Vom Hendlkaiser bis zum Hosenkönig: Kirch ist nicht der erste Patriarch, der Pleite geht
Er war ein großer Unternehmer, voller Visionen, Wagemut und Überzeugungskraft - "rastlos, unbeirrbar und unbeugsam" - so huldigten die früheren Mitarbeiter in einer Todesanzeige ihrem im November 1990 bei einem Flugzeugunglück ums Leben gekommenen Chef, dem Baden-Badener Stahlpionier Willy Korf.
Diese Hommage würde zu vielen der aus dem Mittelmaß ihres Genre weit herausragenden Unternehmern passen, die buchstäblich aus dem Nichts ein eindrucksvolles Lebenswerk aufbauten und es - widriger Umstände wegen oder aus eigenem Unvermögen - wieder verloren. Ob Willy Korf gestern oder Leo Kirch heute: Sie hatten Erfolg, weil sie in großen Dimensionen dachten und mehr als andere wagten. Aber oft war es gerade das unerschütterliche Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten, das ihnen zum Verhängnis wurde.
So kommt es, dass die Ruhmeshalle der auf ihrem Zenit als Symbolfiguren des wirtschaftlichen Wiederaufstiegs gefeierten Nachkriegsunternehmer zum Teil auch eine Gedenkstätte der Gescheiterten ist. Eines der frühen Opfer war der Bremer Autoindustrielle Carl F. W. Borgward, der im Jahre 1961 Pleite ging. Borgwards 1950 auf den Markt gebrachter "Leukoplastbomber" war so populär wie der VW-Käfer. Obwohl er in der Spitze 23 000 Mitarbeiter beschäftigte, verlor der populäre Außenseiter, Sohn eines Altonaer Kohlenhändlers, durch überzogene Typenvielfalt und damit zu kleine Serien am Ende die Kontrolle über sein Unternehmen.
Vor allem in etablierten Branchen hatten es Außenseiter schwer, sich durchzusetzen. Niemand musste das schmerzlicher erfahren als der Werftunternehmer Willy Schlieker. In feinen Hamburger Kreisen galt der Sohn eines Kesselschmieds, der 1957 mit der Schlieker-Werft einen der modernsten Schiffbaubetriebe errichtet hatte, als wenig geschätzter Fremdling. Entsprechend zugeknöpft verhielten sich die Banken, als sein Unternehmen 1962 illiquide wurde. Freilich waren nicht nur die Banken an der Pleite schuld: Es ist die Tragik vieler extrem risikobereiter Unternehmer, dass sie am Ende den Überblick über die finanziellen Verhältnisse ihrer durchweg unterkapitalisierten, oftmals wenig transparenten Firmenimperien verlieren.
Dass er seine unternehmerische Karriere auf allzu dünnen Fundamenten aufgebaut hatte, galt auch für den Mann, der wie kein Zweiter die Segnungen des modernen Konsumzeitalters verkörperte: Josef Neckermann. Mit konkurrenzlos billigen Fernsehern, Urlaubsreisen und Versicherungspolicen wurde der hagere Großversender zum Wegbereiter eines bis dahin unbekannten Massenwohlstandes. Die Masse nützte wenig - 1977 musste Neckermanns renditeschwaches Versandhaus in höchster Not an den Karstadt-Konzern andocken.
Den meisten gescheiterten Vorzeigeunternehmern wurde ihr Unvermögen zum Verhängnis, mit dem Übergang zum Großunternehmen die Führung auf ein professionelles Management zu übertragen. Eine von Misstrauen erfüllte Manie, alles allein zu entscheiden, ließ auch den rheinischen Textil-Preisbrecher Alfons Müller-Wipperfürth scheitern. Der Massenschneider zeitloser Billigbekleidung wurde mit seinen schmucklosen Geschäften zur Einkaufsstätte für Leute mit kleinem Geldbeutel. Im Zenit seiner Karriere beschäftigte der im Vorwärts als "Fossil aus frühkapitalistischen Zeiten" apostrophierte Rheinländer 8000 Mitarbeiter in 18 in- und ausländischen Fabriken und setzte eine halbe Milliarde Mark um. Doch ignorierte Müller-Wipperfürth, dass sich der modische Geschmack der Deutschen von seiner fantasielosen Massenware abzuwenden begann. Ab 1974 entglitt dem "Hosenkönig" die Herrschaft über sein Textilreich immer mehr. Bis Ende 1978 war der internationale Fertigungsverbund auf einen kleinen Konfektionsbetrieb in Österreich geschrumpft.
