„Sehr geehrter Herr Müller-Oderbruch, wenn Sie nicht augenblicklich dafür Sorge tragen, dass sich Ihr widerlicher, faschistischer Hund von unseren Rosenbeeten ..." Nein, das geht nicht, es geht im Leben nicht. Wie kann einem Menschen Ehre, noch dazu gesteigerte Ehre entgegengebracht werden, welcher ein arroganter Stiesel ist und ein Schubiack dazu? Wie also den Brief beginnen? Geschätzter Herr Müller-Oderbruch? Macht das Raspelkraut nur noch fetter. Einfach nur: „Herr Müller-Oderbruch" und Komma? Wirkt wenig elegant, ist hinten und vorn kein Einstieg; da fällt einer in den Text hinein, als würde er im Schwimmbecken einen Bauchplatscher hinlegen. Noch ein Versuch, diesmal mit Rufezeichen: „Herr! Wenn Sie nicht . .." Schön bündig, hat aber was Antiquiertes. Das geht vielleicht auf der Straße (Herr, Sie haben mich fixiert – Degen oder schwere Säbel?), aber nie und nimmer auf Briefpapier.
Ein Dilemma. Wirklich neutrale, standardisierte Anreden existieren nicht, und so drücken täglich Tausende Menschen schlangengleich ihre gespaltenen Zungen auf die Büttenware. Höhepunkt der Falschheit: die Liebe. „Liebe Frau Müller-Deixlfurt" meint dann zum Beispiel die Wachtel vom vierten Stock, die täglich ihr Gießwasser vom Balkon herunterprasseln lässt. Neuerdings enden viele Briefe auch noch mit „lieben Grüßen", und zwar von Leuten, mit denen man weder Schweine gehütet hat noch in einen wie auch immer gearteten Körperkontakt treten möchte. Hilft aber nichts, es ist wie damals in der Kindheit, als sich der Mund der nach Kampfer riechenden Großtante bedrohlich näherte zum finalen Schmatz. Herzschmerz kam hinterher. Weil falsche Liebe so verwerflich ist, tun wir aber recht daran, den Heiratsschwindler mehr zu verachten als den Exhibitionisten, welcher es wenigstens ehrlich meint.
Deshalb, hochverehrte Gesellschaft für deutsche Sprache, hilf! Was vertändelt Ihr eure Zeit mit Seeelefanten und Gämsen, wenn es Wichtigeres zu tun gibt. Zeigt auch Ihr, was Ihr könnt, geschätzte Mitglieder der zwischenstaatlichen Sprachkommissionen und Duden-Ausschüsse! Hat der gemeine Mensch doch wenig davon, wenn er einen Abt mit „Euer Gnaden" oder einen Uni- Dekan mit „Eure Spektabilität" anzureden weiß, das Leben ihm aber die Gelegenheit dazu nicht bietet. Wohingegen er doch in einer Tour Post an Männer und Frauen zu schicken hat, denen die Ehre wenn schon nicht abzusprechen, so doch zumindest mit Nichtwissen zu bestreiten ist, bis zum Beweis des Gegenteils. Für sie braucht es eine Anrede, so emotionsfrei wie offen für spätere Liebe und spätere Abneigung. Und für Herrn Müller-Oderbruch, wenn es ihn denn gibt, eine handfeste Formel, hart, aber gerade noch nicht justitiabel.
Quelle:SZ
Ein Dilemma. Wirklich neutrale, standardisierte Anreden existieren nicht, und so drücken täglich Tausende Menschen schlangengleich ihre gespaltenen Zungen auf die Büttenware. Höhepunkt der Falschheit: die Liebe. „Liebe Frau Müller-Deixlfurt" meint dann zum Beispiel die Wachtel vom vierten Stock, die täglich ihr Gießwasser vom Balkon herunterprasseln lässt. Neuerdings enden viele Briefe auch noch mit „lieben Grüßen", und zwar von Leuten, mit denen man weder Schweine gehütet hat noch in einen wie auch immer gearteten Körperkontakt treten möchte. Hilft aber nichts, es ist wie damals in der Kindheit, als sich der Mund der nach Kampfer riechenden Großtante bedrohlich näherte zum finalen Schmatz. Herzschmerz kam hinterher. Weil falsche Liebe so verwerflich ist, tun wir aber recht daran, den Heiratsschwindler mehr zu verachten als den Exhibitionisten, welcher es wenigstens ehrlich meint.
Deshalb, hochverehrte Gesellschaft für deutsche Sprache, hilf! Was vertändelt Ihr eure Zeit mit Seeelefanten und Gämsen, wenn es Wichtigeres zu tun gibt. Zeigt auch Ihr, was Ihr könnt, geschätzte Mitglieder der zwischenstaatlichen Sprachkommissionen und Duden-Ausschüsse! Hat der gemeine Mensch doch wenig davon, wenn er einen Abt mit „Euer Gnaden" oder einen Uni- Dekan mit „Eure Spektabilität" anzureden weiß, das Leben ihm aber die Gelegenheit dazu nicht bietet. Wohingegen er doch in einer Tour Post an Männer und Frauen zu schicken hat, denen die Ehre wenn schon nicht abzusprechen, so doch zumindest mit Nichtwissen zu bestreiten ist, bis zum Beweis des Gegenteils. Für sie braucht es eine Anrede, so emotionsfrei wie offen für spätere Liebe und spätere Abneigung. Und für Herrn Müller-Oderbruch, wenn es ihn denn gibt, eine handfeste Formel, hart, aber gerade noch nicht justitiabel.
Quelle:SZ