Krieg im Namen von Ewing-Oil 775777

Der Streit geht um eine an sich sehr simple Frage: Ist das Kaspische Meer ein Meer, oder ist es ein See? Dieses Thema würde normalerweise höchstens Rechtsgelehrte beschäftigen - ginge es hierbei nicht um Milliarden Tonnen Öl. Wie sie aufgeteilt werden, das hängt von der Definition des mit 386.400 Quadratkilometern Fläche größten Binnengewässers der Welt ab. Dabei verhält es sich genau andersherum als gemeinhin angenommen: Betrachtet man das Kaspische Meer als Meer, dann würden die Anrainer lediglich einige Seemeilen vor ihrer Küste kontrollieren. Die große Mitte des Meeres hingegen wäre internationales Gewässer, dessen Schifffahrtswege, Fischschwärme und Bodenschätze von allen Beteiligten gemeinsam genutzt werden könnten. Sie müssten sich darauf einigen, wie die Ölquellen ausgebeutet und die Profite geteilt werden.

Ist das Kaspische Meer hingegen ein See, wird der gesamte Grund unter den Anrainern aufgeteilt, wie ein Kuchen. Die meisten Rechtsexperten legen die internationale Konvention des Seerechts so aus, dass das Kaspische Meer das ist, was der Name sagt: ein Meer. Der Duden kennt allerdings neben der Bezeichnung "Kaspisches Meer, das" auch den Namen "Kaspisee, der", was darauf hinweist, dass auch die Frage nach dem eigentlichen Namen des Gewässers strittig ist.

Eine vertrackte Situation, die das sonst eher nüchterne britische Magazin "Economist" mit einem "Szenario für einen Dritten Weltkrieg" verglich: Während die vier ehemals sowjetischen Republiken den Grund des Meeres und die dort liegenden Bodenschätze in fünf ungleiche Sektoren unterteilen wollen, die dem Küstenanteil eines jeden Landes entsprechen, besteht der Iran auf zwanzig Prozent der Fläche, vom Grund bis zur Wasseroberfläche. An der so entstehenden neuen Grenze auf dem Wasser patrouillieren iranische Marineboote schon heute. Teheran beruft sich auf alte Verträge mit der Sowjetunion aus den Jahren 1921 und 1940, die festschrieben, dass beide Länder das Gewässer unbegrenzt nutzen konnten. Dahinter steht der Verdacht der Mullah-Regierung, dass die Vereinigten Staaten die Arbeit amerikanischer Ölfirmen zum Vorwand für eine militärische Präsenz nehmen könnten. Damit lägen Schiffe der US-Marine nicht mehr nur im Persischen Golf vor iranischen Küsten.

Als wäre dies nicht Konfliktstoff genug, sind sich auch Aserbaidschan und Turkmenistan über die Zuteilung der Ölvorkommen uneins. Ginge es nach den Turkmenen, würde eine strikt vertikale Grenze durch das Meer gezogen und mindestens die Hälfte aller jetzt von Aserbaidschan beanspruchten Bodenschätze gehörten dem Nachbarstaat im Osten.

Krieg im Namen von Ewing-Oil 775777

Die "Professor Gül" passiert jedoch unbehelligt die Konfliktgrenze. Backbord tauchen vorne die verrottenden Bohrtürme der Sandinsel auf, eine der größten Off-Shore-Produktionsstätten des staatlichen aserbaidschanischen Ölkonzerns Socar. Von der Insel ragt sie ins offene Meer: ein gigantisches Geflecht aus auf Holzpfählen gebauten Pipelines, Pumpstationen, Bohrtürmen und etwa zwölf Kilometern Verbindungsstraßen. "Die Bauten sind sehr alt, man muss vorsichtig sein, wo man hintritt", warnte Generaldirektor Vagif Guseinow bei einem Reporterbesuch Wochen zuvor. Vorsicht ist auf der Sandinsel tatsächlich angebracht, denn die Anlage aus dem Jahre 1952, damals ein Juwel sowjetischer Ingenieurskunst, ist inzwischen hoffnungslos verrottet.

Pipelines und Ölreservoirs rosten vor sich hin, die windschiefen Bohrtürme aus Holz und Stahl erinnern an Bilder der ersten Ölquellen im Pennsylvania des 19. Jahrhunderts. "Westliche Investoren haben sich bis jetzt noch nicht für die Sandinsel interessiert", kommentiert Guseinow trocken. Auf 150.000 Tonnen im Jahr sei die Produktion gesunken, ein Bruchteil der einstigen Fördermenge. Dennoch arbeiteten noch immer 1600 Menschen auf der Sandinsel. "Wir werden die Anlage nie dichtmachen, auch wenn alle Quellen erschöpft sind. Die Menschen brauchen doch Arbeit."

