Nachdem an den Wachstumsmärkten in den Medien über mehrere Jahre hinweg unermüdlich das neue Technologiezeitalter gefeiert und hervorgehoben wurde (besonders tat sich hier der Neue Markt in Deutschland hervor), muß es auch einem kritischen Beobachter erlaubt sein, dieses irrwitzige Treiben sozusagen aus dem Rückspiegel in regelmäßigen Abständen betrachten zu dürfen. Zunächst einmal ist festzuhalten, daß viele New Economy-Aktionäre wohl selbst vom Aufwind der gigantischsten Spekulationsblase in der Börsengeschichte kräftig durchgerüttelt wurden. Keiner dürfte sich selbst in seinen kühnsten Träumen auch nur annähernd ein Bild von den groben Umrissen dieser Spekulationsorgie gemacht haben. Im Prinzip könnte man jede beliebige der über 300 Neuer Markt-Aktien herausgreifen und mit Blick auf die Kursentwicklung des entsprechenden Titels eine entsprechende Geschichte bzw. „Story“, wie es New Economy-mäßig richtig heißen müßte, von den katapultartigen Kursanstiegen bis zum anschließenden (Total-) Zusammenbruch zu erzählen. Stellvertretend sei an dieser Stelle vielleicht nur die Schweizer Distefora erwähnt. Zunächst war dieser Titel eine (Buch-) Geldmaschine, die seinesgleichen in der Börsengeschichte suchte (Anstieg um fast 7.000% von 15 auf 1.000 Franken!). Die Analystenkonferenz beim Börsengang der Distefora-Tochtergesellschaft Ision erinnerte zahlenmäßig mehr an die Erstsemester-Auftaktveranstaltung eines völlig überlaufenen Studienganges als an den sonst gewohnten, eher nüchternen und kühl-sachlichen Rahmen vergleichbarer Veranstaltungen (mangels inzwischen eingetretener Emissionsfähigkeit von neuen Aktiengesellschaften fehlen allerdings immer mehr Erfahrungswerte). Selbstverständlich hat Ision bereits wenige Wochen nach dieser Massen-Mammut-Veranstaltung und Mond-Emissionspreisen (der Titel stand zuletzt bei 0,43 Euro gegenüber einem Höchstkurs von 133 Euro im März 2000) die ersten Zahlenrevisionen nach unten vorgenommen, und selbstverständlich folgten anschließend Verluste. Heute ist die Gesellschaft bekanntlich insolvent. Während von den Medien jedes Luftholen für das Aufblasen des New Economy-Ballons mit Begeisterung und Wohlwollen begleitet wurde, wird vom Zerplatzen (abgesehen von einigen Randberichten über schwarze Schafe – vornehmlich Insider und Unternehmensvorstände) kaum berichtet. Dieser Haltung wollen wir uns nicht anschließen. Inzwischen fünftelte sich währungsbereinigt beispielsweise die NASDAQ (immerhin die zweitgrößte Börse der Welt), der hoch NEMAX 50 Index musste sogar eine Kurs-Zwanzigstelung hinnehmen.
Bedenkt man, daß der Neue Markt heute mit weniger als 30 Mrd. Euro kapitalisiert ist (entspricht nur gut der Börsenkapitalisierung von einem Standardtitel, wie BASF), dann fragt man sich, welchen zeitvertreibenden Gesellschaftsspiels sich die Börsenhändler in Frankfurt wohl befleißigt hätten, wenn der Chef der Deutschen Börse, Seifert, tatsächlich, wie von ihm geplant, den Aktienhandel bis auf den Neuen Markt nach London verkauft hätte. Man muß wissen, daß ein Großteil der heutigen Neuer Markt-Börsenkapitalisierung auf die fundamentalanalytisch noch immer extrem überbewertete und durch wenig Kontinuität gekennzeichnete (siehe ständige Management-Wechsel) T-Online entfällt (knapp 10 Mrd. Euro). Rechnet man T-Online von der Gesamtkapitalisierung des Neuen Marktes heraus, dann bleibt kaum mehr übrig als die Kapitalisierung von EM.TV zu deren Blütezeit, die damals mit knapp 30 Mrd. DM höher als BMW bewertet war.