Wie Leo Kirch ging auch vielen vor ihm im sicheren Vertrauen auf den gewohnten Erfolg das notwendige Gespür für die in ihrem Geschäft steckenden Risiken verloren. So galt die Restaurantkette Wienerwald des österreichischen Gastronomen Friedrich Jahn lange als finanziell kerngesund. Obwohl der gelernte Kellner ab 1955 in atemberaubendem Tempo ein Brathendl-Lokal nach dem anderen eröffnete und bis 1978 an 551 Plätzen präsent war, attestierten ihm die Banken eine solide Selbstfinanzierungskraft. Doch sein märchenhafter Aufstieg verführte Jahn zu waghalsigen Investitionen: Er baute Hotels, gründete eine Touristik-Tochter, erwarb eine abgewirtschaftete US-Restaurantkette. 1982 tauchten dann erstmals Gerüchte über Liquiditätsprobleme auf, Jahn musste für einen Teil seines Imperiums Vergleich anmelden und zog sich dann nach und nach aus den ihm noch verbliebenen Gesellschaften zurück. Seinen Memoiren gab er den beziehungsreichen Titel Vom Kellner zum Millionär und zurück.
Wie Friedrich Jahn scheiterten auch die meisten anderen in Existenznot geratenen Gründer weniger an ihren Produkten als an Versäumnissen in der Unternehmensführung. Max Grundig stieg nach der Währungsreform zum größten Radiohersteller Europas auf und eroberte sich ab 1952 mit Farbfernsehern eine ähnlich starke Marktposition. Doch er schaffte es nicht, über ein erfolgreiches Engagement in den USA die in seiner Branche notwendige weltweite Präsenz zu erringen. Von der fernöstlichen Industrie an die Wand gedrückt, musste der permanent mit Managementproblemen kämpfende Patriarch schließlich 1984 sein Lebenswerk in die unternehmerische Obhut des niederländischen Multikonzerns Philips legen.
Ein genialer Tüftler wie Grundig war auch der Paderborner Computerbauer Heinz Nixdorf. In einer kleinen Kellerwerkstatt in Essen hatte der Sohn eines Bahnarbeiters 1952 seinen ersten Rechner gebaut. 1985 setzte sein Unternehmen mit 23 000 Beschäftigten fast vier Milliarden Mark um. Seine Vision, den Computer zum Menschen zu bringen, stand in krassem Gegensatz zu der damaligen Philosophie der zentralen Großrechner. Doch gegen die Herausforderung der PC-Pioniere aus dem Silicon Valley reagierte auch Nixdorf zu spät. Als der Paderborner 1986 in Hannover auf der Cebit-Messe 60-jährig an einem Herzinfarkt starb, wussten Eingeweihte, dass sein Unternehmen bereits auf dem Sinkflug war. Der endete vier Jahre später mit der "weichen Landung" im Siemens-Konzern.
Nur wenigen der Gestrauchelten war es vergönnt, nach dem Zusammenbruch noch einen zweiten Versuch zu machen. Willy Korf, der mit seinen Ministahlwerken die kartellierte europäische Stahlindustrie herausgefordert und dabei zu viel gewagt hatte, schaffte es. Als er dann mit seinem Firmenflugzeug abstürzte, erzielte sein neues Unternehmen mit 3500 Beschäftigten bereits wieder einen Umsatz von einer halben Milliarde Mark.
