Einige Skeptiker in USA argumentieren, dass Biden FnF nicht freilassen wird, weil er dann die Gewinne nicht mehr in die Staatskasse umleiten ("stehlen") kann. In der Briefvereinbarung vom 15.01.21, die der scheidende Trump-Finanzminister Mnuchin und Calabria aufgesetzt hatten, wurde jedoch festgelegt, dass FnF von da an sämtliche Gewinne einbehalten können, bis sie über hinreichend Eigenkapital verfügen (slow recap).
Das heißt: Der Staat kann die FnF-Gewinne faktisch NICHT mehr für sich abzweigen. Allerdings wächst seine Liquidation Preference (LP) weiterhin mit jedem Cent, den FnF verdienen. Die Skeptiker argumentieren, dass die Regierung auf diese Weise "hinten rum" immer noch alle Gewinne abkassiert.
Die LP greift jedoch nur im Pleitefall, z. B. bei einem Crash im US-Hausmarkt. Ein solcher Crash würde die Kurse der MBS-Verbriefungen, die FnF herausgegeben haben, einbrechen lassen. FnF haften dann für die Verluste aus faul werdenden Hypotheken-Verträgen in diesen MBS. Ist das vorhandene Eigenkapital (EK) aufgebraucht, wären FnF definitiv pleite. Die LP legt als Rechtstitel lediglich fest, dass die Regierung im Pleitefall vor allen anderen Gläubigern und Aktionären ihr über die SPS verliehenes Geld zurückerhält.
Ohne Crash im Hausmarkt ist die LP somit ein Nullevent.
Die Briefvereinbarung von Januar (Mnuchin, Calabria) hat das Abgreifen sämtlicher Gewinne (Net Worth Sweep, kurz NWS) lediglich pausiert, bis das EK in erforderlicher Höhe erreicht ist. Danach könnte der NWS im Prinzip fortgesetzt werden.
Scotus hat sich in seiner Opinion zum Collins-Fall fälschlicherweise darauf berufen, dass mit der Briefvereinbarung vom 15.01.21 den Forderungen der Collins-Kläger (Löschung der SPS) bereits weitgehend Genüge getan sei, weil der NWS seitdem angeblich "weg" sei.
Das ist nicht korrekt, weil der NWS eben nach Erreichen des Soll-EK wieder automatisch fortgesetzt würde. Allerdings spricht bei Erreichen des Soll-EK nichts mehr dafür, die Zwangsverwaltung fortzusetzen. Und außerhalb der Zwangsverwaltung gäbe es keinen NWS mehr.
Die Scotus-(Fehl-)Entscheidung bezüglich NWS ist in einem weiteren Punkt - in positiver Weise - bedeutsam. Sie meißelt das 4. Amendment (Briefvereinbarung vom 15.01.21) praktisch in Stein. Biden kann nun nicht mehr in einem neuen 5. Amendment den "slow Recap" zurücknehmen und schlimmstenfalls den NWS reinstalliert - in weiterer "Dauergefangenschaft". Denn damit würde er sich gegen die Scotus-Opinion stellen.
D. h. Scotus hat mit seinem Urteil die Biden-Admin praktisch gezwungen, den von der Trump-Admin vorgegebenen Weg von Recap/Freilassung beizubehalten.
Dass die Liquidation Preference weiterhin steigt, soll unter anderem verhindern, dass die nun ja wieder anfallenden Gewinne zu Dividendenzahlungen für die JPS und die Stammaktien führen. Im Prinzip ist das auch sinnvoll, denn der Recap ist für die beiden Firmen aktuell das Wichtigste. Auch die Regierung hat an diesem Recap ein hohes Interesse, weil so ein Schutzpuffer aus privatem Kapital aufgebaut wird. Bei einem Housing-Crash würde dieser Puffer zuerst "aufgebraucht" werden, erst danach greift die implizite Staatsgarantie für die FnF-MBS.
Weil die Regierung aus dem NWS (und letztlich auch aus dem LP) kein Geld mehr aus FnF herausziehen kann, gibt es für Biden keinen vernünftigen Grund, noch weitere 3,5 Jahre mit der Freilassung zu warten. Auch weil sonst die womöglich nachfolgende Rep-Admin. die Freilassung anschieben würde – und zwar zu Konditionen, die den Rep-Vorstellungen entsprechen (d.h. FnF "klein halten") Das wäre nicht im Interesse der Demokraten. Fakt bleibt, dass der FHFA-Direktor gemäß der Scotus-Opinion nun auch für die Reps jederzeit feuerbar ist. Der nächste Rep-Präsident würde daher sofort wieder einen auf Rep-Linie liegenden Direktor wie Calabria einsetzen.
--------------------------------------------------Die zwei verbleibenden Wege für die Biden-Admin., unter diesen Prämissen noch Geld aus FnF rauszuziehen, sind....