Volkswirtschaftlich wurde diese Blase von den New Paradigm- und Goldilocks-Optimisten getragen, die der Welt-Finanzgemeinde immer wieder ein durch die New Economy ermöglichtes angebliches Produktivitätswunder ausgelöstes inflationsfreies Wachstum suggerieren wollten. Auch „Wendehals“ Alan Greenspan schlug sich zunächst in das Lager der Produktivitäts-Märchenerzähler, ehe er „desertierte“ und plötzlich (richtigerweise) feststellte, daß die angeblichen Produktivitätssteigerungen in Wirklichkeit nichts anderes als größtenteils statistische Taschenspielertricks (hedonischer Preisindex) waren. Man muß einigen New Economy-Investoren (bzw. Zockern) zugute halten, daß sie Überzeugungstäter waren und nicht vorsätzlich handelten (dies gilt nicht für Unternehmensvorstände und andere Insider, die größtenteils im März 2000 zu Höchstkursen ihre Papiere unter das gierige „normale“ Anlegervolk brachten).
Nach dem Totalabsturz dieser Seifenblasenmärkte sei auch die Frage nach dem volkswirtschaftlichen Sinn oder Unsinn des Neuen Marktes erlaubt. Die Grundidee (Finanzierungsfunktion für innovative Mittelständler) dieses Marktsegments war zweifellos klug. Auch im Hinblick auf den nahezu an Blutleere zugrunde gehenden deutschen Mittelstand (kaum Eigenkapital und Kreditbeschaffungsmöglichkeiten). Das Problem war nur, daß, wenn man einen in der Wüste halb verdursteten statt einiger weniger vorsichtiger lebensrettender Schlucke Wasser gleich ein Fünf-Liter-Faß infiltriert, dieser hinterher genauso zugrunde geht, wenn auch an einer anderen Todesursache. Ähnlich die Situation am Neuen Markt. Da dieser von Anfang an mit der von Alan Greenspan initiierten Liquiditätsschwemme konfrontiert war, herrschte von vornherein ein massives Überangebot an Kapital und Nachfrage vor, das die „verantwortlichen“ Unternehmenslenker gleich dankbar annahmen.
Ohne Zweifel hat der Neue Markt zunächst zu einer unerwarteten Beschäftigungswelle in diesem Segment geführt. Diese wurde durch die wohlwollende Medienberichterstattung noch zusätzlich angefacht. Plötzlich wollte jeder möglichst schnell beim Neuer Markt-Schiff anheuern, um auch an den Segnungen dieser Reichtumsmaschine teilhaben zu können (dies war neben den üblichen Selbstverwirklichungsargumenten der eigentliche Hauptgrund für den Beschäftigungsboom). Inzwischen hat jedoch ein wahrer Massenexodus in Sachen Arbeitsplätze am Neuen Markt eingesetzt. Die durch ein lange Zeit vorhandenes Übermaß an Kapital ausgelösten Überkapazitäten schlagen sich immer mehr auch in der Realökonomie wieder. Dies konnte man bereits vor zwei Jahren anhand des gesunden Menschenverstands erkennen – siehe z.B. 100 Mrd. DM UMTS-Lizenzen-Investitionsloch in Deutschland. Ein weiteres Beispiel hierfür ist die hoch gelobte Glasfaserbranche. Der angeblich unbedingt notwendige Superdatenhighway wurde zwar mit immensen Kosten und Renditeerwartungen aufgebaut, erst jetzt merken jedoch die Verantwortlichen, daß 95% dieser Datenautobahn von den Nutzern nicht benötigt wird.
Kein Wunder, daß ein Großteil der ehemaligen Marktführer inzwischen Insolvenz angemeldet hat. Sowohl Global Crossing, als auch Williams Communications (von WorldCom, deren Chef Bernie Ebbers die größte Ranch Kanadas mit Ausmaßen wie das Saarland besitzt, ganz zu schweigen). Auch in Europa hat Carrier 1 aufgegeben und KPN Qwest ist ebenfalls insolvent. Man muß auch wissen, daß Global Crossing für sein Glasfasernetz zuletzt in den Büchern noch einen Wert von 22 Mrd. Dollar ausgewiesen hat, während Versteigerungsangebote inzwischen nur noch bis zu 300 Mio. Dollar reichen (das Unternehmen drücken zusätzlich 12 Mrd. Dollar Schulden). Die einzigen wirklichen Gewinner des New Economy-Zeitalters sind die Verbraucher (soweit sie vorher nicht den Sirenenklängen des Neuen Marktes erlegen sind und dort investiert haben), da er ohne Zweifel eine stark deflatorische und damit preissenkende Wirkung hatte aber auch die Old Economy scheint zunehmend von den Innovationen der New Economy zu profitieren (Internet-Handelsplattformen, Optimierungen innerbetrieblicher Abläufe). All diese Vorteile hätte man volkswirtschaftlich jedoch auch ohne Börsenverluste in Höhe von weltweit mehreren vierstelligen Milliarden-Dollarbeträgen erzielen können.