Er war ein großer Unternehmer, voller Visionen, Wagemut und Überzeugungskraft - "rastlos, unbeirrbar und unbeugsam" - so huldigten die früheren Mitarbeiter in einer Todesanzeige ihrem im November 1990 bei einem Flugzeugunglück ums Leben gekommenen Chef, dem Baden-Badener Stahlpionier Willy Korf.
Diese Hommage würde zu vielen der aus dem Mittelmaß ihres Genre weit herausragenden Unternehmern passen, die buchstäblich aus dem Nichts ein eindrucksvolles Lebenswerk aufbauten und es - widriger Umstände wegen oder aus eigenem Unvermögen - wieder verloren. Ob Willy Korf gestern oder Leo Kirch heute: Sie hatten Erfolg, weil sie in großen Dimensionen dachten und mehr als andere wagten. Aber oft war es gerade das unerschütterliche Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten, das ihnen zum Verhängnis wurde.
So kommt es, dass die Ruhmeshalle der auf ihrem Zenit als Symbolfiguren des wirtschaftlichen Wiederaufstiegs gefeierten Nachkriegsunternehmer zum Teil auch eine Gedenkstätte der Gescheiterten ist. Eines der frühen Opfer war der Bremer Autoindustrielle Carl F. W. Borgward, der im Jahre 1961 Pleite ging. Borgwards 1950 auf den Markt gebrachter "Leukoplastbomber" war so populär wie der VW-Käfer. Obwohl er in der Spitze 23 000 Mitarbeiter beschäftigte, verlor der populäre Außenseiter, Sohn eines Altonaer Kohlenhändlers, durch überzogene Typenvielfalt und damit zu kleine Serien am Ende die Kontrolle über sein Unternehmen.
Vor allem in etablierten Branchen hatten es Außenseiter schwer, sich durchzusetzen. Niemand musste das schmerzlicher erfahren als der Werftunternehmer Willy Schlieker. In feinen Hamburger Kreisen galt der Sohn eines Kesselschmieds, der 1957 mit der Schlieker-Werft einen der modernsten Schiffbaubetriebe errichtet hatte, als wenig geschätzter Fremdling. Entsprechend zugeknöpft verhielten sich die Banken, als sein Unternehmen 1962 illiquide wurde. Freilich waren nicht nur die Banken an der Pleite schuld: Es ist die Tragik vieler extrem risikobereiter Unternehmer, dass sie am Ende den Überblick über die finanziellen Verhältnisse ihrer durchweg unterkapitalisierten, oftmals wenig transparenten Firmenimperien verlieren.
Dass er seine unternehmerische Karriere auf allzu dünnen Fundamenten aufgebaut hatte, galt auch für den Mann, der wie kein Zweiter die Segnungen des modernen Konsumzeitalters verkörperte: Josef Neckermann. Mit konkurrenzlos billigen Fernsehern, Urlaubsreisen und Versicherungspolicen wurde der hagere Großversender zum Wegbereiter eines bis dahin unbekannten Massenwohlstandes. Die Masse nützte wenig - 1977 musste Neckermanns renditeschwaches Versandhaus in höchster Not an den Karstadt-Konzern andocken.
Den meisten gescheiterten Vorzeigeunternehmern wurde ihr Unvermögen zum Verhängnis, mit dem Übergang zum Großunternehmen die Führung auf ein professionelles Management zu übertragen. Eine von Misstrauen erfüllte Manie, alles allein zu entscheiden, ließ auch den rheinischen Textil-Preisbrecher Alfons Müller-Wipperfürth scheitern. Der Massenschneider zeitloser Billigbekleidung wurde mit seinen schmucklosen Geschäften zur Einkaufsstätte für Leute mit kleinem Geldbeutel. Im Zenit seiner Karriere beschäftigte der im Vorwärts als "Fossil aus frühkapitalistischen Zeiten" apostrophierte Rheinländer 8000 Mitarbeiter in 18 in- und ausländischen Fabriken und setzte eine halbe Milliarde Mark um. Doch ignorierte Müller-Wipperfürth, dass sich der modische Geschmack der Deutschen von seiner fantasielosen Massenware abzuwenden begann. Ab 1974 entglitt dem "Hosenkönig" die Herrschaft über sein Textilreich immer mehr. Bis Ende 1978 war der internationale Fertigungsverbund auf einen kleinen Konfektionsbetrieb in Österreich geschrumpft.