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1. eine Ausübung der Regierungs-Warrants, die schätzungsweise 15 bis 50 Mrd. $ in die Staatskasse spült. Sie ist für die Aktionäre (speziell JPS) trotz Stammaktien-Verwässerung vorteilhaft, weil die Regierung dann bei den Stammaktien zur Mitaktionärin wird. Zu Geld machen (verkaufen) kann die Regierung ihre so erhaltenen Aktien nur, wenn FnF freigelassen und die Kapitalerhöhung (KE) durchgeführt ist. Die Warrants-Ausübung wäre somit ein Startschuss zur Freilassung.
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2. eine Umwandlung der SPS-Aktien der Regierung in Stammaktien, die auch zusätzlich zu (1) durchgeführt werden könnte. Diese Transaktion bringt der Regierung ca. 100 bis 120 Mrd. $ ein....
Berechnung hier:
https://www.ariva.de/forum/...ohne-ende-370497?page=1638#jumppos40956...., führt aber zu einer katastrophalen Verwässerung der Stammaktien, deren Wert dann auf wenige Cents fallen würde (sofern sämtliche SPS geswappt werden, auch ein Teil-Swap ist möglich).
"Moralisch" wäre dieser Schritt kaum zu rechtfertigen, weil die Altaktionäre bekanntlich von Hank Paulson betrogen wurden (siehe Eingangsposting dieses Threads). Die Regierung hält jedoch - wie auch Scotus zeigt - an ihrem sorgsam gepflegten Narrativ fest, dass FnF 2008 tatsächlich pleite waren, und dass der Geschäftsbetrieb nur wegen der 190 Mrd.-$-Finanzhilfe aus den SPS mühsam aufrechterhalten werden konnte. Formalrechtlich entspricht die SPS-zu-Stammaktien-Wandlung dem üblichen Prozedere bei "Bancruptcy" bzw. Restrukturierung - zwei Begriffe, die auch Calabria häufig in den Mund nahm, und sicherlich aus strategischen Gründen.
Bei einem SPS-zu-Stammaktien-Swap würde die Regierung wegen der starken Verwässerung praktisch zum Alleinaktionär. Die Zeichner der neuen Aktien verlangen typischerweise 60 % des finalen Firmenwertes nach KE. Realistisch betrachtet werden FnF nach Freilassung und KE eine Marktkapitalisierung von ca. 250 Mrd. $ haben. Die Regierung erhielte mit ihrem 40%-Anteil somit 100 Mrd. $ für ihre bereits angedachten Reform-Pläne ("affordable housing"-Programme).
Im Zuge der KE müssten noch zusätzliche 150 Mrd. $ von den Zeichnern der jungen Aktien aufgenommen werden. Dies deckt sich "zufällig" [;-)] mit den KE-Summen von 2 x 70 Mrd. $, die in der Briefvereinbarung vom 15.01.21 genannt werden.
Würden nur die Warrants ausgeübt, wäre der Verwässerung der Altaktien deutlich geringer. Die obigen 100 Mrd. $ würden dann im Verhältnis 4 zu 1 zwischen Regierung und Altaktionären aufgeteilt. Die Regierung erhielte somit 80 Mrd. $, die Altaktionäre 20 Mrd. $.
Ob die Regierung freiwillig auf diese 20 Extra-Mrd. $ verzichtet, steht in den Sternen. Kann sein, kann aber auch nicht sein. Fairer wäre es zwar. Aber mit dem Pleite-Narrativ und Scotus als Rückendeckung ist es der Regierung mMn zuzutrauen, dass sie auch die SPS swappt und somit die alten Stammaktionäre bis auf wenige Cents enteignet.
Mit dem SPS-zu-Stammaktien-Swap würde sich die Regierung zwar Klagen der Altaktionäre wegen Zwangsnationalisierung ("Takings" Case) einhandeln. Bei solchen Klagen vor dem Federal Court of Claims würden die Altaktionäre allerdings nur für die aktuelle Wertminderung der Stammaktien entschädigt. Fallen z. B. die Stammaktien wegen des Swaps von jetzt 1,50 $ auf 11 Cents, wäre über die Klage nur 1,39 $ pro gehaltener Aktie an Schadensersatz herauszuholen. Da 1,9 Mrd. FnF-Stammaktien in den Händen der Altaktionäre sind, würde diese Prozess die Regierung nur vergleichsweise läppische 2,64 Mrd. $ (1,9 Mrd. x 1,39) an Schadensersatz kosten. Interessanterweise ist in der Briefvereinbarung vom 15.01.21 eine Summe von 5 Mrd. $ für "litigation“-Kosten aufgeführt, über deren Verwendung bislang Rätselraten herrschte....
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3. Weiterhin dürften die JPS im Zuge einer Freilassung zum Nennwert in die neuen Aktien (Ticker vermutlich wieder FNM für Fannie und FRE für Freddie) "geswappt" werden, aber dies bringt der Regierung kein Extrageld in die Kasse. Es reduziert allerdings die Summe, die im Zuge der KE reingeholt werden muss, um 33 Mrd. $, weil die JPS dann aus der Bilanz verschwinden (Die Regierung setzt den par-Wert der SPS mit 35 Mrd. an, siehe Tabelle in # 407).