Die Faber-These, dass die Börsen umso höher steigen, je schlechter die Wirtschaft läuft (weil dann umso mehr Liquidität gepumpt werden muss), hört sich für mich an wie coole Sprüche aus der Ära der Dot.com/Internet-Blase, dass "herkömmliche Bewertungsmaßstäbe nun keine Rolle mehr spielen". Ich hab bereits vorgestern in einem Posting vermutet, dass Fabers These in Wirklichkeit darauf fußen könnte, dass er seit langem Goldbulle ist. Wenn sein Hammer das Gold ist, sieht die Restwelt schnell wie ein Nagel aus.
Singer hat sich dieser "Logik" teilweise angeschlossen, indem er sagt: "Abgesehen von einem wahrscheinlich freundlichen Wochenschluss erscheint mir ein kurzfristiges Rückschlagspotenzial bis gut 1010 eröffnet. Bei nachhaltig guten Makronachrichten kommt darunter dann 980 und darunter die Zone um 950 ins Spiel." Würde das im Umkehrschluss bedeuten, dass weitere schlechte Nachrichten den SPX auf sein Kursziel von 1180 hieven? Hört sich für mich verdammt verquast an.
Zu Inflation/Deflation schreibt Singer, mMn korrekt: "
Eine ganz andere Frage ist, ob der inflationäre Impuls tatsächlich von der Finanz- in die Güterwirtschaft überspringt. Aktuell sieht das nicht so aus - im Gegenteil: deflationäre Effekte dürften noch weiterhin die Oberhand behalten."
Es stünde demnach einer Assetpreis-Inflation eine realwirtschaftliche Deflation gegebenüber. Das Beispiel Japan (ab 1990) lehrt jedoch, dass bei einer Deflation langfristig auch die Assetpreise nachgeben. Der Nikkei hat sich in den 19 Jahren seit 1990 fast geviertelt. Letztlich bildet die Börse ja die Realwirtschaft ab - zumindest auf lange Sicht.
Japan hatte in den 1990ern ebenfalls versucht, durch Infrastrukturmaßnahmen und Überschuldung (zurzeit Weltrekord in Schulden/BIP, über 200 %) die Deflation aufzuhalten. Es ist nicht gelungen, obwohl massiv Mittel flossen. Mir fallen keine schlüssigen Argumente ein, warum es in USA jetzt nicht genauso laufen sollte.
Eine Assetpreisinflation, in der ALLES steigt, kann mMn nicht nachhaltig sein. Wir sehen sie zurzeit in der - widersinnigen - Form, dass Aktien, Bonds, Gold, Öl usw. synchron steigen, allesamt getrieben von übermäßiger Liquidität. Auch 2007 war es im ersten Halbjahr die "Hyperliquidität", die damals noch Überschwang generierte und den Private-Equity-Wahn sowie mehrere M&A-Aktionen an jedem WE anschob. Ich möchte nochmal daran erinnern, dass diese Hyperliquidität praktisch von einem Tag zum nächsten wegbrach und einer Trockenstarre wich.
2007 kam das viele Geld noch aus privater Hand (Banken usw.) Heute sind es - weltweit - Staatsgelder. Die Überschuldung in USA ruft aber bereits jetzt Skeptiker auf den Plan (Chinesen u. a.). Sorgen um weiteren Dollarverfall ("Weginflationierung" von US-Schulden) gehen einher mit zunehmender Sorge um eine möglicherweise wegbrechende Nachfrage nach US-Staatsanleihen. Fänden sich für die US-Anleihen nicht mehr genügend Käufer, mutierte Blase 3.0 zur Totgeburt.
Nicht ohne Grund ist zurzeit jede neue Auktion von US-Staatsanleihen eine latente Angstpartie, gefolgt von Erleichterungsrallyes, dass es doch noch genügend Bieter gab. Doch wenn immer mehr Leuten klar wird, dass die Fed vielen dieser "Bieter" (US-Großbanken) das Zeug kurz darauf wieder abkauft, um es im Soma-Account zu verstecken, werden die Sorgen um wegbrechende Nachfrage nach US-Staatsanleihen weiter steigen. Das führt dann dazu, dass der Dollar noch weiter fällt und Gold und Rohstoffe weiter steigen.
Ein starker Anstieg von EUR/USD träfe aber nicht zuletzt die ohnehin angeschlagene EU-Wirtschaft. Teures Öl und teure Rohstoffe, gepaart mit billigem Dollar, sind das letzte, was Eu-Exporteure jetzt gebrauchen können. Ein Euro-Kurs deutlich über 1,50 bräche der deutschen und der EU-Exportwirtschaft vollends das Genick (EADS verdient bereits ab 1,57 nichts mehr), zumal "die Konkurrenz aus China" (meine letzten beiden Postings) ja eine immer noch implizit an den Dollar gebundene Währung hat. Dem Aufblasen von Blase 3.0 sind daher enge Grenzen gesetzt. Es geht nicht "ewig so weiter", wie Faber offenbar suggerieren will. Der Dollar ist die Sollbruchstelle.
Da die Assetpreis-Inflationierung zwangsläufig mit einem immer schwächeren Dollar einhergeht, führen die Währungsungleichgewichte dazu, dass Europa über kurz oder lang die "Exportluft" wegbleibt. Dann werden aber auch die Spin-Stories, dass Europa und/oder die BRIC-Staaten (oder die Eskimos) als Ersatz für die Ex-Lokomotive USA die Weltwirtschaft retten, immer fragwürdiger. Die Assetblasen-Treiber kommen dann argumentativ ins Stottern.
Nach meinem
aktuellen Fazit wird wohl fast ausschließlich China(und m. E. die anderen BRIC-Staaten) von der kommenden Entwicklung profitieren. China wird sich am wegbrechenden Gesamtkuchen eine dickere Scheibe sichern. Die Restwelt dürfte wegen der Billiglohn- und Billigwaren-Konkurrenz in Deflation versinken. Für die Aktienkurse in der EU und USA hieße das: Es geht weiter runter. Die chinesische Konjunkturlok dampfpfeift sich derweil ihr eigenes Hausse-Liedchen, das zugleich die Toten-Hymne für die "ehemaligen Exportnationen" ist.