Dr. Jens Ehrhardt
www.finanzwoche.de
Dr. Jens Ehrhardt
Die Früchte der “New Economy“
Nachdem an den Wachstumsmärkten in den Medien über mehrere Jahre hinweg unermüdlich das neue Technologiezeitalter gefeiert und hervorgehoben wurde (besonders tat sich hier der Neue Markt in Deutschland hervor), muß es auch einem kritischen Beobachter erlaubt sein, dieses irrwitzige Treiben sozusagen aus dem Rückspiegel in regelmäßigen Abständen betrachten zu dürfen. Zunächst einmal ist festzuhalten, daß viele New Economy-Aktionäre wohl selbst vom Aufwind der gigantischsten Spekulationsblase in der Börsengeschichte kräftig durchgerüttelt wurden. Keiner dürfte sich selbst in seinen kühnsten Träumen auch nur annähernd ein Bild von den groben Umrissen dieser Spekulationsorgie gemacht haben. Im Prinzip könnte man jede beliebige der über 300 Neuer Markt-Aktien herausgreifen und mit Blick auf die Kursentwicklung des entsprechenden Titels eine entsprechende Geschichte bzw. „Story“, wie es New Economy-mäßig richtig heißen müßte, von den katapultartigen Kursanstiegen bis zum anschließenden (Total-) Zusammenbruch zu erzählen. Stellvertretend sei an dieser Stelle vielleicht nur die Schweizer Distefora erwähnt. Zunächst war dieser Titel eine (Buch-) Geldmaschine, die seinesgleichen in der Börsengeschichte suchte (Anstieg um fast 7.000% von 15 auf 1.000 Franken!). Die Analystenkonferenz beim Börsengang der Distefora-Tochtergesellschaft Ision erinnerte zahlenmäßig mehr an die Erstsemester-Auftaktveranstaltung eines völlig überlaufenen Studienganges als an den sonst gewohnten, eher nüchternen und kühl-sachlichen Rahmen vergleichbarer Veranstaltungen (mangels inzwischen eingetretener Emissionsfähigkeit von neuen Aktiengesellschaften fehlen allerdings immer mehr Erfahrungswerte). Selbstverständlich hat Ision bereits wenige Wochen nach dieser Massen-Mammut-Veranstaltung und Mond-Emissionspreisen (der Titel stand zuletzt bei 0,43 Euro gegenüber einem Höchstkurs von 133 Euro im März 2000) die ersten Zahlenrevisionen nach unten vorgenommen, und selbstverständlich folgten anschließend Verluste. Heute ist die Gesellschaft bekanntlich insolvent. Während von den Medien jedes Luftholen für das Aufblasen des New Economy-Ballons mit Begeisterung und Wohlwollen begleitet wurde, wird vom Zerplatzen (abgesehen von einigen Randberichten über schwarze Schafe – vornehmlich Insider und Unternehmensvorstände) kaum berichtet. Dieser Haltung wollen wir uns nicht anschließen. Inzwischen fünftelte sich währungsbereinigt beispielsweise die NASDAQ (immerhin die zweitgrößte Börse der Welt), der hoch NEMAX 50 Index musste sogar eine Kurs-Zwanzigstelung hinnehmen.
Bedenkt man, daß der Neue Markt heute mit weniger als 30 Mrd. Euro kapitalisiert ist (entspricht nur gut der Börsenkapitalisierung von einem Standardtitel, wie BASF), dann fragt man sich, welchen zeitvertreibenden Gesellschaftsspiels sich die Börsenhändler in Frankfurt wohl befleißigt hätten, wenn der Chef der Deutschen Börse, Seifert, tatsächlich, wie von ihm geplant, den Aktienhandel bis auf den Neuen Markt nach London verkauft hätte. Man muß wissen, daß ein Großteil der heutigen Neuer Markt-Börsenkapitalisierung auf die fundamentalanalytisch noch immer extrem überbewertete und durch wenig Kontinuität gekennzeichnete (siehe ständige Management-Wechsel) T-Online entfällt (knapp 10 Mrd. Euro). Rechnet man T-Online von der Gesamtkapitalisierung des Neuen Marktes heraus, dann bleibt kaum mehr übrig als die Kapitalisierung von EM.TV zu deren Blütezeit, die damals mit knapp 30 Mrd. DM höher als BMW bewertet war.