Die größte Bohrinsel der Welt

Gegen Mitternacht, als die sich mühsam vorwärts kämpfende "Professor Gül" bereits auf hoher See ist, werden Wind und Wellen wieder mächtiger. Backbord liegt jetzt das riesige Ölfeld Chirag. Die Blase, mit geschätzten fünf bis sieben Milliarden Barrel Inhalt, riss sich der BP-Konzern Mitte der neunziger Jahre unter den Nagel. Eine gewaltige Flamme, gespeist aus abgefackeltem Gas, ist bereits seit zwei Stunden zu sehen, aus bestimmt mehr als 30 Seemeilen Entfernung. Rote Wolken zaubert das Feuer an den Himmel und schillernde Kämme auf die Wellen bis vor den Schiffsbug - so muss in der Antike der Leuchtturm von Alexandria gewirkt haben.

Doch es ist nicht der einzige helle Schein auf dem Meer: Westlich von Chirag zittern in der Ferne die Lichter von Neft Dashlarin (Ölige Felsen), die größte off-shore Bohrinsel der Welt. Anders als die kleinere Sandinsel, ist sie eine richtige Stadt auf Stelzen, von sowjetischen Ingenieure 1949 über dem Wasser errichtet. Mehr als einhundert Kilometer Straßen verbinden zahllose Bohrtürme, für die Tausenden Arbeiter gibt es Wohnblocks, ein Kino und Bars. Als ein Wunderwerk sozialistischer Ingenieurskunst galt Neft Dashlari damals weltweit, der Stolz eines Landes, das wenige Jahre zuvor den Marsch der Armeen Adolf Hitlers auf die kaspischen Ölquellen gestoppt hatte. Heute, fünfzig Jahre später, verfallen die hoffnungslos veralteten Anlagen wie die der Sandinsel. Immer wieder kommen Arbeiter bei Unfällen ums Leben.

Krieg im Namen von Ewing-Oil 775777

Einer, der die gesamten fünfziger Jahre auf den Öligen Felsen verbracht hat, ist Hokhsbat Yusifzadeh, heute mächtiger Vizepräsident von Socar, dem staatlichen aserbaidschanischen Ölkonzern. "Wir waren Pioniere damals, und das Öl floss in rauen Mengen - es war eine großartige Zeit", schwärmt der heute 72-jährige Grandseigneur. "Vergessen Sie nicht, es arbeiteten auch viele Frauen auf Neft Dashlari, und die Abende waren lang auf dem Meer." In den siebziger Jahren wurde Yusifzadeh Chefgeologe für die gesamte kaspische Region und entdeckte viele der Ölfelder, um die die Anrainerstaaten und Konzerne heute rangeln.

Dass der Iran nun die Früchte seiner Arbeit ernten möchte, ärgert den Aserbaidschaner: "Gäbe es die mächtige Sowjetunion noch, würden sie nicht wagen, unsere Ölfelder im Süden zu beanspruchen. Damals hat es die Iraner ja gar nicht gestört, wenn ich dort gebohrt habe."

Am nächsten Morgen, kurz nach Sonnenaufgang, kommt die turkmenische Küste in Sicht. Plötzlich ist ein lautes Kettenrasseln zu hören - die "Professor Gül" wirft Anker. "Wir werden hier gewiss noch bis morgen früh liegen müssen", sagt Bootsmaat Avaz gelassen. "So sind sie, die Turkemenen. Ihr Präsident ist sauer auf unseren Präsidenten, weil Aserbaidschan alle guten Ölfelder abgegriffen hat, darum lassen sie uns nicht in den Hafen."

Erst 23 Stunden später legt das Schiff endlich im Hafen von Turkmenbaschi an, und auf dem Kai tauchen mehrere uniformierte Männer auf, im Licht der Scheinwerfern nur als gesichtslose Silhouetten mit Pistolen am Gürtel erkennbar - turkmenische Grenzpolizisten. Nach weiteren anderthalb Stunden schließlich, nachdem die Beamten die Ladung peinlich genau inspiziert haben, darf der einzige Passagier aus Baku seinen Pass vorzeigen und von Bord gehen.

SPIEGEL ONLINE 2002


Antworten
Auf neue Beiträge prüfen
Es gibt keine neuen Beiträge.


Börsen-Forum - Gesamtforum - Antwort einfügen - zum ersten Beitrag springen
--button_text--