und verkaufen, wenn es teuer ist, gilt seit Menschengedenken als ehernes kaufmännisches Prinzip. Nach diesem Prinzip handeln auch Insider, die ja schließlich Vollkaufleute im Sinne von Paragraph 2 ff. HGB sind.
Im Supermarkt greifen die Hausfrauen ja auch zu, wenn die Tomatendosen statt 1 Euro nur 75 Cents kosten.
Wäre die Hausfrau ein Charttechniker, würde sie - sobald sie im Supermarkt die Preissenkung auf 75 Cents sieht - ihre vorhandenen Tomatendosen aus dem Vorratsregal (gekauft für 1 Euro) schnell für 75 Cents mit Verlust an die Nachbarin verkaufen, die von dem Supermarktangebot noch nichts gehört hat. Sie würde einfach behaupten, versehentlich zuviel dieser Dosen gekauft zu haben, und den wahren Grund verschweigen. Der lautet nämlich: "Der Preistrend zeigt jetzt klar nach unten - und wenn ich eins gelernt hab, dann ist es, knallhart bei meiner charttechnischen Disziplin zu bleiben."
Denn die kluge Hausfrau ist weitsichtig und plant voraus: Nur wenn sie ihre Bestands-Dosen jetzt schnell noch für 75 Cents in den Markt drückt, hat sie den Regalplatz und die liquiden Mittel zur Verfügung, um beim Kursziel von 50 Cents, das charttechnisch für übernächste Woche zu erwarten ist, brutal zuschlagen zu können (wobei Vorsicht angesagt ist, denn die Dosen sind nicht zu 100 % schlagfest, sonst bekäme man sie nämlich nicht auf).
Wenn die Chart-Hausfrau ganz sicher gehen will, kauft sie übrigens auch bei 50 Cents noch nicht, sondern wartet erst mal die uptrend-bestätigende Preiserholung auf 75 Cents ab, weil sie dann ausschließen kann, nicht in einem intakten Downtrend auf dem falschen Fuß erwischt worden zu sein.
Im Moment ist die Lage freilich eine andere. Die Dosen, die im März noch für 75 Cents im Sonderangebot waren, verharrten eine Weile beim Normalkurs von 1 Euro. Jetzt kommt aber plötzlich eine Preiserhöhung auf 1,25 Euro! Grund ist die inflationäre Überschwemmung der Märkte mit billigem Zentralbankengeld und die daraus resultierende Assetpreisinflation. Sowas treibt die Agrar-Futures, und der Supermarkt muss die gestiegenen Tomaten-Preise - die auch an den Dosen nicht vorbeikommen, sofern diese nicht aus Altbeständen stammen - notgedrungen weitergeben, weil er ja nur mit hauchdünnen Margen arbeitet.
Und die Trendleere lehrt, dass solche Trends immer weiter gehen. Fängt eine Inflation erst mal an zu gehen, kommt sie über das Rennen unversehens ins Galoppieren! Das sieht man auch, wenn man den Preistrend von 0,75 über 1 Euro auf 1,25 mit dem Geo-Dreieck oder am Computer (Paint, HS) nachzeichnet und in die Zukunft extrapoliert. Dann wird auch optisch völlig klar, dass der Preis in drei Wochen bei mindestens 1,50 Euro angelangt sein wird. Ein Bild (Chart) sagt halt mehr als tausend Worte!
Die kluge Hausfrau nutzt daher die zwar gestiegenen, aber immer noch günstigen Tomatendosen-Preise von 1,25 - und kauft, was die Kanne bzw. Hartz 4 hergibt. Sie betreibt nun in ihrem Küchenregal das sogenannte "Inventory restocking" (Wiederaufstockung krisenbedingt gesenkter Lagerbestände), um sich die jetzt noch erschwinglichen Preise zu sichern, ehe die bevorstehene Hyperinflation die Preise parabolisch in den Himmel treibt! Der Tomaten-Chart verkündet diese dunkle Zukunft bereits heute, wenn man man nicht zufällig Tomaten auf beiden Augen hat oder sonstwie fundamental verblendet ist.
Das Gleiche gilt, nebenbei bemerkt, für Ravioli-Dosen! Die Zocker aus den Goldthreads werden bei der klugen Hausfrau noch Schlange stehen mit ihren ungenießbaren Barren, wenn die post-hyperinflationäre Depression höhnisch aus den schwarzen Fensterhöhlen der zerbombten Städte grinst!