Ist der König der Heimwerker überbewertet?
Heimwerkern oder auf Englisch "Do it youself" ist in den USA geradezu ein Volkssport - in gewissem Sinne die transatlantische Version vom deutschen "Schaffe, schaffe Häuslebaue". Von diesem Trend profitiert in den USA der weltweit größte Heimwerkermarkt Home Depot. Das Unternehmen hat mit über 1200 Niederlassungen und Hauptsitz in Atlanta bietet alles, was das Heimwerkerherz begehrt, von der Reißzwecke bis zur Gardine.
Neben den eigentlichen Produkten stellt Home Depot HD.NYS
HDI.FSE
auch eine umfangreiches Serviceangebot zur Verfügung. Daneben polieren die Heimwerker aus Atlanta ständig auch ihren Geschäftsplan auf. So können nun Produkte ebenfalls über das Internet bezogen werden und Home Depot plant, kleinere "Dorfläden" einzurichten. Der Riese wird zum Tante Emma Laden unter den Heimwerkern. Nicht ganz, aber Home Depot ist immer wieder auf Erneuerung aus, ein Aspekt, den Analysten besonders an dem Unternehmen schätzen. Im vergangenen Jahr wurde der ehemalige General Electric-Manager Rober Nardelli zum neuen CEO ernannt und auf einem jüngsten Analystenmeeting hat der Boss so manche neue Idee präsentiert.
Optimistische Prognosen
Home Depot rechnet mit einem Umsatzwachstum von 15 bis 18 Prozent im nächsten Jahr und einem Anstieg bei den Gewinnen von 18 bis 20 Prozent. Gar nicht mal unmöglich sagen die Analysten, auch wenn diese Zahlen leicht über den Konsensschätzungen liegen. Im dritten Quartal erreichte Home Depot einen Gewinnanstieg von 20 Prozent, während die Umsätze um 15 Prozent anzogen.
Großes Potential besteht auch in den Bereichen Service und Profimarkt. Der Servicemarkt beläuft sich heute auf rund 180 Milliarden Dollar. Von diesem Kuchen schneidet Home Depot sich bisher nur 2,5 Milliarden ab. Darum soll der Bereich in den nächsten drei Jahren auch um rund 40 Prozent wachsen. Das plant man u. a. durch Partnerschaften mit dem Air Conditioning-Anbieter Trane und dem Dienstleister ServiceMaster (Rasenpflege und Kammerjäger) zu verwirklichen. Mit beiden Unternehmen soll auch im Profibereich, also bei der Lieferung an Handwerkerbetriebe, zusammengearbeitet werden.
Mehr verkaufen, weniger Zuträgerarbeiten
Hier hat Home Depot bereits experimentiert. Bis 2004 will das Unternehmen jedes Jahr 200 neue Läden zu eröffnen, von denen ein guter Teil auch das Handwerkspublikum bedienen soll. Bei diesen Geschäften handelt es sich dann um eine Art Großmarkt mit spezialisierter Bedienung für jede Abteilung und einer verbesserten Zustellung. Und damit wären wir auch schon beim zweiten Punkt der großen Umstrukturierung von CEO Nardelli, dem "Service Performance Improvement" (Dienstleistungsverbesserung) oder kurz SPI.
Der Grundgedanke dabei ist, dass die Kundenbedienung dadurch wesentlich verbessert wird, dass die Angestellten sich am Tag auf den Verkauf konzentrieren und alle anderen Arbeiten wie Annahme von Bestellungen oder Regale auffüllen von einer neuen Nachtschicht übernommen werden. Bisher waren es nämlich genau diese Tätigkeiten, mit denen Angestellten rund 70 Prozent ihrer Zeit verbrachten, während nur 30 Prozent mit dem Kunden verbracht wurden. Damit ist nun Schluss und das Verhältnis wird umgekehrt. Und mit Erfolg: Bisher erhöhten sich die Verkaufsstunden schon um rund 11 Prozent. Hier besteht nach Ansicht der Analysten bei Bear Stearns noch viel Potential.
