Japan lockert die Geldmenge, in Amerika und Großbritannien kaufen die Zentralbanken weitere Staatsanleihen. Die EZB bleibt dagegen bei ihrem Plan, die expansive Geldpolitik allmählich zu normalisieren.
Von Patrick Welter, Bettina Schulz, Carsten Germis und Stefan Ruhkamp
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18. Oktober 2010 Noch reagieren die Verantwortlichen in der Europäischen Zentralbank (EZB) gelassen auf die Lockerungsübungen ihrer Kollegen in Tokio, Washington und London. Die bislang in Aussicht gestellten zusätzlichen Anleihekäufe der Fed habe der Devisenmarkt bereits vorweggenommen, heißt es aus dem Umfeld der EZB-Spitze. Es gebe keinen bestimmten erwünschten Außenwert des Euro, aber natürlich spiele er für die Geldpolitik eine wichtige Rolle. Bislang sei die Aufwertung jedoch noch nicht besorgniserregend. Seit Juni hat der Euro zum Dollar von knapp 1,20 auf zuletzt 1,40 Dollar je Euro aufgewertet. Die Aussicht auf noch niedrigere Zinsen in Amerika und zudem die Sorge, dass dies die Teuerung anheizen könnte, erhöht den Anreiz, auf andere Währungen auszuweichen.
Doch die Aufwärtsbewegung des Euro ist bislang begrenzt. Er liegt nun geringfügig über dem Niveau, das er vor der Zuspitzung der Staatsschuldenkrise im April und Mai erreicht hatte - und immer noch unter dem Niveau zu Jahresbeginn. Wichtiger ist noch die Betrachtung des gewichteten Außenwerts gegenüber einem Währungskorb der 21 wichtigsten Handelspartner, dessen Stand die EZB täglich ermittelt. Auch hier steigt der Wert, allerdings deutlich langsamer als zum Dollar allein. Gleichwohl beobachtet die EZB-Spitze die expansive Geldpolitik der Fed und anderer Notenbanken mit Sorge. Denn bei einer hemmungslosen Fortsetzung könne die Politik der anderen den Plan der EZB für die Normalisierung ihrer eigenen Geldpolitik und den Ausstieg aus den Kredithilfen für die Banken in Gefahr geraten. Es komme nun darauf an, wie groß das neue Lockerungsprogramm in den anderen Währungsräumen sei
Was also haben die Notenbanken in Amerika, Großbritannien und Japan vor? Und wo steht die EZB?
In Amerika bewegt sich die Federal Reserve seit September auf eine weitere quantitative Lockerung in der kommenden Sitzung Anfang November hin. Der Schritt ist zwar im Offenmarktausschuss noch umstritten. Der Vorsitzende der Fed, Ben Bernanke, stellte aber Ende vergangener Woche in einer Rede klar, dass er mit Blick auf die Wirtschaftsdaten eine Lockerung der Geldpolitik für geboten hält: zu schwaches Wachstum, zu niedrige Inflationsrate, zu hohes Deflationsrisiko. Bernanke hat sich zwar noch nicht festgelegt. Die Gefahren einer weiteren Lockerung sieht er aber vor allem in technischen Risiken. Die Finanzmärkte könnten etwa in Sorge verfallen, dass die Fed die ausgegebene Liquidität nicht rechtzeitig vor einem künftigen Inflationsschub einsammeln könnte. Dieses Risiko hält Bernanke aber offensichtlich für gering, weil die Zentralbank schon Methoden getestet hat, um die Liquidität aufzusaugen.
Spekuliert wird, dass die Fed etwa 500 Milliarden Dollar Staatsanleihen kaufen könnte. Das wäre etwa ein Drittel des Wertpapier-Ankaufprogramms, das im Frühjahr 2009 endete. Manche Ökonomen bezweifeln, ob die gewünschte Stimulierung der Wirtschaft so erreicht werden kann. William White, der ehemalige Chefökonom der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich, sagte, schon die erste Runde der quantitativen Lockerung habe keine große Wirkung gehabt. Es mangele nicht an Liquidität, sondern an der Nachfrage. Und die werde bei einem ohnehin niedrigen Zinsniveau durch noch niedrigerer Zinsen kaum stimuliert, sagt Andreas Rees von der Bank Unicredit. Anleihekäufe für 500 Milliarden Dollar könnten das reale Zinsniveau nur um 0,1 bis 0,25 Prozentpunkte verringern. Das bringe wenig zusätzliche Nachfrage, dafür aber das Risiko neuer spekulativer Übertreibungen.
