Löcher bei Kanadas Pensionskassen
Unterdeckung im Ausmass von 20 Prozent des BIP
Eine Untersuchung zuhanden der Association of Canadian Pension Management durch drei Research-Firmen hat zur Erkenntnis geführt, dass die kanadischen Pensionskassen massive Deckungslücken im Ausmass von über 220 Mrd. kan. $ aufweisen.
Fdr. Vancouver, 29. Mai
Kanadas Pensionskassen (PK) weisen massive Deckungslücken auf. Eine neue Studie für die Association of Canadian Pension Management, welche von drei Firmen (Mercer, Tower Perrins und Waton Wyatt) gemeinsam verfasst worden ist, kommt nach der Untersuchung von etwas mehr als 1000 Pensionskassen zu verheerenden Ergebnissen. Diese Kassen, die teils von Unternehmen, teils von öffentlichrechtlichen Körperschaften geführt werden und die über Aktiven von 275 Mrd. $ verfügen, weisen zusammen eine aggregierte Deckungslücke von rund 225 Mrd. kan. $ auf. Die Probleme beschränken sich dabei entgegen verbreiteter Meinung nicht nur auf Kassen von Grossfirmen wie zum Beispiel Air Canada oder Inco; bei den kleineren und mittelgrossen Pensionskassen sind Löcher ebenso verbreitet. 225 Mrd. $ sind ein nicht zu unterschätzender Betrag, entspricht er doch rund 20% des kanadischen Bruttoinlandproduktes. Unter gleich bleibenden Umständen, das heisst bei unveränderten Aktienkursen und Zinssätzen, könnte der Fehlbetrag nur durch Zuschüsse im Ausmass von jährlich 2 BIP-Prozenten über die nächsten 15 Jahre hinweg gedeckt werden.
Verschwindende Pensionskassen
Da dies Annahmen sind, die sich in Wirklichkeit kaum umsetzen lassen werden, gehen die Verfasser des Berichtes davon aus, dass eine Reihe von Pensionskassen schlicht und einfach von der Bildfläche verschwinden werden, während andere durch höhere Beiträge der Unternehmen bzw. der Arbeitnehmer vermehrt gespeist werden dürften. Während beispielsweise bei Staatsbeamten für Leistungen einer Pensionskasse zwar kein Bedürfnis besteht, weil sie nach der Pensionierung ein Ruhegehalt aus öffentlichen Mitteln zugestanden erhalten, und während die kanadische Altersvorsorge des Canada Pension Plan (CPP) von den geschilderten Problemen nicht betroffen ist, sind doch rund 45% aller kanadischen Arbeitnehmer Mitglied einer Pensionskasse. Dabei kann es sich um Mitarbeiter von Firmen unterschiedlichster Art, aber auch etwa um die Lehrerschaft einer ganzen Provinz handeln; die Pensionskasse der Lehrervereinigung von Ontario etwa ist eine der grösseren Pensionskassen im Land, die im Fall der Zuteilung von Neuemissionen normalerweise bei den Broker- Abteilungen der Banken ein gewichtiges Wort mitzusprechen hat.
Bei den hiesigen Pensionskassen unterscheidet man grundsätzlich zwei verschiedene Typen. Die einen haben «defined contributions»; so wird etwa jeden Monat sowohl vom Unternehmen wie auch von den Mitarbeitern ein bestimmter Betrag in eine PK abgeführt. Bei der (möglicherweise frühzeitigen) Pensionierung bekommt der Pensionisten ganz einfach den ihm zustehenden Teil der aufgelaufenen Kapitalien mit Zinsen als Rente ausbezahlt. Problemreicher sind die Pensionskassen mit «defined benefits»; bei diesen haben Pensionäre Anrecht auf im Voraus festgelegte Leistungen, die üblicherweise auch mit der Firmenzugehörigkeit gekoppelt sind (zum Beispiel 60% der durchschnittlichen Entlöhnung der letzten fünf Jahre für einen Angestellten, der der Firma 30 Jahre angehört hat). Falls die Kassenmittel in diesem Fall für die anfallenden kontinuierlichen Pensionierungen in der Belegschaft nicht mehr ausreichen, die Deckung also ungenügend ist, sehen sich die entsprechenden Pensionskassen vor schwerwiegende Entscheidungen gestellt. Sie können mehr Geld in die Kasse pumpen, was die Aktionäre gegen die Firmenleitung aufbringen wird; sie können den verbleibenden Angestellten mehr belasten, was diese kaum zu Freudentänzen veranlasst, oder sie können beide Massnahmen kombinieren.
Ottawa ohne Hilfsfonds
Die PK können aber auch einfach weniger bezahlen als vereinbart, was ihnen wiederum Gerichtsklagen und schwere Kritik der Gewerkschaften einbringen dürfte. Oder sie können sich theoretisch der Verpflichtungen der Pensionskassen durch Konkurserklärung und Reorganisation überhaupt entziehen. Derartiges ist in den USA und in der Bundesrepublik wiederholt vorgekommen; der grosse Unterschied zu Kanada besteht indessen darin, dass die Bundesregierung in Ottawa im Gegensatz zu den beiden anderen Ländern über keinerlei Hilfsfonds verfügt, der in derartigen Fällen automatisch einspringt. Die Gewerkschaften sind denn auch vehement darum bemüht, keinen solchen Fall entstehen zu lassen. Im Fall der Air Canada hat allerdings das Office of the Superintendent of Financial Institution (OSFI) die Firma angewiesen, mehr Geld in die PK einzuschiessen. Die Problematik tritt hier klar zutage: Es gilt nämlich als gesichert, dass die Mahnung des OSFI mit dazu geführt hat, dass Air Canada in der Folge um Gläubigerschutz nachgesucht hat. Wer zuletzt die Zeche bezahlt, ist bis jetzt unklar. Bei Inco, die mit einem PK-Defizit von 1,3 Mrd. $ kämpft, spielt sich zurzeit Ähnliches ab.
Ein temporäres Problem?
Eine Reihe von Beobachtern sind der Meinung, es handle sich bei der Unterdeckung der kanadischen Pensionskassen, so schwerwiegend sie sich präsentiert, nur um ein temporäres Problem. Die Verfasser der Studie bestreiten dies energisch: Nicht nur seien zurzeit die Zinsen tief und die Aktienkurse nach wie vor im Keller. Es dürfte wohl auch Wunschdenken sein, dass sich früher erzielte Renditen bald wieder realisieren lassen. Tatsache ist in den Augen der Berichtverfasser, dass PK mit «defined benefits» schon von jeher problematisch waren; die letzte Hausse an den Aktienmärkten habe die Problematik ganz einfach verdeckt. Kommt im Fall von Kanada dazu, dass die Zusammensetzung des Portefeuilles einer PK mit Festverzinslichen und Dividendenpapieren von Gesetzes wegen nicht definiert ist. Es gibt, mit anderen Worten, Pensionskassen, deren ganzes Vermögen zu 100% aus Aktien besteht. Kein Wunder also, dass die Unterdeckung derartige Ausmasse angenommen hat.
www.nzz.ch/2003/05/31/wi/page-article8VSL8
Und genau deshalb geht die Rallye weiter, weil sie es einfach muss? Die Schieflage der Pensionsfonds lässt sich über Wirtschaftswachstum kaum finanzieren, sondern nur über satte Kursgewinne, weit jenseits der Wachstumsraten.
Die Haussee nährt die Haussee, und das bei den Fundamentalen Aussichten. Der große Knall folgt noch!
Grüße
ecki