Silbermarkt am Abgrund: 378 Papierunzen jagen nun jede reale Unze
Die globalen Silbermärkte nähern sich einem kritischen Wendepunkt, da die Diskrepanz zwischen Papier- und physischem Silber ein noch nie dagewesenes Ausmaß erreicht hat. Nach den neuesten Daten der London Bullion Market Association (LBMA) sind die frei verfügbaren Bestände auf nur noch 135 Millionen Unzen gesunken – etwa die Hälfte des täglichen Handelsvolumens des Marktes. Analysten schätzen, dass derzeit weniger als vier Monate frei verfügbares Silber vorhanden sind, ein Niveau, das viele als gefährlich niedrig und als Anzeichen für eine Verknappung des physischen Angebots betrachten.
Gleichzeitig wird das Verhältnis von Papier- zu physischem Silber im Londoner Unallocated-System derzeit auf 378:1 geschätzt. Einfach ausgedrückt gibt es 378 Papierversprechen für jede tatsächliche Unze Silber, die in den Tresoren vorhanden ist. Das bedeutet, dass Hunderte von Anlegern glauben, Silber zu besitzen, aber nur einer von ihnen könnte jemals eine Lieferung erhalten. Der Rest hält nichts weiter als digitale Schuldscheine von Banken.
Banken kaufen „Maschinensilber”, kein Metall
Institutionelle Kunden, die über Banken „Silber kaufen”, erwerben oft nicht-zugewiesenes Papiersilber, das in sogenannten Metallkonten liegt. Obwohl sie für den Vermögenswert bezahlen, verbleibt das Eigentum bei der Bank, die das Silber für ihre eigenen Bilanzzwecke legal weiterverpfänden (wiederverwenden) kann. Im Falle einer Notlage der Bank können diese Bestände als Eigentum der Bank und nicht als Eigentum des Kunden eingestuft werden. Das auf Effizienz und Hebelwirkung ausgelegte System hat das Eigentum an Silber stillschweigend in eine risikoreiche Struktur verwandelt, die eher von Gegenparteien als von Metall abhängt.
Diese Regelung ermöglicht es den Banken, die scheinbare Marktliquidität zu erhöhen und gleichzeitig die physische Knappheit zu verschleiern. Das Risiko entsteht, wenn auch nur ein kleiner Prozentsatz der Anleger die tatsächliche Lieferung verlangt. Bei einer Hebelwirkung von 378 zu 1 könnte ein Anstieg der Rücknahmeanträge einen kaskadenartigen Short Squeeze auf den globalen Silbermärkten auslösen.
Die physische Seite: Wo sich das echte Silber befindet
Angesichts dieses Ungleichgewichts wenden sich Anleger, die ein echtes Engagement in Metall suchen, vollständig zugewiesenen Vehikeln wie dem Sprott Physical Silver Trust (PSLV) zu. Der PSLV wird zu 16,35 US-Dollar gehandelt und hält ausschließlich zugewiesene Barren, die sicher bei der Royal Canadian Mint – einer staatlichen Einrichtung und einer der weltweit führenden Raffinerien – gelagert sind. Der Trust besitzt derzeit 200,27 Millionen Unzen physisches Silber, was einem verwalteten Vermögen von 9,74 Milliarden US-Dollar entspricht, und wird nahe seinem Nettoinventarwert (NAV) von 16,71 US-Dollar mit einem Abschlag von 2,2 % gehandelt. Mit einem täglichen Volumen von 100 Millionen Einheiten bleibt PSLV eine der liquidesten Formen des direkten physischen Silberengagements weltweit.
Im Gegensatz dazu steht der viel größere iShares Silver Trust (SLV) mit einem Kurs von rund 44,06 US-Dollar, der seit langem wegen der Verleihung von Teilen seines physischen Bestands in der Kritik steht. Der von BlackRock verwaltete SLV hält sowohl zugewiesene als auch nicht zugewiesene Komponenten – was bedeutet, dass ein Teil seines vermeintlichen „Silbers” möglicherweise nur auf dem Papier existiert. Der Fonds hält derzeit eine Short-Position von 58,2 Millionen Aktien, was etwa 10 % der gesamten ausgegebenen Aktien entspricht. Viele Analysten glauben, dass diese ungewöhnliche Short-Position eher mit internen Silberverleih- und Hedging-Geschäften als mit der Positionierung externer Investoren zusammenhängt. Dennoch birgt eine solche interne Hebelwirkung ein systemisches Risiko, insbesondere wenn es bei einer weiteren Verknappung des Silberangebots zu Ausfällen von Gegenparteien kommt.
BlackRock selbst hat Short-Seller bereits zuvor gewarnt, dass es zu einem Zeitpunkt kommen könnte, an dem nicht mehr genügend Metall zur Verfügung steht, um Positionen zu decken. Diese Warnung scheint heute relevanter denn je.
Silberaktien: ein gemischter Proxy
Für diejenigen, die über Edelmetalle hinaus investieren möchten, notiert der Global X Silver Miners ETF (SIL) bei 72,31 US-Dollar und hält einen Korb von Unternehmen, die einen erheblichen Teil ihrer Einnahmen aus der Silberproduktion erzielen. Viele dieser sogenannten „Silberaktien” erzielen jedoch tatsächlich den größten Teil ihrer Einnahmen aus Gold. Große Beteiligungen wie Wheaton Precious Metals und Osisko Royalties sind keine Bergbauunternehmen, sondern Lizenzgebührenunternehmen – Finanziers, die einen Teil der Minenproduktion als Gegenleistung für Vorabkapital erhalten. SIL bietet zwar ein gehebelte Engagement in Edelmetallen, bleibt aber eine indirekte Wette auf die Silberpreise.
Zunehmende systemische Spannungen
Da die Tresore der LBMA fast leer sind, die nicht zugewiesenen Forderungen zunehmen und physische ETFs trotz steigender Nachfrage mit Abschlägen gehandelt werden, geraten die globalen Silbermärkte in eine kritische Stressphase. Das Verhältnis von 378:1 verdeutlicht ein Dilemma: zu viele Papierversprechen, viel zu wenig Metall. Die Geschichte zeigt, dass Systeme, die auf einer solchen Hebelwirkung basieren, letztendlich auf zwei Arten enden – entweder durch massenhafte Zahlungsausfälle oder durch eine Preisabkopplung.
Die Frage ist nun, ob die nächste Welle der Investorennachfrage die Grenzen der weltweit verbleibenden Silbervorräte austesten wird – und ob der Abrechnungspreis von „Papiersilber” schließlich gezwungen sein wird, sich der physischen Realität anzupassen.