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Ich war ein kleiner Fisch. Ich war kein Profi, wie sie in den Großbanken sitzen und per Mausklick hunderttausende von Euros herum schieben. Oder im Fall Jérôme Kerviel auch mal fünf Milliarden Euro verzocken. Wenn es eine Hierarchie unter den täglichen Spekulanten gibt, so war ich auf der untersten Stufe. Ich schob hunderte von Euros herum. Ich schaffte es trotzdem, innerhalb einer Stunde mehrere tausend Euro in den Sand zu setzen. Es geht ganz leicht......
Ich war Student und kellnerte in einer Bar, als ich dort kurz nach dem 11. September 2001 einen Daytrader kennen lernte, der mein Mentor werden sollte. Er hatte schütteres, langes Haar. Er hatte sieben Weißbier getrunken. Er schwärmte vom Zocken. Es klang nach einer Möglichkeit, ohne großen Aufwand viel zu verdienen. Er gab sich geheimnisvoll. Widerwillig war er schließlich bereit, mir alles beizubringen, was ich wissen musste. Ein halbes Jahr später war ich soweit. Ich hatte 20 Bücher gelesen: Ich wusste jetzt, was es mit Widerständen und Unterstützungen bei Aktienkursen auf sich hat, was ein Candlestick-Chart ist und was ein MACD-Indikator (siehe Kasten). Ich wusste, wie die Terminmärkte funktionieren und wie stark die Transaktionsgebühren der Broker die Gewinne schmälern. Ich wusste, dass man sich sklavisch an ein einmal entwickeltes System zu halten hat. Und was die größten Feinde des Daytraders sind: Angst und Gier.
4. Der erste Deal
Ich handelte den Deutschen Aktienindex Dax, stand um acht Uhr morgens auf, warf einen Blick auf die Performance der amerikanischen und japanischen Märkte und spekulierte ab zehn Uhr. Ein Knockout-Produkt bildet kleinste Bewegungen des Dax ab: Steigt der Dax um einen Punkt, legt das Knockout-Papier um einen Cent zu. Unterschreitet der Schein allerdings eine bestimmte Schwelle, verfällt das eingesetzte Kapital wertlos. Der Trader wird ausgeknockt. Die Milliarden-Spekulation von Jérôme Kerviel funktionierte ganz ähnlich. Nur handelte er mit Futures, so dass sein Risiko noch größer war und er sogar ein Vielfaches mehr verlieren konnte als den Kapitaleinsatz.
Bei meinem ersten Geschäft ("Trade") stand der Dax bei 3050 Punkten. Bei einem Dax-Stand von 3100 Punkten winkte ein Gewinn von hundert Prozent. Ich kaufte 1000 Stück zu einem Kurs von 45 Cent, macht 450 Euro. Das war um 10.23 Uhr. Um 11.55 Uhr verkaufte ich den Schein für 83 Cent. Ich war abzüglich der Transaktionsgebühren um 360 Euro reicher. Für diesen Tag machte ich Feierabend. Ich aß eine Kleinigkeit und legte mich schlafen. Die 91 Minuten zwischen Kauf zum Verkauf hatten mich erschlagen.