Zentralisierter Einkauf
In Richtung höhere Effektivität geht auch die Entscheidung der Unternehmensleitung, den Einkauf im Hauptsitz in Atlanta zu zentralisieren. Damit können Kosten eingespart und Güter schneller und flexibler verteilt werden. In der Hand der neun lokalen Geschäftssitze bleibt jedoch die Präsentation der Produkte, die Kundenbetreuung und die Verwaltung der Läden. Eine schlaue Entscheidung, da die Leute vor Ort meist einen besseren Draht zum Kunden haben und damit ein gewisses "lokales Flair" beibehalten wird. Weiterhin dient diese Entscheidung auch dem neuen Konzept der "Dorfläden", die oft auf eine sehr spezielle Nachfrage im jeweiligen Einzugsgebiet reagieren müssen.
Auf mehr Verantwortung des einzelnen Angestellten zielt auch die Entscheidung des Managements, dass jeder Geschäftsbereich sein Input in den Planungsprozess des Unternehmens für die nächsten 12 Quartale hat. Damit sollen solide und realistischere Prognosen erzielt und Angestellte dazu angehalten werden, sich aktiv an der Geschäftsentwicklung zu beteiligen. Wer weiß, vielleicht war die Entscheidung, die Dekor-Abteilungen in den Heimwerkerläden "damenfreundlicher" einzurichten (Teppichboden, bessere Beleuchtung) schon die erste Frucht dieser Strategie.
Dass die Analysten von den Veränderungen und Ideen bei Home Depot überzeugt sind, zeigen die positiven Empfehlungen. UBS Warburg gibt dem Heimwerker die Note "Strong Buy", Merrill Lynch rät "Buy" und gibt ein Kursziel von 58 Dollar an. Auch Bear Stearns rät zum Kauf, setzt sein Kursziel aber drei Dollar niedriger, also bei 55 Dollar an. Außerdem bescheinigen die Analysten bei Morningstar dem Unternehmen auch noch eine reine Bilanz und wenig Schulden. Der freie Cash Flow ist aufgrund der hohen Kosten für den Bau neuer Läden und Investitionen in die Umstrukturierung negativ. Dies könnte sich im kommenden Jahr aber schon ändern.
Wie steht es mit der Bewertung?
Soweit, so gut. Doch hat das Konzept von fast 200 neuen Läden pro Jahr wirklich noch Zukunft? Zahlen Anleger bei einem Kurs-Gewinn-Verhältnis zwischen 35 und 40 nicht zuviel für diesen Marktführer? Sicher, Home Depot sollte in keinem Portfolio, das sich für die Heimwerkerbranche interessiert, fehlen. Und die Umsatzsteigerung von 24 Prozent pro Jahr in den letzen vier Jahren kann sich durchaus sehen lassen. Dennoch scheinen die Bewertungen derzeit zu sehr auf die zukünftige Performance des Unternehmens ausgerichtet und buttern die gegenwärtigen Leistungen etwas unter.
Home Depot hat die lukrativsten Gebiete der USA bereits mit Geschäften angedeckt. Da scheint die Lösung der Dorfläden doch wie ein - übrigens recht kostspieliger - Ausweg. Dabei ist auch zu bemerken, dass die neuen Geschäfte weniger lukrativ als die bereits existierenden sind.
Das Unternehmen hat innovative Ideen und das Management arbeitet sehr fokussiert. Dennoch muss CEO Nardelli nun erst beweisen, ob seine Initiativen das Wachstum auch in den kommenden paar Jahren steigern können. Anleger sollten daher abwarten, bis der Kurs nachlässt, bevor sie bei Home Depot einsteigen.
Home Depot Barometer
- Gewinn- und Umsatzsteigerungen bis zu 20% im 3. Quartal, trotz schlechter Konjunkturlage
- Kosteneinsparungen und Umstrukturierungen können Umsatz weiter steigern, z. B. durch neues Serviceangebot
- Wachstum wurde organisch erzielt
- neue Maßnahmen zur Erhöhung der Effektivität zeigen schon erste Erfolge
- lukrativste Märkte sind bereits abgedeckt
- Konzept der kleineren Läden muss sich erst beweisen
- hohes KGV zwischen 35 und 40