In Großbritannien hat die Bank von England Pläne für eine zweite Welle der quantitativen Lockerung zurückgestellt, um zunächst die Ankündigung des gewaltigen Sparprogramms von Schatzkanzler George Osborne am kommenden Mittwoch abzuwarten. Die drastischen Sparmaßnahmen werden einen erheblichen Einfluss auf die britische Volkswirtschaft haben: Etwa 600 000 Plätze im Öffentlichen Dienst werden in den kommenden vier Jahren wegfallen, 500 000 Arbeitsplätze im Privatsektor. Die Bank von England unterstützt das Sanierungsprogramms des Schatzamtes. Bei der nächsten Sitzung des geldpolitischen Komitees im November wird daher erwartet, dass die Zentralbank signalisieren wird, dass ihr bisheriges Programm der quantitativen Lockerung von 200 Milliarden Pfund ausgeweitet und das extrem niedrige Niveau des Eckzins von 0,5 Prozent auf lange Zeit behalten wird.
In Japan bleibt die Bank von Japan (BoJ) unter Druck, ihre bereits extreme Geldpolitik weiter zu lockern. Wegen der Konjunktur in Amerika, die sich weiter abschwächt, und des starken Yen gerät auch die wirtschaftliche Erholung Japans ins Stocken. In Tokio wird deswegen allgemein erwartet, dass die Notenbank bei ihrer nächsten Sitzung die Wachstumsprognose für das laufende Jahr nach unten korrigieren wird. Zudem hat BoJ-Governeur Masaaki Shirakawa am Wochenende bekräftigt, dass er am Kurs festhält, die Wirtschaft des Landes mit der lockeren Geldpolitik zu unterstützen. Auf ihrer vergangenen geldpolitischen Sitzung hatten die japanischen Notenbanker beschlossen, einen Fonds mit einem Volumen von 5 Billionen Yen (fast 44 Milliarden Euro) einzurichten, mit dem lang laufende Staatsanleihen, kurzfristige Schuldverschreibungen von Unternehmen, börsennotierte Investmentsfonds und Schatzwechsel gekauft werden können. Den Leitzins, der bereits seit Beginn der weltweiten Finanzkrise im Dezember 2008 bei 0,1 Prozent liegt, senkte sie noch einmal auf die Marge von "null bis 0,1 Prozent".
Die Ankündigung der Fed, ihre Geldpolitik zu lockern, dürfte den Druck auf die BoJ eher noch verstärken. Hinzu kommt, dass der Yen gegenüber dem Dollar weiter an Stärke gewinnt. Bislang haben Shirakawa und Japans Regierung weitere direkte Interventionen am Devisenmarkt nur angedroht. Je näher der Yen aber der Marke von 80 Yen zum Dollar kommt - Freitag erreichte er nach der Bernanke-Rede einen neuen 15-Jahres-Höchststand von 80,55 -, desto wahrscheinlicher wird ein erneutes Eingreifen Japans.
Im Euro-Raum scharren dagegen die ersten Geldpolitiker mit den Hufen. Der Rat hat sich zwar darauf verständigt, die nächsten Schritte für eine Normalisierung der Kreditversorgung der Banken erst Anfang nächsten Jahres zu besprechen. Aber Bundesbank-Präsident Axel Weber hat kürzlich klar gesagt, dass die EZB auf dem Weg zu einer weniger expansiven Geldpolitik nicht ewig Zeit hat. Er forderte ein sofortiges Ende der Käufe von Anleihen finanzschwacher Euro-Staaten. Das Risiko, mit der Normalisierung der Zinspolitik zu lange zu warten, sei inzwischen größer als das Risiko eines zu frühen Beginns. Ähnlich hatten sich kürzlich auch andere Mitglieder des EZB-Rats geäußert, darunter der EZB-Chefvolkswirt Jürgen Schaaf und der Luxemburger Notenbank-Gouverneur Yves Mersch.
Im Rat gibt es zwar auch Geldpolitiker, die eine lockere Geldpolitik für längere Zeit befürworten. Außerdem dürfte es erste Zinserhöhungen frühestens Ende nächsten Jahres geben. Aber bislang stellt sich die EZB eindeutig gegen die zweite Welle der quantitativen Lockerung. EZB-Präsident Jean-Claude Trichet hat zuletzt keine Hinweise gegeben, dass es in dieser Richtung ein Einlenken geben könnte. Ob diese Haltung allerdings auch bei einer noch stärkeren Aufwertung des Euro Bestand hat, wird sich erst zeigen, wenn der Außenwert des Euro sich neuen Höchstwerten nähert. Gegenüber dem Dollar wäre das bei rund 1,60 Dollar je Euro der Fall.
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