Volkswirtschaftlich wurde diese Blase von den New Paradigm- und Goldilocks-Optimisten getragen, die der Welt-Finanzgemeinde immer wieder ein durch die New Economy ermöglichtes angebliches Produktivitätswunder ausgelöstes inflationsfreies Wachstum suggerieren wollten. Auch „Wendehals“ Alan Greenspan schlug sich zunächst in das Lager der Produktivitäts-Märchenerzähler, ehe er „desertierte“ und plötzlich (richtigerweise) feststellte, daß die angeblichen Produktivitätssteigerungen in Wirklichkeit nichts anderes als größtenteils statistische Taschenspielertricks (hedonischer Preisindex) waren. Man muß einigen New Economy-Investoren (bzw. Zockern) zugute halten, daß sie Überzeugungstäter waren und nicht vorsätzlich handelten (dies gilt nicht für Unternehmensvorstände und andere Insider, die größtenteils im März 2000 zu Höchstkursen ihre Papiere unter das gierige „normale“ Anlegervolk brachten).
Nach dem Totalabsturz dieser Seifenblasenmärkte sei auch die Frage nach dem volkswirtschaftlichen Sinn oder Unsinn des Neuen Marktes erlaubt. Die Grundidee (Finanzierungsfunktion für innovative Mittelständler) dieses Marktsegments war zweifellos klug. Auch im Hinblick auf den nahezu an Blutleere zugrunde gehenden deutschen Mittelstand (kaum Eigenkapital und Kreditbeschaffungsmöglichkeiten). Das Problem war nur, daß, wenn man einen in der Wüste halb verdursteten statt einiger weniger vorsichtiger lebensrettender Schlucke Wasser gleich ein Fünf-Liter-Faß infiltriert, dieser hinterher genauso zugrunde geht, wenn auch an einer anderen Todesursache. Ähnlich die Situation am Neuen Markt. Da dieser von Anfang an mit der von Alan Greenspan initiierten Liquiditätsschwemme konfrontiert war, herrschte von vornherein ein massives Überangebot an Kapital und Nachfrage vor, das die „verantwortlichen“ Unternehmenslenker gleich dankbar annahmen.
Ohne Zweifel hat der Neue Markt zunächst zu einer unerwarteten Beschäftigungswelle in diesem Segment geführt. Diese wurde durch die wohlwollende Medienberichterstattung noch zusätzlich angefacht. Plötzlich wollte jeder möglichst schnell beim Neuer Markt-Schiff anheuern, um auch an den Segnungen dieser Reichtumsmaschine teilhaben zu können (dies war neben den üblichen Selbstverwirklichungsargumenten der eigentliche Hauptgrund für den Beschäftigungsboom). Inzwischen hat jedoch ein wahrer Massenexodus in Sachen Arbeitsplätze am Neuen Markt eingesetzt. Die durch ein lange Zeit vorhandenes Übermaß an Kapital ausgelösten Überkapazitäten schlagen sich immer mehr auch in der Realökonomie wieder. Dies konnte man bereits vor zwei Jahren anhand des gesunden Menschenverstands erkennen – siehe z.B. 100 Mrd. DM UMTS-Lizenzen-Investitionsloch in Deutschland. Ein weiteres Beispiel hierfür ist die hoch gelobte Glasfaserbranche. Der angeblich unbedingt notwendige Superdatenhighway wurde zwar mit immensen Kosten und Renditeerwartungen aufgebaut, erst jetzt merken jedoch die Verantwortlichen, daß 95% dieser Datenautobahn von den Nutzern nicht benötigt wird.
Kein Wunder, daß ein Großteil der ehemaligen Marktführer inzwischen Insolvenz angemeldet hat. Sowohl Global Crossing, als auch Williams Communications (von WorldCom, deren Chef Bernie Ebbers die größte Ranch Kanadas mit Ausmaßen wie das Saarland besitzt, ganz zu schweigen). Auch in Europa hat Carrier 1 aufgegeben und KPN Qwest ist ebenfalls insolvent. Man muß auch wissen, daß Global Crossing für sein Glasfasernetz zuletzt in den Büchern noch einen Wert von 22 Mrd. Dollar ausgewiesen hat, während Versteigerungsangebote inzwischen nur noch bis zu 300 Mio. Dollar reichen (das Unternehmen drücken zusätzlich 12 Mrd. Dollar Schulden). Die einzigen wirklichen Gewinner des New Economy-Zeitalters sind die Verbraucher (soweit sie vorher nicht den Sirenenklängen des Neuen Marktes erlegen sind und dort investiert haben), da er ohne Zweifel eine stark deflatorische und damit preissenkende Wirkung hatte aber auch die Old Economy scheint zunehmend von den Innovationen der New Economy zu profitieren (Internet-Handelsplattformen, Optimierungen innerbetrieblicher Abläufe). All diese Vorteile hätte man volkswirtschaftlich jedoch auch ohne Börsenverluste in Höhe von weltweit mehreren vierstelligen Milliarden-Dollarbeträgen erzielen können.
Dr. Jens Ehrhardt
www.finanzwoche.de