Daytrading ist wie Boxen. Den gesamten Kampf über ist der Körper mit Adrenalin voll gepumpt, der Blick fokussiert, alles andere ausgeblendet. Auf einem Monitor flimmern die Kurse, auf dem anderen wartet die Ordermaske auf Eingaben, nebenbei läuft der Fernseher. Verkauft man die Position mit Gewinn, bekommt man eine Ahnung, was Größenwahn bedeutet: Euphorie plus eine Stimme, die einem leise einflüstert: Du hast es raus. Mit jedem zusätzlichen Gewinn schwillt dieses Flüstern zu einem Kampfgeschrei an. Man fühlt sich unbesiegbar. Ein Verlust bringt neben finanziellen Einbußen Selbstzweifel, Niedergeschlagenheit, Depression. Als ich fünf Mal hintereinander verloren hatte, kam ich mir dumm vor. Wertlos. Wie ein totaler Versager.Daytrading bringt einen an die eigenen Grenzen. Man beginnt sich selbst zu überraschen - im positiven wie im negativen Sinn. In fast allen Ratgebern zum Thema findet sich der Begriff "Selbstdisziplin". Das liegt daran, dass sich Trader ihrer eigenen Gefühle bewusst werden müssen, sonst sind sie dem Untergang geweiht......Kein Daytrader, der Kontrolle über sich und sein Tun hat, lässt seine Verluste so hoch werden. Denn: Rutscht eine Position - ohne SL - einmal ins Minus, beginnt das Hoffen. Das Hoffen aber macht jeden Händler zum Spieler. Während der Verlust größer und größer wird, redet sich der Spieler ein: Das wird schon wieder...
Ich konnte zwar nicht mehr als meinen Einsatz verlieren, den dafür aber innerhalb von Minuten. Die ersten Wochen als Daytrader waren unglaublich aufregend. Jede Form von Langeweile verschwindet aus dem eigenen Leben. Alle Gedanken kreisen um die Märkte. Während der Handelszeit ist der Köper voll gepumpt mit Adrenalin. Doch mit der Zeit wird die Aufregung zum Stress. Am Ende schlief ich nur noch sechs Stunden täglich. Nachts wollte ich die amerikanischen Märkte nicht aus den Augen verlieren, morgens musste ich wissen, wie sich die Bewegungen des japanischen Nikkei auf den deutschen Markt auswirken.
Keine Ehefrau kann die Begeisterung eines Daytraders nachvollziehen, wenn er schreit: "Schatz, der Dax ist gerade um 27 Punkte gefallen!" Kein Freund versteht am Abend beim Bier noch den Satz "Bei 6100 hat es meinen Schein ausgeknockt." Daytrader werden nur von Daytradern verstanden, aber Daytrader haben keine Kollegen. Sie sitzen täglich alleine daheim vor ihrem Computer.
Wer dreimal hintereinander in wenigen Minuten mehr gewonnen hat, als er in einem geregelten Job am Tag verdient, der wird abhängig. Er wird dieses Erfolgserlebnis immer wieder haben wollen, auch wenn er längst mehrere tausend Euro verloren hat. Dazu wird in vielen Trading-Büchern suggeriert, man müsse es nur immer wieder versuchen.
Meine Daytrading-Karriere dauerte zehn Wochen. Nachdem sich in der ersten Zeit Gewinne und Verluste in etwa die Waage gehalten hatten, folgte plötzlich Gewinn auf Gewinn. Keine großen Beträge, etwa 200 bis 300 Euro, aber sie bestätigten mich in dem, was ich tat. Die kleine Stimme begann lauter zu werden und ich mit ihr unvorsichtiger. An einem Tag hatte ich morgens eine vergleichsweise wenig riskante Position eröffnet und musste dringend zu einem Seminar in die Uni. Ich verzichtete diesmal darauf, eine Stopp-Loss-Absicherung zu setzen. Als ich drei Stunden später zurückkam, lag ich 100 Euro im Minus. Ich beschloss, ein wenig zu warten - ausnahmsweise über Nacht. Am nächsten Tag belief sich das Minus auf 500 Euro.
Ich wartete und begann zu hoffen. Während ich hoffte, schwoll der Verlust weiter und weiter an. Irgendwann war er so groß geworden, dass sich ein "Jetzt-ist-es-auch-schon-egal"-Gefühl einstellte. Fünf Tage später wurde der Schein ausgeknockt. Bei einem einzigen Trade hatte ich meine gesamten Gewinne der letzten Woche verloren. Und mein gesamtes Kapital. Zusammen 3000 Euro. Das war alles, was ich damals überhaupt besaß. Jetzt hatte ich genug.