Wie Leo Kirch ging auch vielen vor ihm im sicheren Vertrauen auf den gewohnten Erfolg das notwendige Gespür für die in ihrem Geschäft steckenden Risiken verloren. So galt die Restaurantkette Wienerwald des österreichischen Gastronomen Friedrich Jahn lange als finanziell kerngesund. Obwohl der gelernte Kellner ab 1955 in atemberaubendem Tempo ein Brathendl-Lokal nach dem anderen eröffnete und bis 1978 an 551 Plätzen präsent war, attestierten ihm die Banken eine solide Selbstfinanzierungskraft. Doch sein märchenhafter Aufstieg verführte Jahn zu waghalsigen Investitionen: Er baute Hotels, gründete eine Touristik-Tochter, erwarb eine abgewirtschaftete US-Restaurantkette. 1982 tauchten dann erstmals Gerüchte über Liquiditätsprobleme auf, Jahn musste für einen Teil seines Imperiums Vergleich anmelden und zog sich dann nach und nach aus den ihm noch verbliebenen Gesellschaften zurück. Seinen Memoiren gab er den beziehungsreichen Titel Vom Kellner zum Millionär und zurück.
Wie Friedrich Jahn scheiterten auch die meisten anderen in Existenznot geratenen Gründer weniger an ihren Produkten als an Versäumnissen in der Unternehmensführung. Max Grundig stieg nach der Währungsreform zum größten Radiohersteller Europas auf und eroberte sich ab 1952 mit Farbfernsehern eine ähnlich starke Marktposition. Doch er schaffte es nicht, über ein erfolgreiches Engagement in den USA die in seiner Branche notwendige weltweite Präsenz zu erringen. Von der fernöstlichen Industrie an die Wand gedrückt, musste der permanent mit Managementproblemen kämpfende Patriarch schließlich 1984 sein Lebenswerk in die unternehmerische Obhut des niederländischen Multikonzerns Philips legen.
Ein genialer Tüftler wie Grundig war auch der Paderborner Computerbauer Heinz Nixdorf. In einer kleinen Kellerwerkstatt in Essen hatte der Sohn eines Bahnarbeiters 1952 seinen ersten Rechner gebaut. 1985 setzte sein Unternehmen mit 23 000 Beschäftigten fast vier Milliarden Mark um. Seine Vision, den Computer zum Menschen zu bringen, stand in krassem Gegensatz zu der damaligen Philosophie der zentralen Großrechner. Doch gegen die Herausforderung der PC-Pioniere aus dem Silicon Valley reagierte auch Nixdorf zu spät. Als der Paderborner 1986 in Hannover auf der Cebit-Messe 60-jährig an einem Herzinfarkt starb, wussten Eingeweihte, dass sein Unternehmen bereits auf dem Sinkflug war. Der endete vier Jahre später mit der "weichen Landung" im Siemens-Konzern.
Nur wenigen der Gestrauchelten war es vergönnt, nach dem Zusammenbruch noch einen zweiten Versuch zu machen. Willy Korf, der mit seinen Ministahlwerken die kartellierte europäische Stahlindustrie herausgefordert und dabei zu viel gewagt hatte, schaffte es. Als er dann mit seinem Firmenflugzeug abstürzte, erzielte sein neues Unternehmen mit 3500 Beschäftigten bereits wieder einen Umsatz von einer halben Milliarde Mark.